Über’n Hubersteig!

Unterwegs im Rofan mit Bergführer Andreas Nothdurfter

Am südlichen Ende des Achensees ragt eine markante Felspyramide in den Himmel. Bei weitem ist dieser Berg nicht der höchste der Region, doch weil er dem Rofangebirge etwas vorgelagert ist, sticht er ganz besonders ins Auge: Das Ebner Joch. An sich ein einfach zu erreichendes Ziel, für den es eigentlich keinen Bergführer braucht. Zu zweit macht das Wandern aber gleich doppelt so viel Spaß – und darüber hinaus weiß der örtliche Bergführer jede Menge über die umliegende Bergwelt.

In der Nacht sind Wolken aufgezogen. Keine hoch aufgetürmten, regenbringenden, sondern vielmehr dichte Schleier, welche den blauen Himmel ebenmäßig eintrüben. „Kein Grund zur Sorge“, verspricht mir Andreas. Selbst wenn am Nachmittag ein paar Tropfen fallen, zu dieser Zeit wollen wir längst wieder im Tal sein. Und so schultern wir unsere Rucksäcke. Los geht’s!

Schritt für Schritt lassen wir Maurach weiter hinter uns zurück. Die ersten der insgesamt eintausend Höhenmeter bringen mich trotz des angenehmen Wanderwetters aber schnell ins Schwitzen. Das Reden überlasse ich daher nur zu gern Andreas, der von seinem Ruhepuls sowieso nur minimal abzuweichen scheint – wenn überhaupt. Gemeinsam mit mir will er heute das Ebner Joch über den Huber-Steig erreichen. Dieser Weg führt über die steile Westflanke des Berges und bietet einmal mehr einen tollen Blick hinab auf den Achensee – und genug Zeit, um mehr über Andreas und seine Berge zu erfahren. 

Der Bergfex wuchs hier am Achensee auf. Seit Generationen ist seine Familie eng mit der Region, der Natur und natürlich den Bergen verbunden. Er selbst ist nicht nur Berg-, Ski- und Canyoningführer, sondern auch Schneesportlehrer, Ski-Trainer und Ausbildner bei der Bergrettung Tirol. Kaum zu glauben, dass die kleine, von ihm geführte Bergsportschule nicht seinen Lebensmittelpunkt darstellt. Doch wenn der Alpinist so ehrlich, direkt und sympathisch behauptet der Kern – ja, sogar der Sinn seines Lebens sei seine Familie, dann muss ich ihm das einfach glauben. So lernen wir uns kennen, während wir langsam in den Wanderflow geraten und die Welt um uns herum fast vergessen. Hätte Andreas nicht das Gamsrudel direkt vor meiner Nase erwähnt – wer weiß, ob ich es überhaupt gesehen hätte.

„Früher, und das ist noch gar nicht mal so lange her“, sagt Andreas, „da war die Region hier am Achensee noch eine etwas andere“. Die meisten Urlauber hätten damals noch die Berge von unten genossen. Die schönen Hotels, der See, die genussvollen Wanderungen im Tal, das alles lädt ja auch wunderbar zu einem entspannten Urlaub ein. „Die Region aber bietet noch viel mehr“, weiß Andreas! Und dass sich derzeit ein deutlicher Wandel abzeichnet, daran, so ahne ich bald schon, hat mein heutiger Bergführer zweifelsfrei eine gewisse Mitschuld.

Immer mehr Bergsportler entdecken den Achensee für sich. Östlich zum Beispiel erleichtert die Rofanseilbahn einen schnellen Zugang in alpines Gelände. Hier finden Anfänger einfache Klettersteige vor – optimales Trainingsgelände! Damit das Training, die erste Klettersteigerfahrung, auch reibungslos abläuft, veranstaltet der TVB in Kooperation mit Bergsport Achensee mittlerweile regelmäßige Klettersteig-Camps. In vier Tagen erfahren Interessierte alles Wissenswerte, von der richtigen Vorbereitung, über Technik und Ausrüstung, bis hin zur sicheren Durchführung selbstständiger Klettersteigtouren. 

Das Konzept findet großen Zuspruch. Vier Bergtage, vollgepackt mit neuen Erfahrungen, genussvollen Abenden und natürlich einer Portion Wellness im Tal – wer sagt dazu schon nein? 

Drum haben es sich Andreas und der TVB nicht nehmen lassen und mittlerweile eine ganze Reihe dieser Camps etabliert. Angefangen hat das vor mehr als zehn Jahren mit dem Skitourencamp. Heute gibt es Lawinenkurse, Schneeschuhcamps und natürlich auch Klettercamps. Und beim Klettern, da merke ich schnell, treffe ich auf Andreas‘ Lieblingsdisziplin. Schon im Aufstieg blickte er wie gefesselt über den Achensee ins wilde Karwendel. Dorthin, wo die Nordwand der Laliderer Spitze fast eintausend Meter tief ins Tal stürzt. Erst wer diese Wand durchstiegen hat, so erzählt mir Andreas mit leuchtenden Augen, der sei ein echter Kletterer. Zumindest erzähle man sich das so in der Szene. 900 Meter meist senkrechter Fels, teils in haarsträubend schlechter Qualität. Kaum absicherbare Passagen. Und technische Schwierigkeiten, die den ganzen Bergsteiger fordern. Echte Bergabenteuer. Erfahrungen, die ewig in Erinnerung bleiben. Unfassbar intensive Momente, in denen nichts mehr zählt als das hier und jetzt. Das ist, was Andreas so wirklich taugt. Die Frage ob er selbst auch schon durch diese Wand stieg, ich spare sie mir besser gleich. Die Aussage, sein fast gleichaltriger Bruder sei sein bester nur denkbarer Seilpartner, auf den er blind vertrauen, mit dem er Siege ebenso wie Niederlagen teilen könne, reicht mir völlig aus.

Wir reden noch lange übers Klettern – auch wenn Andreas die Sommeraktivität mehrmals unterbricht, um mir zu zeigen, welche der umliegenden Steilwände er schon im Winter erstbefahren hat. Mir fällt da immer wieder die Kinnlade runter. Andreas schwenkt aber immer wieder geschickt zum Klettern und zählt der Reihe nach auf, welche Klettergärten er schon erschlossen, welche Routen er saniert und erstbegangen hat. An eine der Spitzen über uns hat er sogar eine spektakuläre Abseilmöglichkeit eingerichtet. Für den Nachwuchs sei es das Größte, sich nach einem erfolgreichen Schnupperkurs vor den Augen der Eltern in eine überhängende Steilwand abzulassen. Klettern kann am Achensee also auch zum Familienerlebnis werden!

Andreas Nothdurfter hat sich das Fundament seiner eigenen Arbeit quasi selbst erbaut. In jahrelanger Arbeit! Heute sei die Region um den Achensee nicht mehr nur für Badeurlauber und Hardcore-Kletterprofis ein lohnendes Ziel, erklärt mir Andreas. Bergsportler – ganz egal ob nun Anfänger oder bereits fortgeschritten – fänden hier mittlerweile das ganze Jahr über ein breites Betätigungsfeld. Wieder glaube ich ihm. Wenn es jemand wissen muss, dann ja wohl Andreas, oder?

In diesem Moment bleibt der Bergführer stehen, dreht sich zu mir um und reicht mir die Hand: „Gratuliere.“ Wir sind am Gipfel.

Autor: Benni Sauer

Infos, Anmeldung zu den Camps und weitere Angebote unter: www.achensee.com

Kommentar verfassen