Typisch Tirol!

Von Affen, Papageien, nackten Engeln, einem weit gereisten Wirtshaus und einem Musikinstrument, das um ein Haar in Vergessenheit geriet.

Endlich Urlaub! Endlich Wochenende! Und wenn’s nur der wohlverdiente Feierabend ist: Es wartet ein nettes Beisammensein, lockere Stimmung, gutes Bier und die fröhliche Volksmusik. Ein Hüttenabend in den Bergen ist immer etwas Feines. Diesmal sitze ich aber nicht auf der hölzernen Eckbank in der Hüttenstube. Denn diesmal habe ich selbst die Musik in der Hand.

Ein historisches Unikat ist in der Michlbauer Harmonikawelt in Reutte zu bestaunen.

Kaum etwas verkörpert das Lebensgefühl Tirols wohl passender als der Klang der Steirischen Harmonika. Untrennbar ist dieses Musikinstrument mit den Bergen verbunden und auch wenn ich selbst aktiv ein Instrument spiele, anfangs weiß ich nicht einmal wo bei der „Quetschn“ oben und unten ist. Andreas Ruepp, Kundenbetreuer und Harmonikalehrer in der Michlbauer Harmonikawelt Reutte beruhigt mich aber und stellt erst einmal alle Gurte und Riemen auf meine Körpergröße ein. Ein ganz ordentlicher Kasten hängt dann plötzlich vor mir und was mir von nun an Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass die meisten Knöpfe des Instruments für mich unsichtbar auf der mir abgewandten Seite lediglich zu erstasten sind. Erstmal durchatmen!

Andreas nimmts mit Humor. Er verpackt mir dabei gleich auch noch die Geschichte dieses urtypischen Instruments. Und die ist noch gar nicht mal so alt – 1810 wurde ja schließlich erst die Mundharmonika erfunden. Auf ihr basierend, wurde 19 Jahre später ein Patent auf das Accordion angemeldet. Erfinderische Volksmusikanten tüftelten von da an am neuartigen Instrument, bis sich etwa 50 Jahre später das uns heute bekannte Modell ergab. 

Andreas Ruepp zeigt wie es geht und füllt den Raum mit den typisch tirolerischen Klängen.

Andreas, geduldig, aber zielstrebig, zeigt mir die ersten Übungen, und als ich das erste Mal einen Ton aus der Ziachorgel quetschen kann, strahle ich über beide Ohren. Mein Lehrer hatte Recht: Was ich auf dem Papier vor mir sehe, sieht zwar aus wie Noten, ist aber eine völlig anders zu lesende Griffschrifft. Notenlesen muss man also keine, um einen ersten Schritt in die Welt dieses schönen Instrumentes zu wagen. 

Hinter der Griffschrift steckt aber noch mehr: in den 90er Jahren boomten die österreichischen Musiker von Goisern, Gabalier und Co. mit fetzigen Harmonika-Stücken und bereits 1992 erfand Prof. Florian Michlbauer die Griffschrift, nach welcher ich gerade das Spielen lerne. Zuvor war das Erlernen jedoch wesentlich schwieriger, weil es fast ausschließlich über das Gehör erfolgte. Ein Umstand, den das Instrument fast schon in der Versenkung untergehen ließ. Heute kann man bei der Michlbauer Harmonikawelt aber sogar Online-Kurse belegen. Die Michlbauer-Methode erleichtert den Einstieg ungemein und die Harmonie ist auch deswegen seit einigen Jahrzehnten auf einem unaufhaltsamen Siegeszug durch Bayern, die Schweiz, ganz Österreich und sogar in Tschechien und Slowenien. Ich beschließe in diesem Moment auf jeden Fall dem Instrument eine Chance zu geben und freue mich schon auf die nächste Unterrichtsstunde bei Andreas Ruepp.

Typisch Tirol ist natürlich aber noch viel mehr als nur der lebendige Klang der Harmonika: Bunt bemalte Häuser gehören in den teilweise uralten Ortschaften zum gewohnten Bild. Dabei läuft man oft viel zu eilig an diesen Kunstwerken vorbei. 

Das kunstvoll verzierte Grüne Haus – Museum der Marktgemeinde Reutte.

Im historischen Kern der Marktgemeinde Reutte, weiß man sich heute noch spannende Geschichte über die Kunstwerke zu erzählen und meistens kann man auch noch ganz genau rekonstruieren, wer der Urheber war: Auf dem schönen Zeillerplatz stehend, wird man also nicht nur mehr über dessen Namen lernen, sondern gleich auch noch mehrere seiner Kunstwerke begutachten können. Johann Jakob Zeiller, dessen Vater selbst Maler war, schmückte die Fassaden vor rund 250 Jahren. Wer genau hinsieht, findet in den Gemälden ganz wunderbare kleine Hinweise versteckt. Beispielsweise etliche, für den Alpenraum exotische Tiere, für die der junge Maler wohl auf seinen Studienreisen eine Vorliebe entwickelte. Und dann ist da noch ein kleiner, unscheinbarer Engel, der nichts Besseres zu tun zu haben scheint, als seinen nackten Hintern in Richtung der Nachbargemeinde zu halten. Damals sicherlich ein handfester Skandal. Heute ein nettes Detail, dem kaum noch Beachtung geschenkt wird.

Natürlich aber wird Tirol auch gern mit guter, deftiger Küche in Verbindung gebracht. Die finde ich direkt unter der berühmten Hängebrücke, im historischen Salzstadl. Wie viele andere Gasthäuser hat auch dieses
Gebäude seine Existenz dem Salzhandel zu verdanken. Dabei stand es noch vor nicht all zu langer Zeit an einem ganz anderen Ort: 1679 wurde dieses Salzlager in Lermoos errichtet. Stein für Stein, Holzbalken für Holzbalken wurde das 64 Meter lange Gebäude versetzt und noch heute genießt man das urige Ambiente im original erhaltenen, hölzernen Innenraum. Erstklassige, traditionsreiche Küche zum fairen Preis lockt hier jeden an den Tisch: Gäste der Burgenwelt Ehrenberg, Wanderer des Lechwegs und natürlich auch Reisende, die auf eine angenehme Pause in netter Atmosphäre mit wahrhaftig gutem, regionalem Essen nicht verzichten möchten. Eben typisch Tirol!

Autor: Benni Sauer

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