Umzingelt von Siegern

8.805 Mitglieder aus 60 Nationen – der 1901 gegründete Skiclub Arlberg ist einer der ältesten, berühmtesten und
erfolgreichsten Ski-Vereine der Welt. Wer in den Zirkel aufgenommen werden will, muss aber weder wohlhabend,
berühmt noch adelig sein.

Ein Winter-Nachmittag im Hotel Kaminstube in St. Anton: Wie jeden Mittwoch um 16 Uhr trudeln die Mitglieder des Skiclubs Arlberg (SCA) herein. Das traditionsreiche Haus von Familie Kössler liegt praktischerweise gleich neben der Piste. Einige tragen noch Skikleidung, die meisten jedoch den grau-rot-weißen Club-Pullover. Man begrüßt sich, klopft sich gegenseitig auf die Schulter, tauscht mit Neulingen Visitenkarten aus – ist Teil eines großen Netzwerkes. Wer Glück hat, trifft hier sogar das St Antoner Urgestein Karl Schranz. Der zweimalige Gewinner des Gesamtweltcups und einer der erfolgreichsten österreichischen Skifahrer aller Zeiten stellt sich, gerade 83 geworden, selbst zwar nicht mehr auf die Bretter. Aber zum SCA-Abend kommt er noch hin und wieder. Schließlich war er lange Präsident des Clubs.

Ex-Seriensieger Schranz befindet sich beim SCA in bester Gesellschaft. Nicht weniger als 65 Medaillen haben SCA-Mitglieder bei FIS-Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen bislang gewonnen: Die Liste reicht von Trude Jochum-Beiser über Othmar Schneider bis zu Patrick Ortlieb und Mario Matt. Wohl für immer einmalig in der Geschichte: Die SCA-Mitglieder Schranz und Gertrud Gabl sicherten sich im Winter 1968/1969 beide gleichzeitig die Weltcup-Gesamtwertung.

Neben den prominenten Rennläufern sind es viele andere Pioniere und Legenden des Skisports am Arlberg, deren Erfolge untrennbar mit dem SCA verbunden sind: allen voran Hannes Schneider, der in den 1920er und 1930er Jahren zu den ganz Großen des weißen Sports zählte. Er entwickelte eine neue Abfahrtstechnik und gründete im 1921 die erste Skischule in St. Anton am Arlberg. Wer also verstehen will, warum der Arlberg und insbesondere St. Anton so oft als die Wiege des alpinen Skisports bezeichnet werden, kommt am SCA und seiner langen und bewegten Geschichte nicht vorbei.

„Durch die Natur entzückt, durch den Sport begeistert, durchdrungen von der Notwendigkeit, am Arlberg einen bescheidenen Sammelplatz für die Freunde dieses edlen Vergnügens zu schaffen, fühlen sich die am ex tempore beteiligten Ausflügler bewogen, den Skiclub Arlberg zu gründen. St. Christoph, 3. Jänner 1901“. – Den Eintrag des SCA-Gründungsmitglieds und Gemeinderats Dr. Adolf Rybizka kann man noch heute im Gästebuch des ehemals ruhmreichen Arlberg Hospiz Hotels (siehe Kasten) nachlesen. Rybizka und seine fünf Freunde Carl und Adolf Schuler, Josef Schneider, Ferdinand Beil und Dr. F. Gerstel hatten sich an besagtem Tag auf den Weg von St. Anton nach St. Christoph gemacht. Es sollte ein lustiger Ausflug im Schnee sein, doch mit den schweren Brettern an den Füßen waren sie schon ziemlich müde, als sie das Hotel Hospiz am Arlberg-Pass erreichten, wo sie sich eigentlich nur kurz ausruhen wollten. Der herzliche Wirt Oswald Trojer und seine hübsche Tochter Liesl sorgten mit viel Glühwein und Schnaps dafür, dass aus der kurzen Rast ein ausgelassenes Fest wurde. Und am Ende stand da diese Idee: die Gründung eines Skiclubs.

