Totes Eis

Wenn das Herz der Alpen stirbt

Der Eispanzer über dem Ortler – die Krone des Königs. 60 bis 70 Meter misst ihre Mächtigkeit stellenweise. Aber auch wenn in mehr als 3900 Metern Höhe Temperaturen von bis zu 40° minus herrschen: Die umliegende Region ist enorm vom Gletscherrückgang betroffen. Das hat starke Auswirkungen auf die Tourenmöglichkeiten. Die Nordwand, die als höchste Eiswand der Alpen gilt, flacht zunehmend ab. An der benachbarten Königsspitze brach im Juni 2001 über der Nordwand die berühmte Schaumrolle. Mit dieser Wechte stürzten mehr als 7000 Kubikmeter Eis auf einen Schlag in die Tiefe.

Regungslos liegt er da, der Watzmann-Gletscher. Etwas oberhalb der Zweitausendmetermarke, östlich des Grates zwischen Hocheck und Mittelspitze. Absolut starr. Zugegeben, die Eismassen der Alpen wirken auf den ersten Blick immer wie versteinert. Doch ihre Bewegung ist messbar. So fließen die Eismassen der Alpen in aller Regel mit einer Geschwindigkeit von 20 bis 200 Metern – pro Jahr! Dieser Fluss ist, was einen Gletscher ausmacht. Die Strömung modelliert in Jahrtausende andauernder Arbeit unsere Alpen, schleift Täler und formt Seen. Das fließende Eis gebar so die Berge, wie wir sie heute kennen. 

Gletscher, Ferner, Kees. Wie auch immer man die Eismassen nennt, sie verkörpern alles was wir mit den Bergen verbinden, stehen für ein gesundes Ökosystem, sind das Herz der Alpen. Der Watzmann-Gletscher aber schlägt nicht mehr. Seine letzten Eisfelder kamen in einer Senke zum Stillstand. Endgültig.

Gletschereis fließt, je steiler desto schneller. Strömen die Massen über eine Geländekuppen, reißt ihre Oberfläche. Aber auch unterschiedliche Fließgeschwindigkeiten lassen Gletscher bersten. So entstehen die charakteristischen Spalten, die hunderte Jahre altes Eis ans Tageslicht bringen, aber auch eine tödliche Gefahr darstellen.

Die Gletscher Deutschlands
Deutschland als Alpenland zu bezeichnen erscheint manchmal schon etwas skurril. Lediglich 3% der Staatsfläche sind den Alpen zuzuschreiben. So wenig wie in keinem anderen Alpenland. So ist es auch nicht verwunderlich, dass in der Bundesrepublik verhältnismäßig wenige Gletscher zu finden sind. In den 11.100 Alpen-Quadratkilometern des Landes, kann man sie sogar an einer Hand abzählen. Alle fünf Gletscher liegen in Bayern, auf Höhen zwischen 2000 und 2650 Metern. Wohl am berühmtesten: die drei Eisfelder um Deutschlands höchsten Berg, der Zugspitze. 

Einst ein mächtiger Eispanzer, zerbrach der Schneeferner auf dem Zugspitzplatt vor 120 Jahren in zwei Teile, den nördlichen und südlichen Schneeferner. Letzterer ist heute nur noch ein kläglicher Überrest und kann kaum mehr als Gletscher bezeichnet werden. Gleich hinter dem Jubiläumsgrat, dem Kamm zwischen Zug- und Alpspitze, liegt der Dritte, der Höllentalferner. Es wird den vielen jährlichen Zugspitzbesteigern gut bekannt sein. Seine Überquerung stellt besonders wegen seiner Randkluft eine Schlüsselstelle der Tour durchs Höllental dar. 

150 Kilometer weiter östlich hängt im Berchtesgadener Land das Blaueis zwischen der gleichnamigen Blaueisspitze und dem Hochkalter. In diesem tief eingeschnittenen und steilen Nordkar konnte sich der nördlichste Gletscher der Alpen trotz seiner geringen Höhe verhältnismäßig lange halten. Doch auch das Blaueis zerbrach mittlerweile schon. Die tiefergelegene Abspaltung wird bald schon ganz verschwunden sein, da sie nicht mehr von der darüberliegenden Eismasse genährt wird. 

Und dann ist da noch der Watzmanngletscher. Er liegt von allen deutschen Gletschern am niedrigsten. Sein unteres Ende kratzt gerade an der 2000-Meter-Marke und wandert von Jahr zu Jahr weiter nach oben. Rein wissenschaftlich kann er aufgrund seiner fehlenden Bewegung schon gar nicht mehr als Gletscher bezeichnet werden. Solche Gletscherfelder werden als Toteis bezeichnet. Das ewige Eis am Watzmann, es ist also gestorben.

