Steter Tropfen höhlt den Stein

Herbstliche Wasserfallwanderungen im Allgäu

Wieder einer dieser Herbsttage. Nichts ist zu sehen vom dunkelblauen Himmel. Von den goldenen Lärchen, die vielleicht, gerade noch so über der Wolkendecke, in der Sonne strahlen. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Womöglich trotzen auch sie im Nebel dem schlechten Wetter, dem ersten Frost und den kurzen Tagen. Der Herbst kommt. Stetig und mit großen Schritten. 

Hohe Gipfel zu besteigen ist jetzt undenkbar. Die undurchschaubaren Witterungs- und Schneeverhältnisse geben viel mehr Grund zur defensiven Tourenplanung, die sogar überraschend kreativ ausfallen kann. Selbst in Talnähe. Und was liegt da näher, als an einem Regentag den Wassern des Allgäus einen Besuch abzustatten? Schluchten, Wasserfälle, Seen und Flüsse. Das flüssige Leben stürzt sich fast überall die Berge hinab, wo sie als – mal mehr, mal weniger – bekannte Sehenswürdigkeiten im Tal zusammenlaufen. Sie zu besuchen ist oft auch in einer kurzen Regenpause möglich. Festes Schuhwerk und eventuell Wanderstöcke, ermöglichen dabei ein einsames Erlebnis. Ein Fotoapparat gehört auch zur Standardausrüstung. Die Herbstfarben zaubern hier und da warme Akzente in die Kälte und die meisten dieser Schlecht-Wetter-Spots sind auch wunderbar mit Kinder zu erreichen. 

Buchenegger Wasserfälle
Sicher kein Geheimtipp mehr, findet man aber gerade an den schummrigsten Herbsttagen hier eine einsame, für die meisten ungewöhnliche Stimmung vor. Die beiden Wasserfälle erreicht man am einfachsten von Norden, wo ein Parkplatz als Startpunkt dient. Diesen erreicht man in wenigen Minuten, wenn von Oberstaufen Richtung Buchenegg fährt. Fast einhundert Abstiegsmeter müssen von hier auf einem steilen, meist etwas rutschigem Waldweg bewältigt werden. (UPDATE: Dieser Parkplatz ist nicht mehr erreichbar. Der letzte Parkplatz von dieser Seite ist am Hündle. Kürzer wäre es in diesem Fall also von der anderen Seite über Steibis.) Das im Sommer schattenspendende Blätterdach liegt hier jetzt als dicke, raschelnde Decke auf dem Boden. Schon von weit oben lässt sich durch die nun kahlen Bäume das Wasser der Weißach erahnen und keine 30 Minuten, einige Stufen und Wurzeltreppen später, ist der Talboden erreicht. 

Hier will aber erst noch die Weißach überquert werden, was für die Kleinen, je nach Wasserstand sogar für so manchen Großen, ein eigenes kleines Abenteuer darstellt. Zwischen riesigen Felsbrocken schlängelt sich das klare Wasser tosend bergab. Direkt unter den Füßen. Die Macht des Wasser kann man sich hier gut vorstellen, auch wenn man bedenkt, dass 2005 der ursprüngliche Steg von den Wassermassen zerstört wurde. Erst ein Jahr später wurde die Stahlkonstruktion erbaut, die heute einen sicheren Zugang von Buchenegg erlaubt.

Am gegenüberliegenden Weißach-Ufer trifft man schließlich auf den Wanderweg, der von Steibis herunterführt. Hier erleichtert Wanderern noch eine kurze Leiter den letzten Abstieg. Am Kiesstrand ist man nun dem unteren Wasserfall ganz nahe. Direkt vor einem stürzen die Wassermassen eine zehn Meter hohe Felsklippe herunter. Hier ist besonders die spannende, geologische Geschichte der Buchenegger Wasserfälle zu erwähnen. Das Gestein, ein relativ junges Konglomerat, entstand in der Zeit des Miozäns vor 15 bis 17 Millionen Jahren. Das für die Region typische Nagelfluh-Gestein erinnert an eine Beton-Mischung, weswegen es Einheimische auch gerne als „Herrgotts-Beton“ bezeichnen. Seitlich des Wasserfalls lässt sich gut erkennen, wie einerseits das Wasser den Fels durch Ablagerung unterschiedlichster Gesteinsarten entstehen ließ, es aber gleichzeitig auch wieder zunichtemacht. In tausender Jahre währender Arbeit, ließ die Strömung ein interessantes Konstrukt entstehen, aus dem die festeren Ablagerungsschichten wie ein Gerippe hervorstehen. Steter Tropfen höhlt den Stein. 

Ein kleiner Pfad führt auch hinauf zum zweiten Wasserfall. Dieser stürzt direkt oberhalb des unteren in eine schimmernde Gumpe. Nicht weniger spektakulär haben sich die Wassermassen durch den Felsen gefräst, ihn ausgehöhlt und geformt. Dieses Naturbecken lädt, wie die weiter unten liegende Gumpe auch, in den Sommermonaten zu einer spaßigen Abkühlung ein. Gumpenspringer stürzen sich sogar teilweise von fast 30 Meter hohen Felsklippen in die Becken. Aber auch wenn die kalten Tage wohl kaum jemanden zum Baden bewegen werden, sei erwähnt, dass das Klippenspringen hier ein hohes Risiko birgt. Mehrere schwere, leider auch tödliche Unfälle, sollten Grund genug sein, auf den Wegen zu bleiben.


