Sich einfach mal sattpilgern!

13. kulinarischer Jakobsweg Paznaun-Ischgl

Wenn (Berg-) Liebe durch den Magen geht

Auf der Suche nach dir selbst? Nach Gott? Nach Ruhe, nach einer neuen Perspektive auf die Dinge oder nach Seelenheil und Dankbarkeit? Wirklich neu ist die Idee des Jakobsweges nun wirklich nicht. Im Paznauntal hat man aber nicht nur traditionelle Rezepte neuinterpretiert, sondern gleich auch die Idee des Jakobsweges: In der Saison 2021 wurde dieser bereits zum 13. Mal pompös eröffnet. Mit Champagner und Live-Musik auf einer Berghütte, aber auch mit Einsamkeit, viel Ruhe und Zeit. Zeit zum Genießen. Zum Abschalten. Und auch Zeit, um sich dann eben doch noch selbst zu finden – ganz egal ob allein oder zu zweit!

Auf dem Weg zur Friedrichshafener Hütte. Mit den E-Bikes benötigen wir für die 600 Höhenmeter weniger als eine Stunde.

Wer am 10. Juli beim Wandern über dem Paznauntal das Bergpanorama genoss, der wird sich gewundert haben: Eine bunte Schlange wand sich den Berg hinauf, vorbei am Alpengasthof Dias, bis zum Almstüberl auf 2100 Metern. Angeführt wurde diese Truppe von Martin Sieberer, dem Chefkoch des 5 Sterne Superior-Hotels Trofana Royal Ischgl. Feierlich trug Sieberer quasi sein Rezept zum Almstüberl hinauf, genoss dort oben die Stimmung mit fetziger Live-Musik, prächtiger Aussicht, dem Fernsehen, Journalisten und Redakteuren aus ganz Europa. Und das war sie dann auch schon, die Idee des Kulinarischen Jakobswegs Paznaun-Ischgl. Sechs Berghütten. Sechs Köche. Sechs Gerichte. Klingt simpel. Ist simpel. Ist aber auch ausgesprochen lecker, landschaftlich herausragend, nach Belieben ausbaubar und nicht zuletzt ein wunderbares Bergerlebnis der etwas anderen Art. Was einst als Initiative zur Qualitätsverbesserung in den Tiroler Alpenvereinshütten gedacht war, zieht nun auch dieses Jahr wieder Genießer und Feinschmecker aus aller Herren Länder ins Paznaun. So saßen auch wir bei diesem sonnigen Fest, beide etwas verdutzt, ebenso wie die Otto-Normal-Wanderer, die ahnungslos in dieses Event stolperten, es uns letztendlich aber gleich getan haben und sich einfach mal sattpilgerten. 

Den ganzen Sommer über bleiben nun die Gerichte auf der Hütte, werden dort zwar nicht mehr von den großen Berühmtheiten aus dem Tal, dafür von den Wirten und Hüttenköchen selbst nachgekocht. So war das Event beim Almstüberl zwar ein ausgelassenes Fete, während der übrigen Saison aber ist diese Etappe des Kulinarische Jakobsweges eine schöne, ruhige Bergwanderung, für die man ohne Bahnunterstützung immerhin 800 Höhenmeter überwinden muss. Die bunte Presse-Schlange hatte sich hierfür natürlich der Diasbahn bedient, im sehenswerten Almmuseum Dias etwas übers Käsemachen gelernt, feinen Tiroler Speck und Schnaps gekostet und daraufhin frisch gestärkt den Weiterweg angegriffen. Oben wurde dann Seiberers Gericht aufgetischt. Der Gault&Millau-Koch des Jahres 2000 entschied sich für Kräuter-Rostbraten „Almstüberl“ mit Erdäpfelriebler und gebratenem Gmüas. Lecker!

Neben dem Almstüberl nimmt auch wieder die Heidelberger Hütte im langen Fimbatal, die Jamtalhütte, die Faulbrunnalm, die Ascherhütte und die Friedrichshafener Hütte am Jakobsweg Teil. Tatsächlich zu einem großen Weg verbinden lassen sich diese Hütten übrigens nur selten, was eine durchgehende Erwanderung des Jakobsweges unmöglich macht. Geschlafen wird im Tal, in den Hotels, wo man sich im besten Falle gleich ebenso von den Spitzenköchen bekochen lässt. Und so geht man den leckeren Pilgerweg am idealsten Etappenweise, vielleicht Wochenende für Wochenende, oder aber man spickt die Routen mit alpinen Abstechern, für die Ischgls hervorragende Berginfrastruktur genutzt werden kann. Wir beide entschließen uns deswegen dazu, die Feier hinter uns zu lassen, gondeln am Nachmittag auf der gegenüberliegenden Talseite den Berg hinauf und halten schon bald das erste Stahlseil des Greitspitzen-Klettersteigs in den Händen. Hoch über Ischgl, wo im Winter die Superstars legendäre Konzerte geben, ist nun kaum eine Menschenseele unterwegs. Wir haben die Berg für uns allein, steigen, hangeln und klettern die formschöne Kante hinauf und stehen am Gipfel zwar nur knapp unter den Wolken, dafür aber weit über all dem Trubel. 

