Tolle Tage in Tramin

Der Ort an der berühmten Weinstraße Südtirols ist wie gemacht für einen genussreichen Mountainbike-Urlaub. Das garantiert neben den ausgezeichneten Winzern schon Hotelier und Bike-Guide Armin Pomella, ein wahres Urgestein der Szene.

Warum verweigert der Kerl jetzt den Begrüßungs-Handschlag? „Hab‘ mir wehgetan“, entschuldigt sich Armin Pomella, der Chef des „Traminerhofs“. Vom Rad gefallen? „Iwo, ist auf der Baustelle passiert, Finger eingeklemmt. War etwas hektisch die vergangenen Wochen. Schließlich musste das neurenovierte Hotel startklar sein, als im April die ersten bikenden Gäste anreisten.“ So kennt man den 54-Jährigen: von Ostern bis Allerheiligen im Dauereinsatz, 24/7. Nicht, weil er muss, sondern weil es ihm noch immer einen Heidenspaß macht, seinen Kunden die schöne Heimat auf zwei Rädern zu zeigen. Vielleicht liegt es an den Genen: Immerhin war es seine damals ledige (!) Oma, die in den 1960er Jahren mit dem „Traminerhof“ das erste Hotel am Ort eröffnete – mit WC und Dusche auf den Zimmern, einem Luxus, den die meisten damals nicht einmal in ihren Privathäusern hatten. Jetzt steht mit Armins Sohn Andreas bereits die dritte Generation hinter der neuen, sehr stylisch gewordenen Rezeption und an der coolen Bar, Motto: „Good life, cool Ride.“. Und deshalb hat der Papa wieder mehr Zeit für das Guiding. „Im vergangenen Mai saß ich an 25 Tagen im Sattel, rund hundert Touren waren es über den ganzen Sommer.“ Na, denn…

Lockeres Cruisen nahe Eppan – die Trails rund um die Montiggler Seen sind da bereits geschafft.

Doch Armin bremst uns, die wir gleich hoch hinaus wollen, erst einmal ein. „Schaut mal zum Monte Roen hinauf“, empfiehlt er. Tatsächlich: Der höchste Gipfel des Mendelkamms mit 2.116 Metern ist jetzt, im Mai, noch in ein weißes Kleid gehüllt. Die Königstour der Region mit ihrem 1.900-Höhenmeter-Sinkflug über 14 Kilometer, fast durchweg auf Singletrails, können wir also noch nicht in Angriff nehmen. Wir nehmen es mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis. Denn der Klassiker ist zwar ein landschaftliches Highlight mit Traumblicken über Etschtal und Dolomiten, aber mit Stellen bis S3/S4 und der „Mut-Passage“ am „Schwarzen Kopf“ eben auch nichts für schwache Nerven und Fahrtechnik-Legastheniker. „Keine Sorge“, meint Armin, „wir haben auch in den unteren Etagen viel zu bieten.“

 Blick vom Mitterberg auf die Autostrada.

Die Tour via Kalterer See zu den Montiggler Seen ist tatsächlich Genuss pur, vor allem mit dem Stromer. Über flowige Trails in einem Märchenwald erreichen wir den Aussichtspunkt auf dem Mitterberg, diesem aus Vulkangestein bestehenden 14 Kilometer langen Bergrücken, der zum Etschtal hin jäh fast 400 Meter senkrecht abbricht. Vorsichtig linsen wir über die Kante hinunter zur Autostrada, wo mit Bikes bepackte Autos gen Süden und zum Lago düsen. „Die verpassen was“, meint Armin. Tja, auch wir sind hier schon oft vorbeigefahren, völlig zu Unrecht, wie wir zugeben müssen. Bei den Montiggler Seen machen wir eine kurze Pause, cruisen weiter bis Eppan, füllen am Dorfbrunnen unsere Wasserflaschen, kurbeln dann hinauf zur Gleifkirche. „Hier habe ich meine Frau geheiratet“, erzählt Armin. „Dieses Jahr haben wir Silberhochzeit.“ Etwa genauso lange bietet er übrigens geführte Mountainbike-Touren an: „1991 bin ich mit unserem Stammgast Gustl Vetter erstmals die 2.000 Höhenmeter zum Monte Roen hinaufgekurbelt. Die Strecke kannte ich ja vom Wandern. Nun aber, mit CroMo Rahmen, Felgenbremsen, vorn und hinten alles starr, war das eine richtige Plackerei. Ein gutes Stück vor dem Gipfel hatten wir nichts mehr zu trinken, aber wir haben uns weitergekämpft. Das Gefühl, am Roen ganz oben zu stehen, war dann einfach unbeschreiblich. Und von den Wanderern wurden wir bestaunt.“ Armin war richtig angefixt: Ein ganzes Jahr lang scoutete er Touren, 1993 ging der MTB-Pionier mit dem Programm „Biker Week“ an den Start, das es noch heute gibt.

