Söldens stille Seite

Über Ursprünglichkeit, wo man sie am wenigsten erwartet

Pisten, Après-Ski. Chaletsiedlungen, Hotelstraßen. Eine Touristen-Metropole im Winter. Aber – was ist in Sölden eigentlich im Sommer zu finden? Ein Porträt über ein Tal, in dem sich viel mehr verändert, als die Jahreszeit. Ein Porträt über Söldens stille Seite.

Ein Meer aus herbstlich roten Blaubeer-sträuchern mündet in das glasklare Wasser der Windach. Dazwischen ein kleiner Pfad, an manchen Stellen so schmal, dass die Wanderschuhe nicht nebeneinander Platz haben. Seit Stunden schon sind wir hier an diesem Sonntag unterwegs. Gesehen haben wir ein Murmeltier, einen Bartgeier. Sonst niemanden. Das einzige Geräusch ist der sich verändernde Gesang der Windach. Weiter unten noch hat sie friedlich gegluckert, mittlerweile ist daraus ein Tosen geworden. Vorher noch, als die Sonnenstrahlen auf der Wasseroberfläche gebrochen sind, war ihr Wasser fast türkis. Mittlerweile haben dichte Wolken den blauen Himmel überzogen. Das Wasser ist grau, milchig, eiskalt.

Dass die Sonne nicht weit weg sein kann, das erscheint mir gerade genauso unwirklich wie die Tatsache, dass der nächste Talort nur ein paar Kilometer und ein paar hundert Höhenmeter hinter uns liegt. Und dieser Talort, das ist noch nicht einmal irgendein beschauliches, kleines Dorf. Sondern Sölden im Ötztal. Sölden, das bekannt ist für seine makellos präparierten Pisten, für Après-Ski, Chaletsiedlungen, Hotelstraßen. Laut, beschäftigt. Eine Touristen-Metropole. Zumindest im Winter. Dann haben auf 2.450 Einheimische fast 13.000 Touristen gleichzeitig Platz zwischen den Hängen und Gipfeln der Ötztaler Alpen.

Was, wenn wir uns um 180 Grad drehen?
Im Sommer geht es beschaulicher zu. Ruhiger, langsamer. Laut Angaben des Tourismusverbands gibt es während der Sommermonate weniger als ein Drittel der Winter-Übernachtungen. Die großen Bergbahnen aber sind dennoch in Betrieb, befördern Wanderer und Touristen in minutenschnelle auf Höhen mehr als 2.000 Meter über Null. Das passiert in Söldens Westen. Dort spielt sich der Tourismus ab, dort tobt im Winter der Trubel.

Was aber, wenn wir uns um 180 Grad drehen? Richtung Osten. Was passiert unterhalb des Söldenkogels, was passiert im Tal weiter hinten?

Das sind die Fragen, die ich mir gestellt habe, bevor ich den schmalen Pfad zwischen Blaubeersträuchern und glasklarem Wasser entlang gewandert bin.

Erste Hinweise habe ich zu recherchieren versucht: Dort, wo die Windach zwischen 3.000 Meter hohen Gipfeln entspringt, dort sei man ganz für sich. Hieß es. Das Windachtal gehöre zu den ursprünglichsten Tälern Tirols, hieß es. Auf Wanderungen wäre man dort recht verlassen unterwegs, würde über unberührte Landstriche ziehen, über satte Almböden und eine alpine Landschaft, die sich über die Jahrzehnte kaum verändert hat. Wir würden heute noch eine Landschaft finden, die der gleicht, als die ersten Menschen das Ötztal besiedelt haben. Hieß es.

Doch solche Aussagen sind rar, das Internet ist wie leer gefegt, sobald wir von Sölden aus die Himmelsrichtung wechseln.

Angekommen im Märchenwald
Genau das machen wir an diesem Wochenende. Von Sölden aus Richtung Osten wandern. Im Ort überqueren wir von der Hauptstraße aus die Ötztaler Ache, wandern dorthin, wo heute Morgen die Sonne aufgegangen ist. Am Eingang des Windachtals thront der Hohe Söldenkogel, der um ein paar Meter die 3.000er-Marke verpasst hat. Sein großes Gipfelkreuz können wir schon vom Talboden aus gut erkennen, obwohl uns rund 1.600 Höhenmeter trennen. Ein Blickfang, eine imposante Vorschau am Taleingang auf das, was weiter hinten warten wird.

Während wir im Wald die ersten Serpentinen hinter uns gebracht haben, verändert sich die Landschaft. Der Weg wird schmaler, die Wurzeln stehen weiter aus der Erde. Direkt auf Augenhöhe erstarrt ein Eichhörnchen erschrocken auf dem Ast einer Lärche. Wie versteinert sitzt es da, als wäre es überrascht, uns hier zu sehen. Die Sonne blitzt immer wieder zwischen den Bäumen durch und zeichnet unsere Schatten auf den Boden. Ein Märchenwald zwischen Spätsommer und Herbst. Zwischen Sölden und Söldens stiller Seite. Der Wind bringt den Probealarm der Feuerwehr-Sirenen hoch in den Wald, während wir nichts sehen außer Bäume und Berge, die an kahlen Stellen durchblitzen.