Die Aussicht übers Paznauntal fesselt uns. Die wilde Küchlspitze lässt immer wieder ihr selten besuchtes Gipfelkreuz durch die Wolken blitzen. Und auch wenn der Sommer noch immer versucht die letzten Altschneefelder von den umliegenden Bergen zu schmelzen, so ist die Südostwand dieser Felskathedrale von feinem Neuschnee überzuckert. Ganz anders sieht die Lage weiter westlich aus. Zwischen Galtür und Ischgl, wo von Mathon ein Fahrweg im Zickzack den Berg hinaufführt, erkennen wir die Friedrichshafener Hütte im Sonnenschein. Das warme Licht strahlt aufs grüne Gras und fast können wir sogar die rosafarbenen Alpenrosen dort oben blühen sehen. Schnell ist unser Entschluss gefasst: Auch wenn eigentlich erst nächstes Wochenende Benjamin Parth, Küchenchef des Hotel Yscla, sein Gericht dort hinaufbringen wird, so wollen wir der Sache zuvorkommen. Arm in Arm noch schnell ein Selfie, und schon geht’s wieder abwärts. Im Tal angekommen organisieren wir uns noch im Hotel ganz problemlos zwei E-Bikes für den morgigen Tag und gehen bald schon voller Vorfreude zur Ruh. 

Pünktlich zum Frühstück fallen die letzten dicken Tropfen vom Himmel und wir treten vor der Hoteltür in eine angenehme, milde Sommerfrische. Die Akku-Räder schieben uns gleich darauf nicht nur kraftsparend nach Mathon, sondern auch noch in Windeseile bis zur Friedrichshafener Hütte hinauf. So frei darf man schon sein: Bei dieser vogelwilden Jakobsweg-Interpretation ist es auch vollends egal, ob man die Höhenmeter nun aus eigener Kraft zu Fuß, oder mit Antrieb aus der Steckdose überwindet. Die Vorteile liegen dabei auf der Hand! Wir ersparen uns den Talhatscher vom Hotel bis nach Mathon, machen wertvolle Freizeit gut und pedalieren sogar noch vor dem Mittagessen an der Hütte vorbei, den Paznauner Höhenweg entlang, einfach so weit wie die Akkus uns tragen. Ohne Ziel. Ohne Zeit. Ohne Druck. So kommen wir schnell in den Flow, durchfahren aufsteigende Hangwolken, rollen durch kleine Wasserläufe und verlieren uns im Spaß, der Aussicht und in einer gewissen Sinnlosigkeit dieser Unternehmung: Warum? Wohin? Wie weit? Das spielt alles keine Rolle mehr und vielleicht haben uns gerade die E-Bikes den Jakobsweg dann doch schneller näher gebracht als anfangs noch gedacht. Es ist schön hier oben. So allein. Und doch zu zweit. Fast hätten wir vergessen, wie gut das tut!

Mit leergesaugten Akkus aber vollen Herzen, halten wir noch einige Minuten Inne und beobachten die Wolken, die wie wild um die Gipfel jagen. Dann lässt uns der Hunger wieder talwärts rollen, zur Friedrichshafener Hütte auf 2138 Metern, wo uns der Koch mit dem einzigen veganen Gericht des Jakobsweges empfängt. Heimischer Pilz im Röstimantel auf Paprikakraut und Schnittlauch-Sauce. Auch vegan kann deftig! Mit Blick auf den kleinen See direkt neben dem kantigen Naturstein-Gebäude, lassen wir uns ein Bier, das gute Essen und gleich noch ein Bier schmecken. Wir finden hier oben keine Lifemusik. Auch ist weit und breit kein Champagner zu sehen. Dafür finden wir Portionen, die sportliche Bergfreunde satt machen. Wir finden faire Preise und schmackhafte, regionale Gerichte, die man sonst auf wohl keiner Hüttenkarte erwartet. Wir finden ihn, den Kulinarischen Jakonbsweg – genau so, wie ihn jeder andere auch finden kann. Simpel und gut. Mit fantastischem Bergblick. Einem wunderbaren Outdoor-Erlebnis. Und mit einem flachen Felsen, auf dem man gerade so zu zweit noch sitzen kann. Mit dem Teller in der einen und der Partnerhand in der anderen Hand. Das kühle Getränk ist derweil in die Alpenrosen gelehnt, die hier oben tatsächlich schon wunderbar blühen. 

