Voll auf die Zwölf

Der Ötztaler Urweg – brandneu und doch steinalt

Einst war das wilde Ötztal unwirtlich und lebensfeindlich. Lawinen und Muren verwüsteten regelmäßig ganze Landstriche. Und trotzdem ist es schon mehr als eintausend Jahre her, dass die ersten Menschen hier siedelten. Bajuwarische Einwanderer, mutige Männer und Frauen.

Auf halber Höhe, weit weg von den tosenden Schmelzwasserfluten im Tal, rodeten sie Wälder und erbauten Höfe. Die Verbindungswege dieser Pioniere verlaufen heute noch über die höhergelegenen Talstufen und können seit diesem Jahr von Wanderern neu entdeckt werden.
In Zwölf Etappen führt der Weg tief ins Tal hinein und auf der gegenüberliegenden Talseite wieder hinaus. Keine Gipfel oder Gletscher. Nur weite Wanderpfade mit viel Aussicht. Insgesamt 180 Kilometer, mit sage und schreibe mehr als 8000 Höhenmetern werden so zurückgelegt. Über die unterschiedlichen Talstufen des Ötztals, hinauf bis auf 3000 Meter über dem Meer. Da die Wege uralt sind und gelbe Wegweiser schon vorhanden waren, wurde jetzt nur noch die richtige Richtung mit einer roten 12 markiert. Dieser Kennzeichnung werden wir die nächsten Tage über folgen. Um beim Weitwandern abzuschalten. Und auszusteigen.

Ich befinde mich in Oetz. Schon die zweite Etappe liegt vor mir und der Ötztaler Urweg zeigt gleich, was Sache ist. Stolze 1200 Höhenmeter müssen heute bewältigt werden. Spaziergänger und Familien mit kleinen Kindern sind hier fehl am Platz. Zu steil, zu hoch, zu weit. Ambitionierte Bergwanderer aber werden am Weg ihre helle Freude haben und beeindruckende Abenteuer erleben.

Im Aktivhotel Waldhof schnüre ich also gespannt meine Stiefel und treffe auf Monika. Sie ist Bergwanderführerin mit Leib und Seele. Schon nach wenigen Metern merke ich, wie sehr sie mit der Natur verbunden ist. Mit leuchtenden Augen erklärt sie uns die Kleinigkeiten am Wegesrand, an denen man sonst nur allzu schnell vorbeigewandert wäre. 

So lernen wir beispielsweise ganz nebenbei die verschiedenen Fraßspuren an Fichtenzapfen zu lesen. War eine Maus oder ein Eichhörnchen am Werk? Sogar die Fraßspuren eines Kreuzschnabels ließen sich zweifelsfrei zuordnen, würde sich dafür auf dem Waldboden doch nur ein Beispiel finden lassen. Leider ist der Vogel mittlerweile sehr selten geworden. Bei so vielen Informationen wird der Habicher See am Ortsrand schon fast zu Nebensache. Und das obwohl das glasklare, türkise Wasser und der kleine Sandstrand einen perfekten Badesee abgeben. Direkt am bewaldeten Teil des Ufers, stürzt ein kleiner Wasserfall in den See. Es ist fast schon zu kitschig um Wirklichkeit zu sein. Aber als müsse ich mich von der Realität überzeugen, halte ich zuerst einen Fuß ins Wasser, gehe einige Schritte im seichten Wasser und tauche dann unter. Es ist eisig kalt. Mir bleibt fast die Luft weg. Weil es so wunderschön hier ist.

Unser Weg führt weiter, ein erstes Mal steil bergauf. Hinein in ein lichtes Wäldlein, durch das die niedrige Morgensonne ihr warmes Licht streifen lässt. Eine mystische, zauberhafte Stimmung. Kein Wunder, dass es hier so viele Sagen und Märchen gibt. Auf der Anhöhe, die wir wenig später erreichen, soll beispielsweise unter einem großen Stein ein Riese begraben sein. Gespannt lauschen wir Monikas Geschichten und stehen dabei vor ihr, wie kleine Kinder mit gespitzten Ohren. Schnell lassen wir uns mitreißen, versinken in der Welt der Hexen, Riesen und Ungeheuer.

Nach der ausgedehnten Märchenstunde steigen wir auch schon wieder sanft bergab und erreichen wenig später Tumpen. Hier, unter der beeindruckenden Engelswand, können wir den Sportkletterern aus nächster Nähe zuschauen. Überall hängen bunte Menschen, Seilkommandos hallen durch die warme Luft. Über 70 Routen in allen Schwierigkeitsgraden, lassen die Wand zum geschätzten Treff für Felsliebhaber werden. Die saftige Wiese direkt am Wandfuß lädt sogar zu einem Picknick ein.

Wir aber gehen weiter, vorbei an der Kapelle Maria Schnee, wo wir es uns nicht nehmen lassen, einen kurzen Blick hineinzuwerfen, bis wir zur Mittagszeit Umhausen erreichen. Hier lohnt sich besonders die Einkehr im Gasthof Krone. Denn dort kommen wir zum ersten Mal mit dem Ötztaler Dialekt in Kontakt. Selbst die Speisekarte ist nicht für jedermann lesbar und so wird schon die Bestellung zum Erlebnis. Regionale Produkte und die urigen Holzstuben tun ihr Übriges. Auf die unterschiedlichen Dialekte des Ötztals, werden wir im Laufe der nächsten Tage übrigens noch öfters treffen.