Die erste Pause legen wir ein, als sie eigentlich noch gar nicht nötig ist. Weil es zu schön aussieht, um weiterzugehen. Und wir essen, obwohl wir noch keinen Hunger haben. Weil es zu gut riecht, um nichts zu bestellen. Die Terrasse der urigen Stallwies-Alm liegt in der Sonne, im Freien gibt es gerade mal sechs Tische. Der mit der schönsten Aussicht ist noch frei. Neben uns sitzt ein Söldner Ehepaar, das fast jedes Wochenende einmal zur Alm aufsteigt. Zwei Freunde, deren liebste Mountainbike-Strecke von hier nach unten ins Tal führt. Und Wanderer, die an diesem Geheimtipp genauso wenig vorbeigehen konnten wie wir.

Mit der Stallwies-Alm haben wir den Märchenwald hinter uns gelassen. Die Bäume geben das Panorama frei auf die umliegende Gipfelwelt. Auf die gegenüberliegenden Westhänge Söldens, an denen sich Lifte und Gondeln nach oben ziehen. Still blicken wir auf die andere Seite. Weiter auf die großen Gipfel des Ötztal und jene, die die Grenze zu Italien markieren. Gegenüber auf der anderen Seite thront das Brunnenkogelhaus über Sölden und dem Windachtal. Wie ein Storchennest auf einem Schornstein ruht es auf der Gipfelspitze unterhalb des Vorderen Brunnenkogels. Es markiert die Richtung, die wir nun einschlagen.

Immer am Wasser entlang
Die Windach ist das Herz des Tals, sie gibt die Richtung vor, ist das einzige Geräusch. Je weiter wir zu ihr absteigen, desto wilder scheint auch der Wald zu werden. Laubbäume mischen sich mit Lärchen und Zirben, Farne erkämpfen sich Herbstsonne, während die letzten Blaubeeren an den schon rot-verfärbten Büschen den Sommern noch nicht gehen lassen wollen.

Je weiter wir das Windachtal nach hinten laufen, desto enger wird es, desto steiler werden die Wände rechts und links, auf denen die Gipfel sitzen. Das Brunnenkogelhaus sieht auch an seiner Rückseite nicht weniger imposant aus, nicht weniger exponiert. Das aber ist heute nicht unser Ziel – wir wollen viel tiefer hinein ins Tal.

Das Windachtal erstreckt sich Richtung Osten bis in die Stubaier Alpen. Seine Wälder sind ausgewiesene Reservate, manche Bäume 300 Jahre alt. Vielleicht wirkt es deshalb, als wäre die Zeit hier stehen geblieben. Als hätte sich nicht mehr verändert als der Pegel der Windach. An manchen Stellen ist ihr Flussbett so breit, dass wir nur erahnen können, wie wild und laut sich das Schmelzwasser im Frühjahr seinen Weg Richtung Tal bahnen muss. Gerade gurgelt es an dieser Stelle nur ein wenig, das Wasser plätschert zwischen Kiesbänken hindurch und über graue Sandinseln.

Sölden hat eine stille Seite
Nach diesem Tag kann ich verstehen, warum das Eichhörnchen im Märchenwald erschrocken war, uns zu sehen. Und ja, all die Hinweise, die ich schon vor der Wanderung recherchiert habe, die stimmen.

Dort, wo die Windach zwischen 3.000 Meter hohen Gipfeln entspringt, dort sind wir ganz für uns. Das Windachtal gehört zu den ursprünglichsten Tälern Tirols, das kann ich mir gut vorstellen. Auf Wanderungen sind wir hier recht verlassen unterwegs. Wir ziehen über unberührte Landstriche, über satte Almböden und eine alpine Landschaft, die sich über die Jahrzehnte kaum verändert hat. Wir haben eine Landschaft gefunden, die der gleicht, als die ersten Menschen das Ötztal besiedelt haben.

Sölden hat eine stille Seite. Und die ist beinahe unheimlich ruhig.

Autorin/Fotos: Franziska Consolati

UNTERWEGS AUF SÖLDENS STILLER SEITE

Vom Tagesausflug bis zum Hütten-Trekking: das Windachtal ist die richtige Adresse für alle, die sich nach Ursprünglichkeit sehnen. Ganz unabhängig davon, wie lange sie bleiben möchten.

Die volle Länge des Tals erkunden wir, wenn wir den Weg zur Siegerlandhütte einschlagen.

Anspruch: T2, mäßig
Länge: 13,2 Kilometer
Aufstieg: 1.362 Höhenmeter

Start der Tour ist entweder direkt in Sölden: auf der Ostseite des Bachs startet die Wanderung auf dem Zentralalpenweg. Oder bei Fiegls Gasthaus für alle, die ein paar Kilometer und Höhenmeter abkürzen wollen. Zu Fiegls Gasthaus fährt während der Sommermonate von unterschiedlichen Haltestellen in Sölden aus ein Hüttentaxi (Ende Juni bis Anfang Oktober).

Von den Windachalmen aus folgen wir dem Karrenweg taleinwärts, bis er sich immer weiter verengt. Wir kommen an der Talstation der Materialseilbahn vorbei, die die Hildesheimer Hütte bedient, passieren eine Brücke, bis der Weg direkt am ausgewaschenen Flussbett entlangführt.

Ab der Talstation der Materialseilbahn zur Siegerlandhütte auf 2.392 Metern geht’s dann durch Schrofengelände deutlich bergauf.

Wer sich von der Aussicht der Siegerlandhütte nicht so schnell trennen will, der kann über Nacht bleiben. Oder aber wir wandern zurück nach Sölden – auch am Spätennachmittag ist die Abkürzung per Hüttentaxi wieder möglich.

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