Freilich waren die „Fantastischen Acht“ nicht die Erfinder des Skisports am Arlberg. Die ersten Bretter hatte ein norwegischer Ingenieur mitgebracht, der 1880 für den Bau des Arlbergtunnels nach Tirol gekommen war. Den Einheimischen in St. Anton waren die Telemark-Skier, mit denen er durch den Schnee zur Arbeit spurte, ziemlich suspekt. Der erste, der den Norweger kopierte, war der Pfarrer Müller von Lech, der gute zehn Jahre später schon durchaus respektable Bögen in den Schnee zog. St. Anton war indes noch weit davon entfernt, zu einem der bekanntesten Wintersportorte der Welt zu werden. Die im harten Alltag gefangenen Bergbauern hatten schlichtweg keine Zeit für solche Späße – bis eben die sechs Freunde und die Hospiz-Wirtsleute zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschlossen, die anfängliche Skepsis in pure Begeisterung umzuwandeln. Man wollte es nicht länger den Auswärtigen überlassen, elegant die Hänge hinab zu schweben.

Mit der Gründung des SCA sprang der Funke plötzlich auf St. Anton über. Um im Bild zu bleiben: Es war geradezu eine Feuersbrunst. Die spontane Idee der acht Gründungsmitglieder fiel auf fruchtbaren Boden und nur drei Jahre später, im Januar 1904, fand das erste Ski-Rennen statt – ein Novum in den Alpen. Die Strecke führte von der Ulmer Hütte über den Schindler-Ferner zum Arlen-Sattel, weiter auf den Galzig, von dort hinab nach St. Christoph und schließlich nach St. Anton. Für die Teilnehmer mit ihren Telemark-Skiern war das eine sportliche Höchstleistung, denn Seilbahnen und präparierte Pisten gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht.

Das große Treffen der Arlberg-Kandahar-Gründer und Sieger mit Hannes Schneider im Jahre 1949 in St. Anton.

Das brachte das skiverrückte SCA-Mitglied Hannes Schneider auf die Idee, an einer neuen Körperhaltung und Skitechnik zu feilen. Als Erster verlagerte er sein Gewicht, um Kurven zu fahren und dabei die Skier parallel zu halten. Bei Schussfahrten ging er in die Hocke, um schneller zu sein und Bodenwellen besser ausgleichen zu können. Seine überlegene Technik brachte er zunächst den Gästen des Hotels „Alte Post“ in St. Anton bei. Im Winter 1921/22 gründete er im Ort die erste Skischule Österreichs, weil immer mehr Touristen den Schneider-Schwung erlernen wollten. Es wurde jetzt immer schicker, den Winterurlaub in den Bergen zu verbringen – vor allem in St. Anton, wo 1937 mit der Galzig-Bahn eine der ersten Seilbahnen in den Alpen gebaut wurde. Und wo man den Skihelden, Skilehrer und Frauenschwarm Hannes Schneider bewundern konnte, der inzwischen sogar Schauspieler geworden war und in Kinofilmen wie die „Die weiße Kunst“ mitspielte.

Von den vielen SCA-Helden kann eigentlich nur einer Schneider das Wasser reichen: Schranz, der „Vater der WM“ von 2001, der bis 2005 auch SCA-Präsident war. Der St. Antoner war dreimal Weltmeister geworden und hatte zweimal den Gesamt-Weltcup geholt. Nun träumte er von einer alpinen Ski-WM in seinem Heimatdorf. Gegner gab es genug, doch er machte seinen Traum wahr: Ende Januar 2001 versammelte sich die Ski-Weltelite in dem Tiroler Bergdorf, um ihre Champions zu küren.

„Der Rennsport ist auch heute noch ein wichtiges Thema für den SCA, vor allem die Nachwuchsförderung“, erklärt Josef Chodakowsky, Nachfolger von Schranz als SCA-Präsident und hauptberuflich Direktor der Raiffeisenbank in St. Anton. Mehr als 150 Kinder und Jugendliche bildet der SCA derzeit aus. Selbst ein professionelles Freestyle-, Freeride- und Snowboard-Training gibt es inzwischen. Der SCA unterstützt die Eltern bei der Betreuung der Nachwuchsfahrer und übernimmt die Skipass-Kosten, zum Beispiel beim Gletscher-Training im Herbst. Mit den 60 Euro Jahresbeitrag, die die SCA-Mitgliedschaft kostet, ließe sich das freilich nicht finanzieren. Der SCA ist deshalb auf solvente Spender unter seinen vielen prominenten Mitgliedern angewiesen – dazu gehören Prinzessin Caroline von Monaco und ihr Rüpel-Prinz Ernst-August ebenso wie zahlreiche Unternehmer oder Olympiasieger wie Patrick Ortlieb.

Bereits die jungen Mitglieder trainieren in den Club-Farben.