Die Starzlachklamm
Südlich des Grünten, dem Wächter des Allgäus, fließt der Strom der Starzlach. Der etwas eigensinnig wirkende Name ist leicht erklärt. Starzlach steht für „über die Felsen springende Ach“, was der kräftige Fluss auch schon nach einem kurzen Fußweg eindrucksvoll bestätigt. Im Winkel, östlich von Sonthofen darf hierfür geparkt werden. Über einen breiten Wanderweg gelangt man unschwierig zum Klammwirt, einer gemütlichen Jausenstation. Hier, am orografischen Ende der Starzlachklamm rauscht der Strom über geneigte Platten in ein großes Becken und wer Glück hat, der kann wagemutige Wasserratten beim Canyoning beobachten. Hier spuckt der Wasserfall die in dicken Neoprenanzügen verpackten Sportler aus der Klamm.

Nach einem kleinen Eintrittsgeld wird der Weiterweg nun zunehmend schwieriger. Kinderwägen haben keine Chance mehr und oft ist der Pfad nur wenige Zentimeter breit. Auf den rutschigen Steinen Halt zu finden ist nicht immer eine einfache Aufgabe und spätestens, wenn direkt neben einem die enormen Wassermassen in die Tiefe krachen, ist das Erlebnis Klamm geglückt. Eindrucksvoll kann man sehen, wie die archaische Kraft am Fels arbeitet. Ihn formt und immer wieder aufs Neue gestaltet. Doch damit ist noch lange nicht genug! Je weiter man aufsteigt, desto schmaler wird die Schlucht, desto enger rücken die Felswände aneinander. Einige Brücken ermöglichen die Überquerung der tosendend Starzlach und einmal führt der Weg sogar durch einen kleinen Felsdurchbruch hinauf, wo man schnell wieder ans Tageslicht gelangt. 

Von den vielen Brücken und Stegen hat man eine einmalige Sicht auf den Canyon. Auch wenn man für die Begehung der Starzlachklamm schwindelfrei sein sollte, erleichtern die Metallkonstruktionen das Vorhaben enorm. Genauer gesagt, wäre es ohne sie wohl kaum möglich. Interessant ist dabei, dass die Starzlachklamm erst 1923 erschlossen wurde. Seitdem ist die Klamm als sogenannte Nummulitenklamm bekannt. Das bedeutet, dass in den Felsen münzförmige Tierreste mit Kalkschalen zu finden sind. Einen aber noch holprigeren Namen haben die äußerst seltenen Krebse, deren Versteinerungen hier zu finden sind. Der nächsten größeren Ortschaft der Umgebung verdanken sie den Namen „Xanthopsis sonthofenensis“.

Übrigens: Die Klamm ist offiziell nur bis Ende Oktober geöffnet. Wer eine Rundwanderung plant, sollte außerdem nicht verpassen, in der Klamm auch einen Blick zurück zu werfen. Eine lohnende Aussichtsplattform könnte sonst schnell übersehen werden!


Geratser Wasserfälle
Kaum jemand kennt den Ort Gerats. Nur einen Steinwurf südlich des Rottachsees schmiegen sich hier einige wenige Höfe und Häuser in die sanften Hügel des Alpenvorlandes. Dass es der kleine Geratser Wasserfall sogar schon auf Titelbilder von Büchern und Magazinen geschafft hat, mag man kaum glauben. Doch das verträumte Juwel liegt fast schon am Straßenrand. Parkplätze aber sind trotzdem rar, weswegen man den Wagen am besten in Vorderburg stehen lässt. Dem Kranzegger Bach kann man dann schon bald folgen, bis zum Wasserfall, der gut versteckt zwischen den Bäumen liegt. 

Etwa fünf Meter fällt das Wasser in die Tiefe. Wer genau hinsieht, findet auch hier gleich eine Besonderheit: Die Felswand, die der Kranzegger Bach hier hinabfällt, ist nicht natürlichen Ursprungs. Deutlich sind von Menschenhand aufgeschichtete Mauersteine zu erkennen, die jedoch nicht im Geringsten am naturnahen, ursprünglichen Touch des Spots nagen. An dunklen Herbsttagen ist hier sogar oft überhaupt niemand anzutreffen, weswegen grade dann die verträumte, mystische Stimmung des Platzes besonders gut zur Geltung kommt. Für Fotofreunde ist der Wasserfall ein perfekter Platz, aber auch Familien mit Kindern kommen auf der kurzen Wanderung auf ihre Kosten. Übrigens lohnt sich ein Besuch nach (oder während) einer längeren Regenphase. Dann schwillt der Bach deutlich an und die Wassermassen erreichen ein eindrucksvolles Ausmaß! 

Text: Benni Sauer

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