Bei der Besteigung der Zugspitze durchs Höllental erlebt man noch richtiges Gletscher-Feeling. Eine absolute Rarität in Deutschland!

Wenn der Mont Blanc wächst
Kaum etwas lässt die Alpen so erhaben erscheinen wie die glitzernden Eispanzer. Mächtig und urgewaltig üben sie eine fesselnde Faszination auf uns aus. Doch ganz offensichtlich kränkelt es in den deutschen Alpen und die wenigen Eisfelder, die man dort noch finden kann, werden bald verschwunden sein. Dabei verlief die Abnahme der Gletschermassen im letzten Jahrhundert keineswegs gleichmäßig. Ganz im Gegenteil! 

In den Siebzigern konnten alle deutschen Gletscher einen gehörigen Zuwachs verzeichnen. Verantwortlich waren kältere Temperaturen und höhere Niederschläge – kein außergewöhnliches Phänomen, sondern lediglich Spielraum der Natur. Dieser kurze Aufschwung war aber nicht von Dauer. Seitdem schmelzen unsere Gletscher mit nie dagewesener Geschwindigkeit. Auch wenn auf dem Gipfel des Mont Blanc hin und wieder ein Anstieg der Höhe gemessen wurde bedeutet das nicht, dass es sich der Gletscherschwund mal eben anders überlegt hat. Die Eismassen über dem höchsten Gipfel der Alpen haben im Schnitt eine Mächtigkeit von 14 Metern. Schwankungen von ein oder zwei Metern sind völlig natürlich und kein Indiz für eine Klimatendenz, ganz egal in welche Richtung. Die Firnkappe liegt mit mehr als 4800 Metern ohnehin außerhalb der Gletscher-Todeszone. Informationen über solche und ähnliche Ereignisse werden dann, wenn einmal wieder der Klimawandel verleugnet wird, gerne als die echte Wahrheit verkauft. Wesentlich spannendere Informationen, beispielsweiße dass der Eisgipfel des weißen Riesen in nur drei Jahren um 26 Meter nach Osten wanderte, werden dabei überhaupt nicht mehr erwähnt.

In der Tat: Es schmelzen nicht alle Gletscher der Alpen. Aber eben fast alle. 80% um genau zu sein. In Deutschland sind 100% betroffen. Diese Zahl ist alarmierend und stimmt nachdenklich: Allein in den letzten zehn Jahren verschwanden mehr als ein Viertel der bayerischen Gletscherflächen. Zwar sind die Zahlen anderswo in den Alpen etwas niedriger, doch das hängt meistens mit höheren Akkumulationsgebieten, also den Ursprungsorten der Gletscher zusammen. In den tiefgelegenen Alpenregionen Bayerns aber reicht der winterliche Niederschlag schlicht nicht mehr aus, um den Schmelzverlust der langen Sommermonate zu kompensieren. 

Die von Haus aus eher kleinen Gletschergebiete Bayerns sind ganz besonders sensible Klimaindikatoren. An ihnen wird unmissverständlich klar, wohin die Reise in den nächsten Jahren gehen wird. Oft reicht dafür aber auch schon ein Blick im Opas Fotoalben. Deutlich ist in ihnen der Gletscherrückgang zu beobachten und wo vor 50 Jahren noch blaugrünes Eis schimmerte, ist heute oft nur noch eine trostlose Schuttlandschaft zu finden. Aber nicht allein der Rückzug der Gletscherzunge ist besorgniserregend: Auch das Volumen, die Mächtigkeit der Eisflächen schwindet. Ein Verlust, der auf den ersten Blick nicht sonderlich dramatisch erscheint, in Wahrheit aber schwerer wiegt als der flächige Rückgang. 

Der Mendenhall-Glacier in Alaska ist vom weltweiten Gletscherrückgang kaum betroffen. Er kalbt auf einer Breite von
2 Kilometern mit 60 Metern Höhe.

Die Folgen des Gletscherrückganges 
Das Gleichgewicht ist also irreparabel aus den Fugen geraten. Die Gletscher der Alpen werden sich nicht mehr erholen können, selbst wenn wir die hochgesteckten klimapolitischen Ziele umsetzen könnten. Es ist zu spät. Klimaforscher und Glaziologen sind sich einig: In 80 Jahren werden von den 5000 Gletscher der Alpen nur noch ein Drittel existieren. Wenn überhaupt. 