Viele Jahrzehnte lang hatte der SCA-Kassenwart auch nichts dagegen, dass die Geschichte des Clubs so eng mit dem Hospiz-Hotel in St. Christoph verwoben war. In dem 2018 in finanzielle Schieflage geratenen Fünf-Sterne-Haus stiegen viele Gäste ab, die ganz bewusst dort wohnen wollten, wo die Geschichte des Skisports am Arlberg begann. Und so ganz nebenbei wurden sie dann oftmals Mitglieder und Förderer des SCA. Meistens dann, wenn sie einmal in der mit zwei Hauben von Gault Millau dekorierten „Skiclub-Stube“ gespeist hatten, umsorgt von den früheren Chefs des Hauses, Florian Werner und seiner Frau Ursula, beide natürlich auch Mitglieder des SCA.

Andere werden von Bekannten, die selbst schon Mitglied sind, auf den SCA angesprochen. So war es zum Beispiel bei dem Immobilienunternehmer Steffen Lutz aus dem sächsischen Plauen, der seit gut 20 Jahren Stammgast am Arlberg ist. „Ich wurde von einem Segelfreund auf den SCA aufmerksam gemacht. Er meinte, dieser Club passe zu mir. Und so bin ich im März 2003 eingetreten. Die Aufnahme im Hospiz-Hotel war wirklich sehr stilvoll“, schwärmt Lutz. „Und ich bin einfach stolz, in diesem Traditionsverein dabei zu sein.“ Inzwischen hat der Arlberg-Fan auch schon an Club-Angeboten wie dem Renn-Training teilgenommen. Und wenn er vor Ort ist, besucht er natürlich auch einen der Stammtische, die an verschiedenen Wochentagen in St. Anton, St. Christoph, Lech, Zürs und Stuben stattfinden. Einheimische, Skilehrer und SCA-Mitglieder stoßen dabei zusammen an – besonders gern mit dem eigenen Skiclub-Sekt „Schussfahrt – Arlberg Reserve“. Und natürlich stets im SCA-Outfit mit dem gleichen Logo wie schon vor hundert Jahren.

Die meisten SCA-Mitglieder sind natürlich erstklassige Skifahrer.

Willkommen im Club
Wer Mitglied im SCA werden will, muss nicht sein skifahrerisches Können unter Beweis stellen. Und auch nicht prominent, adelig oder besonders vermögend sein. „Wir wollen nicht elitär sein. Wir sind auf jedes Mitglied stolz. Vorausgesetzt werden Freude am Skisport und Liebe zur Region. Außerdem muss man seit mindestens drei Jahren am Arlberg zu Gast sein“, erklärt SCA-Präsident Chodakowsky. Dann benötigt man nur noch zwei Bürgen, die den Antrag einbringen – beide müssen SCA-Mitglieder sein, einer davon muss dem Vorstand angehören.

Die feierliche Aufnahme erfolgt bei einem der traditionellen Stammtische. Der Novize hat persönlich anwesend zu sein. Nach einer Ansprache zur Geschichte des Clubs trägt man sich in das dicke Mitglieder-Buch ein, in das der neue Name schon mit Bleistift vorgezeichnet wurde. Die Aufnahmegebühr einschließlich des ersten Jahresbeitrages beträgt 260 Euro (Kinder und Jugendliche: 150 Euro). Im Paket bereits enthalten sind SCA-Chroniken, diverse Sticker und Abzeichen, die SCA-Chip-Card zum Aufladen des Skipasses und der legendäre Club-Pullover.

Für Mitglieder – Damen und Herren halten sich übrigens ziemlich genau die Waage – gibt es diverse Vorteile: Man darf an traditionsreichen Rennveranstaltungen wie SCA-Clubmeisterschaft, Hannes-Schneider-Gedächtnislauf und Galzig-Cup teilnehmen, bekommt Rabatt bei der Teilnahme am Weißen Ring (Lech) und am Weißen Rausch (St. Anton), und man darf im SCA-Shop einkaufen. Ein Highlight ist die jedes Jahr stattfindende Ski-Club Arlberg Woche, bei der sich Mitglieder aus aller Welt treffen, um gemeinsam zu feiern und natürlich Ski zu fahren: von der Skitour über Heli-Ski bis zum Renn-Training und Ski-Test wird alles geboten.

Autor: Günter Kast

INFO: www.stantonamarlberg.com
Ski-Club Arlberg: www.skiclubarlberg.at

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