Text: Benni Sauer 

KULINARISCHER JAKOBSWEG PAZNAUN-ISCHGL

Sechs Hütten. Sechs Köche. Sechs Gerichte. Wer alle Hütten erwandert, bekommt nicht nur die geballte kulinarische und landschaftliche Vielfalt des Paznauntales geboten, sondern kann mit allen Hüttenstempeln 4x ein Wochenende für zwei Personen in den luxuriösen Hotels des Tales gewinnen! Welche Gerichte auf den jeweiligen Hütten serviert werden, ist übrigens kein Geheimnis: Selbst die Rezepte und Zubereitungstipps, sowie weitere Infos und Öffnungszeiten der Hütten, findet man auf http://www.paznaun-ischgl.com

Ascherhütte 2256 m
Starkoch Andreas Spitzer tischt auf: Grammelknödel mit Sauerkraut und geriebenem Paznauner Bergkäse. Die Knödel muss man sich hart erarbeiten, wenn man auf die Seilbahnen verzichten möchte. Von See aus sind es stolze 1200 Höhenmeter, für die man zu Fuß vier Stunden veranschlagen muss. Keine halbe Stunde braucht man dagegen von der Bergstation, die direkt aus dem Ort See heraus über die Medrigalm fährt. 

Heidelberger Hütte 2264 m 
Patrick Raaß, ebenso wie Andreas Spitzer 3-Hauben-Koch, kreierte für die Heidelberger Hütte Kaspressknödel mit Buttermilch auf Peperonata. Die höchstgelegene der sechs Hütten liegt als einzige auf Schweizer Boden und ist in etwa 4 Stunden vom Wanderparkplatz zu erreichen. Durchs weite Fimbatal wandert man stetig bergauf und übertritt bald schon die Grenze nach Graubünden. Seilbahn-Abkürzung ist hier nicht möglich – ein E-Bike macht sich bezahlt!

Jamtalhütte 2165 m
Im gleichnamigen Jamtal gelegen, umringen gleich mehrere Gletscher die Jamtalhütte. Piz Buin, Dreiländerspitze, Fluchthorn und unzählige weitere Gipfel senden mächtige Eisströme talwärts. Unterhalb des ewigen Eises tischen die #youngchefspaznaun auf. Die nächste Spitzenkoch-Generation steht hier schon in den Startlöchern und kreierte „Pasta“ ala YoungChefsPaznaun mit Steinpilzen, Bergkäse, Kraut und Rüben. Von Galtür überwindet man in etwa 2 Stunden die 600 Höhenmeter bis zur Hütte. 

Faulbrunnalm 1950 m
Unweit des mächtigen Stausee Kops, liegt die idyllische Faulbrunnalm. Hermann Huber, der seit fast 40 Jahren Küchenchef im Huber-Hotel Almhof Galtür ist, produziert international ausgezeichneten Almkäse und interpretierte für die Faulbrunnalm ein traditionelles Gericht neu und besonders leicht: Henne in Krensauce mit Kraut und Rüben darf jeder kosten, der die 400 Höhenmeter zu Fuß, oder mit der Alpkogelbahn überwindet. 

Friedrichshafener Hütte 2138 m
Heimischer Pilz im Röstimantel auf Paprikakraut und Schnittlauch-Sauce. Klingt nicht nur lecker, sondern ist auch das einzige vegane Gericht des diesjährigen Jakobsweges. Starkoch Benjamin Parth, erst letztes Jahr als „Young Talent of the World“ und dieses Jahr mit vier Hauben ausgezeichnet, bringt frischen Wind auf die Berghütte. Wirt Wolfram Walter weiß das Gericht nur zu gut nachzukochen und verwöhnt seine Gäste gerne noch mit einem Schnapserl zum Abschied. Etwa 2,5 Stunden benötigt man für den Aufstieg von Mathon, den man wunderbar mit dem E-Bike abkürzen kann.

Almstüberl 2100m
Martin Sieberer, ebenso 4-Hauben-Koch, präsentiert Kräuter-Rostbraten „Almstüberl“ mit Erdäpfelriebler und gebratenem Gmüas. 750 Höhenmeter von Kappel gilt es zu überwinden, möchte man den Aufstieg aus eigener Kraft bewältigen. Die Region ist aber gut mit Seilbahnen erschlossen und das Almstüberl kann im Aufstieg von der Bergstation der Diasbahn, sowie im Abstieg nach einer Fahrt mit einem 4er-Sessellift erwandert werden.

Guten Appetit!

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