Von diesem reichen Erfahrungsschatz profitieren wir jetzt. Armin führt uns zu den Eislöchern, einer Mulde am Fuß des Gand-Berges. Hier gedeihen, in einem von Felsbrocken übersäten Wald auf 500 Metern Meereshöhe Pflanzen, die normalerweise erst ab 1.200 Meter im Gebirge wachsen. Tatsächlich fühlt es sich an, als ob wir in einen Kühlschrank geraten sind. Aber wie kommt’s? „Ist eine sogenannte Windröhre“ erklärt Armin. „Rund um die Eislöcher liegen Massen von Porphyr-Schutt. An den oberen Öffnungen der Blöcke fließt warme Luft hinein, die am Fels abkühlt. Die kalte Luft ist schwerer, fällt nach unten und entweicht an den Öffnungen des Gesteins wieder.“ Selbst im Hochsommer kann man hier ohne Kühltasche Picknick machen. Weil wir gegen einige zusätzliche Plusgrade aber nichts einzuwenden hätten, nehmen wir schnell Reißaus und knöpfen uns die Trails an der Kalterer Höhe vor, queren dabei immer mal wieder die Mendelpass-Straße. Über Römerwege und durch Reben-Gassen geht es zurück nach Tramin, wo uns Armin, der selbst einen kleinen Weinberg besitzt, auf dem er Cabernet-Trauben anbaut, am Ansitz Rynnhof abliefert.

Herbst in den Weinbergen von Tramin

Winzerin Natalie Bellutti erwartet uns schon zur Weinprobe. Sie hat das kleine Gut (10.000 Flaschen pro Jahr, zwei Hektar) vor zehn Jahren als erst 27-Jährige von ihrem Papa übernommen, als sie mit dem Agrar-Studium in Wien fertig war – und konsequent auf Bio-Anbau umgestellt. „War ein Risiko“, gibt sie zu. Und auch wir sind zunächst etwas skeptisch. Doch ihre Sortenweine Weißburgunder, Gewürztraminer, Vernatsch und Lagrein können allesamt überzeugen. Und das bei moderaten Preisen. Mit Natalie könnte man ewig zusammen sitzen und über Rebensaft diskutieren. Leider muss man danach noch irgendwie „heim“ kommen zum Traminerhof. Wir lernen: Mit Alkohol im Blut ist auch ein E-MTB ein ziemlich wackeliges Gefährt, Motor hin oder her.

Anderntags schmunzeln wir beim Frühstück über den Spruch in der Hauspost: „Es muss nicht immer alles einen Sinn ergeben. Manchmal reicht es auch, wenn es einfach nur Spaß macht.“ Für einen Tag auf dem E-Bike könnte das passender nicht sein. Allerdings müssen wir uns sputen, denn der Regenradar zeigt für die Mittagszeit eine irgendwie ungute Farbe an. Ohne E-MTB würden wir jetzt vielleicht einen Lila-Pause-Tag einlegen. So aber katapultiert uns der „Turbo“ in einer knappen Stunde um tausend Höhenmeter nach oben. Wir nehmen uns sogar die Zeit, um auf der Aussichtsterrasse im „Lenzenhof“ bei Frieda einen späten Cappuccino zu trinken. Die Wirtin fährt selbst ein E-MTB – kein Wunder bei den sacksteilen Rampen, die zu ihrem Gasthaus hinaufführen. Auch Armin muss zugeben, dass es sehr entspannend ist, nicht ständig die Steigungs-Prozent im Hinterkopf zu haben: „Ohne Motor fahre ich diese Tour nur ganz selten und nur mit topfitten Leuten.“ Er selbst steigt ja nach wie vor lieber auf ein normales Bike. Aber auch er merkt, dass die Fraktion der E-Gäste immer größer wird. Er setzt darauf, dass sich beide Gruppen mit Toleranz begegnen. Touren nur für E-Piloten hält er für verzichtbar: „Falls es mal zu zwischenmenschlichen Problemen kommt, hat das E-MTB sicher keine Schuld daran.“

Mit Jung-Winzerin Natalie Bellutti lässt sich stundenlang über Wein fachsimpeln.

Kurz unterhalb der Schneegrenze kehren wir um. Oben am Graunerjoch, wo der Roen-Trail beginnt, herrscht noch tiefer Winter – gut so, dass wir es nicht probiert haben. Armin findet nämlich auch auf halber Höhe feine Trails, das war immer schon sein Anspruch: „Bergab auf Teer oder Forststraße ist sinnloses Vernichten von Höhenmetern.“ Recht hat er. Gerade noch rechtzeitig schaffen wir es zur Waldschenke. Dann öffnet der Himmel seine Schleusen. Einen Kaiserschmarrn später hat es jedoch zu regnen aufgehört und wir kommen trocken im Hotel an, haben sogar noch Zeit, uns den im Bau befindlichen „Gewürztraminerweg“ anzuschauen. Perfektes Timing!