Wir können uns also schon einmal ausmalen, was unsere Enkel zu Gesicht bekommen, wenn sie durch unsere Fotoalben scrollen, unsere Aufnahmen von heute mit der Realität von morgen vergleichen. Doch schon viel früher werden wir es mit anderen Problemen zu tun haben. Genaugenommen haben wir es schon mit ihnen zu tun, wie beispielsweiße am Höllentalferner. Die Randkluft, der Übergang vom Gletscher auf den darüberliegenden Klettersteig, musste nun schon mehrmals neu versichert werden. Immer wieder waren Tritte und Griffe der Steiganlage von der abgeschmolzenen und immer tiefer sinkenden Eisfläche nicht mehr zu erreichen. Die Folge waren lange Staus, teils gefährliche Klettereinlagen. Der Gletscher wird außerdem zunehmend spaltiger und steiler. Unfälle häufen sich. Immerhin aber auch eine positive Nachricht gibt es über den Höllentalferner zu berichten. Aufgrund seiner isolierten Lange zwischen Riffel- und Jubiläumsgrat, wird er sich von allen deutschen Gletschern am längsten halten. Mehr noch: Die umliegenden, steilen Felsflanken nähren den Ferner sogar weiterhin mit Lawinenschnee. 

Angespannter ist die Situation dagegen am Blaueis im Nationalpark Berchtesgaden. Über das steile Eisfeld konnte einst noch relativ schnell und einfach die Blaueisscharte erreicht werden. Heute ist dieser Zustieg nur noch im Frühsommer sinnvoll, wenn eine Trittschnee-Auflage den Aufstieg erleichtert. Später im Jahr, wird die Tour übers Blaueis meist zum Himmelfahrtskommando. Die Randkluft kurz unterhalb der Blaueischarte kann dann unpassierbar werden. Auch hier gab es schon mehrere tödliche Abstürze. 

So tragisch diese Unfälle auch sind: Wirklich gravierend werden uns erst die später aus dem Gletscherschwund resultierenden Probleme beuteln. Hier und dort treten schon die ersten Vorboten zu Tage, wie beispielsweise im Sommer 2019 in Zermatt. Der Triftbach führte damals urplötzlich Hochwasser – dabei fiel kein einziger Tropfen vom Himmel. Grund hierfür war eine ausgebrochene Gletschertasche, also ein unterirdischer See. Solche Ereignisse sind eine nahezu unvorhersehbare Laune der Natur, könnten sich aber in Zukunft häufen. Gleich mehrere Siedlungen und Ortschaften sind durch solche Ereignisse mehr oder weniger akut bedroht.

Kleinere Gletscherspalten können schnell von Schneebrücken unsichtbar verdeckt werden. Dann besteht Lebensgefahr!

Der Rattenschwanz
Allein mit erschwerten Tourenbedingungen und lokalem Hochwasser ist es aber nicht getan. Der Rückgang des Eises wir ganz allgemein einen kurzfristigen Wasserüberschuss zur Folge haben. So entstehen derzeit schon zunehmend neue Bergseen in den Mulden, die die Gletscher selbst ausgeschliffen haben. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass fast alle Bergseen der Alpen so entstanden sind. Diese Entwicklung sieht harmlos aus und erscheint auf den ersten Blick nicht nur natürlich, sondern durchaus auch positiv. Wo früher noch der Triftgletscher floss, liegt heute der Triftsee. Eine über ihn gespannte Hängebrücke lockt jährlich viele Touristen – mehr als damals der Triftgletscher selbst. Doch diese Entwicklung birgt auch eine Gefahr: Die gesammelten Wassermassen haben eine gigantische Zerstörungskraft, wenn durch Bergrutsch oder große Niederschlagsmengen solche Gletscherbecken urplötzlich ausbrechen. Für die Kehrseite dieser Urkraft interessieren sich hingegen Energieversorgungsunternehmen. Die Wassermassen sind gigantische Stromerzeuger.

Irgendwann aber wird der Großteil es Alpeneises den Berg hinuntergeflossen und verschwunden sein. Dann dreht sich der Spieß um: Die Zeit nach dem Wasserüberfluss wird die Zeit der Trockenheit. Dazu muss man sich lediglich klarmachen, dass die Alpen das größte Süßwasserreservoir Europas sind. Noch. Die gigantische Masse von momentan 200 Milliarden Kubikmetern, wird aber irgendwann auf ein Minimum zusammengeschrumpft sein, was Dürren in einem riesigen Radius nach sich ziehen könnte. Gravierende Auswirkungen hätte laut Prognosen der Gletscherschwund auch auf die Schiffbarkeit der Flüsse, sogar bis hin zur Nordsee. Auch die Wassertemperatur der Flüsse würde sich erhöhen, übermäßiges Algenwachstum könnte außer Kontrolle geraten. Außerdem stünde uns ein Konflikt zwischen der Land- und der Energiewirtschaft bevor. Bewässern wir mit dem wenigen Wasser unsere Felder, oder treiben wir lieber unsere Wasserkraftanlagen an? Ach ja, auch der Anstieg des Meeresspiegel hängt, zumindest teilweise, mit dem Abschmelzen des Eises zusammen. Selbstverständlich muss man in diesem Zusammenhang auch das freigesetzte Wasser der Polkappen und den sterischen Wasseranstieg (warmes Wasser dehnt sich aus) erwähnen. Jedoch ist etwa ein Drittel des Meeresspiegelanstieges der letzten 30 Jahre auf den Gletscherrückgang zurückzuführen. Geradezu lächerlich erscheint da die Schließung eines so machen Gletscherskigebietes. Die Schließung der ein oder anderen Hütte, die ohne Wasserversorgung nicht mehr Verpflegung und Hygiene garantieren kann, mit Verlust der Wasserkraft sogar ihre Hauptenergiequelle verliert.

