Skitouren in Livigno

Spuren im Weissraum

Das zollfreie Livigno ist bekannt für seine großzügigen Pisten. Doch abseits des Liftareals öffnet sich ein fantastisches Skitourengebiet, das nur darauf wartet, entdeckt zu werden. (Titelbild: Grandios: Abfahrt vom Monte di Foscagno ins Vallacciatal.)

Nur ein Espresso, so viel Zeit muss sein. „Das erste, was du mit einer Gruppe machen musst, ist morgens einen Kaffee zu trinken“ erklärt Paolo Marazzi. Also gut, rein in die Bar und für alle einen Espresso – auf ein paar Minuten kommt es nun wirklich nicht an. Wir sind schließlich in Livigno und damit in Italien – und da gehört zum optimalen Start in den Tag nicht nur für Paolo Marazzi ein Espresso. Der begeisterte Kletterer, Telemarker und Freerider, der im Winter als Bergführer in Livigno arbeitet, liebt und genießt sein Leben in den Bergen. Die Arbeit ist dabei Mittel zum Zweck, auch wenn er seinen Beruf als Bergführer durchaus schätzt. „Wenn ich mit einer guten Gruppe unterwegs bin, dann macht das richtig Spaß“ freut er sich mit uns auf die Skitourentage im unbekannten Backcountry von Livignos Skigebieten. 

Einladend: Die weiten Hänge im Talschluss des Valle di Federia warten geradezu auf die ersten Spuren, dennoch ist man hier oder am Monte di Foscagno oft allein unterwegs.

Und das ist für viele ein weißer Fleck auf der Landkarte. Klar, Livigno als zollfreies Einkaufs-Schlaraffenland kennt jeder, auch die extrabreiten Pisten, die sich links und rechts des breiten Talbodens ausbreiten, haben viele schon abgefahren, doch die wahre Größe des Hochtales entdeckt man erst abseits der Skigebiete. Für einen ersten Eindruck bietet sich der Monte Garone mit seinem Nachbargipfel Monte Breva an – trotz leichter Erreichbarkeit vom Skigebiet ist man selbst hier häufig allein unterwegs. Bereits beim Anstieg über die weiten Schneedünen im Talschluss des Valle di Federia zeigt sich, was für Möglichkeiten Livigno bietet. Auf den letzten Metern zum Monte Garone begeistert jedoch erst einmal die Kulisse: Kurz unter dem Gipfel tauchen plötzlich die ersten Zacken über dem Schneekamm auf und dann steht die eisgepanzerte Berninagruppe mit Piz Palü und Biancograt in voller Pracht direkt vor einem – einfach großartig.

Livigno: Monte di Foscagno

„Ich liebe Livigno“ schwärmt Paolo beim Blick über die weiße Gipfelwelt, „hier gibt es den perfekten Mix aus Freeride und Skitouren – und viele unverspurte Hänge“. 

So wie die Couloirs in der Nordflanke des Monte Breva, in die Paolo als erster seine Spur legt – und wir mit viel Freude folgen. Im Valle del Monte lassen wir die Ski laufen und erreichen so flott den Talboden von Livigno – und eine Bushaltestelle. Die kostenlosen Busse fahren auf mehreren Linien durch das Hochtal und bringen einen so bequem zurück in das zollfreie Einkaufs-Schlaraffenland mit seinen Einkehrmöglichkeiten. Neben einer Brauerei locken viele Bars, in denen man zum Aperol Spritz oder einem Bier ganz selbstverständlich auch Chips, Oliven oder Käse gereicht bekommt – das gehört in Italien einfach dazu. Ein Mix, den auch Fabiano Monti schätzt. „Tagsüber bist du komplett allein auf Tour und abends genießt du im Ort italienisches Flair, gutes Essen und triffst freundliche Leute“. Der promovierte Lawinenwissenschaftler, der unweit des Comer Sees aufgewachsen ist, wohnt seit einigen Jahren in Livigno und liebt seine Wahlheimat. Zusammen mit den einheimischen Bergführern initiierte er das »Livigno Freeride Project«. „Wir möchten jeden, der nach Livigno kommt, mit den bestmöglichen Infos versorgen“, erklärt Lawinenexperte Monti, „daher haben wir uns entschlossen, täglich einen eigenen, lokalen Lawinenlagebericht herauszugeben“. Von diesem Service profitieren natürlich nicht nur die Freerider, sondern auch die Skitourengeher.

Livigno: Skitour Monte Garone & Monte Breva

Die Verhältnisse sind jedenfalls ideal, die Lawinengefahr gering und so starten wir am nächsten Tag ins kilometerlange Val delle Mine. Ein Skitourenparadies, in dem es allerdings kurzzeitig auch laut werden kann – in Livigno ist Heliskiing erlaubt. Wo gerade geflogen wird, erfährt man im Livigno Outdoor Center, dem Büro von Fabiano Monti. „Heliskiing hilft uns, den Hubschrauber vor Ort für die Bergrettung zu finanzieren“ wirbt er um Verständnis, „wenn du auf Tour bist, dann wird es natürlich kurz mal laut – aber über das Jahr gesehen sind es insgesamt nur 40 Flugstunden“. Heute sind es nur ein paar Augenblicke, dann ist der Heli im Nachbartal verschwunden, während wir auf der Tour zum Passo di Foscagno wieder die Ruhe und Einsamkeit genießen. Und Paolo folgen, der uns über den Kamm des Costa delle Mine ins Vallacciatal und weiter auf einen Vorgipfel des Monte Forcellina führt. Mit Blick auf die im Nachmittagslicht leuchtende Ortlergruppe tauchen wir dort in ein verlockendes, wenn auch schattiges Kar ein, das wie ein Kühlschrank den Pulverschnee konserviert und uns unten an der Straße zum Passo di Foscagno wieder ausspuckt.

Livigno: Vom Val delle Mine auf den Monte Forcellina-Vorgipfel

Die benachbarte Passhöhe ist der Ausgangspunkt für die Skitour auf den Monte di Foscagno. Trotz strahlendem Sonnenschein genießen wir auch diesen Gipfel allein – und ziehen beim Blick über die weiße Schneeschüssel des Vallacciatals in Gedanken schon unsere Spuren in die endlosen Hänge. Vor allem zwei Berge mit ihren Traumhängen erregen unsere Aufmerksamkeit. „Wir nennen die einfach »no name 1« und »no name 2«“ meint Fabiano lapidar. Natürlich landen auch die namenlosen Berge, die in anderen Regionen längst Klassiker wären, aber hier in der Masse an Zielen schier untergehen, auf unserer Tourenwunschliste für den nächsten Livigno-Besuch. Nach einem Gegenanstieg auf den Monte della Neve führt die finale Abfahrt direkt zurück nach Livigno – und damit zum verdienten Bier. Nachdem uns Paolo in den letzten Tagen einige seiner Lieblingstouren gezeigt hat, verrät er uns in der Bar noch ein Geheimnis. „Im Grunde brauche ich zum Start gar keinen Kaffee“ meint er grinsend, „aber das gehört einfach dazu, das ist ein Ritual“.

Text & Bilder: Stefan Herbke

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