Türkis schimmert der Kalterer See im Hintergrund.

Am Sonntag lässt sich Armin entschuldigen. Im Ort ist Firmung, zu Mittag wollen hundert Tagesgäste verpflegt werden. Großkampftag! Macht nichts, den Weg auf die andere Seite des Etschtals zu Trudener Horn und Cisloner Alm finden wir auch allein: Man fährt einfach auf der ehemaligen Bahntrasse 25 Kilometer bergauf ins Fleimstal. Bei nur fünf Prozent Steigung verbietet es sich, mit mehr Unterstützung als „Eco“ zu kurbeln, finden wir. Dafür müssen wir uns über das Akku-Management keine Gedanken machen, obwohl wir an der Cisloner Alm nachladen könnten. Hier oben erkennen wir auf der anderen Talseite den Mendelpass und die Standseilbahn, die schon seit 1903 mit bis zu 64 Prozent Steigung dort hinauf führt. Die Bahn – bis heute die steilste auf dem europäischen Festland – war damals ein technologisches Wunder und lockte Wohlhabende und Adelige an, die sich am Pass in mondänen Hotels zur Sommerfrische einquartierten. Sie waren die einzigen, die sich so eine Fahrt leisten konnten. Die Bauern aus dem Grödner- und Eggental kamen höchstens zum Staunen vorbei. Der Skitourismus, der sie später einmal reich machen würde, lag damals noch in weiter Ferne. Die Musik spielte unten. Im Tal. Wo sich die Bischöfe von Brixen und Trient immer ein bisschen beharkten. Wo jeder den höchsten Kirchturm haben wollte. Von Armin wissen wir: Bekommen haben ihn die Traminer!

Der Traminerhof präsentiert sich modern, getreu dem Motto: „Good life. Good ride“.

Weil wir ausdrücklich zum Genießen hier sind, schenken wir uns den heftigen 1er-Trail, der auf der Vorderseite des Trudener Horns ins Etschtal hinab führt: Bei Nässe würde ein S3-Pfad wenig Freude machen. Außerdem müssen wir mit unseren Kräften haushalten. Wenn wir unten ankommen, sind die Firmungsfeiern vorbei – und Armin hat wieder Zeit. Wer weiß, was ihm noch so in den Sinn kommt in diesem Mai, in dem er bis dato noch weniger als 25 Tourentage gesammelt hat!

Text: Günter Kast
Fotos: Sandra Urbaniak, Günter Kast, TVB Tramin, Hotel Traminerhof

ALLGEMEINE AUSKÜNFTE


Tourismusverein Tramin
www.tramin.com

Tourismusverein Südtiroler Unterland
www.suedtiroler-unterland.it

Anreise
Über die Brennerautobahn bis zur Ausfahrt „Auer-Neumarkt-Tramin“ und der Beschilderung etwa vier Kilometer bis nach Tramin folgen.

Saison:
April bis November. Die geringe Höhe von Tramin (260 m) sorgt für ein mildes Klima mit Olivenbäumen, Zypressen und sogar Palmen. Highlight im Sommer ist die Sonnenaufgangs-Tour am Roen mit 360-Grad-Blick auf Dolomiten, Brenta und Alpenhauptkamm.

Touren-Infos
Es gibt keinen Trail an der Weinstraße, den Hotelier Armin Pomella und sein Sohn Andreas noch nicht mit dem GPS-Gerät vermessen haben. Für seine Gäste hat Armin sogar eine eigene Trail-Karte drucken lassen.

Wohnen & geführte E-MTB-Touren
Das Vier-Sterne-Haus „Traminerhof“ (Motto: „Good life. Cool ride“ hotel.traminerhof.it) ist Partnerbetrieb von Mountain Bike Holidays (www.bike-holidays.com) & zertifiziert in der bestmöglichen Kategorie „Pro“.

Sämtliche „Mountain Bike Holidays“-Regionen & Hotels finden sich unter www.bike-holidays.com.

Schlechtwetter-Tipps

Shopping in Bozen und Besuch des Messner-Mountain-Museums Firmian auf Schloss Sigmundskron (www.messner-mountain-museum.it) sowie der „Salewa World Bolzano“ (www.salewa.com/de-de/salewa-world-bozen).

Essen & Trinken
Unbedingt eine Weinprobe mitmachen! Fußläufig (wichtig!) vom Hotel Traminerhof erreichbar ist der „Ansitz Rynnhof“ (www.rynnhof.com) im alten Ortsteil Bethlehem.

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