Ruß und Staub färben die Gletscher schwarz. Solche Kryokonits-Ablagerungen sorgen für ein noch schnelleres
Abschmelzen des Eises.

Die Alpen ohne Gletscher
Dieses Schreckensszenario könnte weiter und weiter gesponnen werden. Man könnte es aber auch relativieren: Denn für Ötzi, den Mann aus dem Eis, waren die Gletscher weitestgehend fremd. Selbst an seinem Fundort, dem 3208 Meter hohen Tiesenjoch, war zu seiner Lebzeit weit weniger Eis als heute. Erstaunlich! 700 Jahre vor Ötzis Tod, also vor 6000 Jahren, waren die Ostalpen sogar gänzlich eisfrei. Kaum zu glauben, doch zu Ötzis Zeiten hatten die Gletscher gerade erst wieder damit begonnen gigantische Gebiete unter sich zu begraben. Das belegen Eisbohrungen in der umliegenden Region. 

Anders aber als noch vor Jahrtausenden, schmelzen die Eisfelder heute in geradezu atemberaubender Geschwindigkeit dahin. Unter den zehn wärmsten Jahren der letzten 150 Jahre findet man 2016, 2017, 2018, 2019 und 2020. Noch dazu sind wir heute von den Eisströmen abhängiger als jemals zuvor. Für Ötzi hatte dagegen das große Schmelzen höchstwahrscheinlich weitaus mehr Vor- als Nachteile. 

Derzeit aber hängen im besterschlossenen Gebirge der Welt Existenzen, gigantische Tourismuszweige und Lebensräume an dem Eis, das sich in nur einem warmen Sommer mehr als 20 Metern zurückziehen kann. Auf dem südlich ausgerichteten Zugspitzplatt versuchte man über mehrere Jahre mit weißen Abdeckplanen das Abschmelzen des Schneeferners zu verlangsamen. Ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die Lebensdauer des Eisfeldes konnte damit nur marginal verlängert werden. Die Maßnahmen wurden eingestellt. Anderswo in den Alpen wurde schon mithilfe von Schneekanonen versucht Gletscher künstlich zu nähren und so am Leben zu halten. Eine auf den ersten Blick ökologisch fragwürdige Maßnahme. Doch was weiße Kunststoffplanen nicht vollbringen konnten, könnte einer weißen Kunstschneedecke gelingen. Man hat es der Natur einfach abgeguckt: Der Schmelzverlust eines Gletschers sinkt signifikant, wenn er in den warmen Monaten von einer Neuschneeschicht verdeckt wird. Wirklich effektiv erledigen das nur sommerliche Wintereinbrüche. An Seilen über den Gletscher gespannte Schneekanonen aber könnten wenigstens die sensibelsten Bereiche der Gletscher beschneien, schützen und das weitere Abschmelzen verzögern. Am Schweizer Morteratschgletscher beispielsweise wurde solch ein kühner Plan bereits ausgetüftelt und im kleinen Stil erprobt, allerdings noch nicht im großen Maßstab umgesetzt. 

Was wird meine Tochter meinen Enkeln in den Alpen noch zeigen können? Ein emotionaler Moment.

„Was bleibt uns Bergsportlern also noch?“, kann man sich fragen. Nun, die Antwort ist vielleicht ernüchternd, aber sie wahr: Uns bleibt Zeit. Wertvolle, knapp bemessene Zeit, die wir nutzen können. Etwa für die landschaftlich wunderschöne Tour durchs Höllental, über den Ferner hinauf zur Zugspitze. Oder für die Blaueisumrahmung, eine anspruchsvolle Route rund um den einzigen Hängegletscher des Landes. Das ist, was uns bleibt uns. Zeit, um die Gletscher Deutschlands noch einmal zu besuchen.

Autor: Benni Sauer

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