Und dann gibt es in der Krone noch etwas ganz Besonderes. Im Erkerzimmer, über den Räumlichkeiten des Gasthofes, befindet sich eines der schönsten Standesämter Tirols. Das ganze Zimmer, das eigentlich gar nicht der Öffentlichkeit zugänglich ist, ist mit Zirbenholzvertäfelungen ausgeschmückt. Das schummrige Licht, das durch die alten Eisenfenster scheint, lässt die Schnitzereien warm leuchten, die vor über 300 Jahren in das Holz geschnitten wurden. Ein wundervoller Ort, der auch bei den Einheimischen gerne fürs Jawort genutzt wird. Als der schwere Metallriegel der massiven Holztüre wieder scheppernd ins Schloss fällt, bin ich tief beeindruckt. Ein wahrer Schatz.

Doch das nächste Highlight wartet schon. Der Stuibenfall! Tirols zweithöchster Wasserfall, der so intensiv erlebt werden kann, wie kaum ein anderer. Eine spektakuläre Hängebrücke und mehr als 700 Stufen führen direkt neben den tosenden Wassermassen hinauf. Immer wieder gibt es Aussichtsplattformen, die so exponiert sind, dass Wind und Wasser uns die Sonnenhüte von den Köpfen reißen und mich sofort durchnässen. Heute eine angenehme Abkühlung! Direkt unter meinen Füßen stürzen tausende Liter Wasser pro Sekunde über einhundert Meter den Berg hinab. Ein wirklich imposantes Naturspektakel. Sogar ein Klettersteig wurde an der gegenüberliegenden Seite errichtet. Auch hier gibt es also wieder viel zu sehen. Und so verlieren wir uns Schritt für Schritt in der rauen Bergwelt, denken nicht mehr an gestern oder morgen. Das Ötztal. Spätestens hier und jetzt hat es uns!

Nach der enormen Kraft des Wasserfalls, ist es umso erstaunlicher, wie ruhig das Wasser oberhalb der Abbruchkante wirkt. Unter duftenden Kiefern plätschert das türkis glitzernde Wasser sanft zwischen den warmen Steinen hin und her. Alles wirkt plötzlich mediterran. Nichts erinnert an die steilen Felswände und tobenden Wassermassen hinter uns. Doch der Schein trügt. Baden ist hier lebensgefährlich, wie Unfälle in der Vergangenheit leider auf dramatische Weise zeigten. 

Die Nacht verbringen wir in Niederthai. Als ich die Zimmertüre im Hotel Falknerhof öffne, bleibt mir fast die Spucke weg. Direkt aus dem Bett genieße ich einen einzigartigen 3000er-Blick. Die weit entfernten Felswände leuchten golden. Ich öffne alle Fenster. Und atme tief ein. 

Doch der Falknerhof kann mehr als nur gut aussehen! Der Falknerhof schmeckt auch gut! Wein, Bier und Schnaps, selbstverständlich alles aus der Gegend. Im schummrigen Weinkeller probieren wir außerdem Käse, Wurst und Speck. Eine Geschmacksexplosion jagt die nächste. Auf riesigen Käselaibern stehen unsere Weingläser, an der Wand hängen duftende Fleischspezialitäten. Alles ist zum Probieren da. 

Die Gastgeber Peter und Steffi Falkner haben hier im Ötztal ihr ganz eigenes Schlaraffenland erschaffen, dabei immer großen Wert auf Regionalität, Qualität und Nachhaltigkeit gelegt. Und so liege ich einige Stunden später satt in meinem Bett, schaue durch das geöffnete Fenster in die kühle Abendluft und entdecke auf den Bergspitzen viele kleine Lichter.

Es ist die Zeit der Herz-Jesu-Feuer. Ein alter Brauch mit interessanter Entstehungsgeschichte, der heute noch gepflegt wird. Ich entdecke immer mehr flackernde Lichter. Sogar Figuren, Kreuze und Herzen, die mit Fackeln auf die steilen Bergflanken gesteckt wurden. So eindrucksvoll wie diese Lichter ins Tal hinableuchten kann nicht einmal die bunteste Silvesterrakete schillern. Schweigend und staunend liege ich eine gefühlte Ewigkeit da, koste den Moment voll aus. Ich bin angekommen. Im Hier und Jetzt.

Unter meinem Balkon steht Steffi auf der Terrasse. Durch ein Spektiv beobachtet sie in den wenigen freien Sekunden immer wieder besorgt ihren Sohn, der in der Dunkelheit auf fast 2800 Metern die Feuer entzündet. Erst weit nach Mitternacht, als hinter den Bergketten nächtliche Gewitter zucken, kann sie ihn wieder in die Arme schließen. Wie anders doch das Leben in den Bergen ist. Luis ist erst zehn Jahre jung. 

Schon am frühen Morgen gehen wir weiter. Von dieser Talstufe aus, sehen wir schön die gegenüberliegenden Bergflanken, in denen der Ötztaler Urweg wieder zurück nach Oetz führt. Beeindruckend, welche Entfernungen wir noch zurücklegen werden. Und dann finde ich am Waldrand doch noch einen Zapfen, mit merkwürdigen Einschnitten. „Monika? Meinst du, das könnte ein Kreuzschnabel gewesen sein?“. Monikas Augen beginnen zu leuchten. Sie nickt und beide strahlen wir über beide Ohren. Wie sehr man sich doch über einen Tannenzapfen freuen kann!

Glücklich wandern wir weiter. Über die traumhafte Hemerachalm, durch Wälder, vorbei an Wasserfällen und wieder hinunter nach Längenfeld, wo das Aqua Dome zu einem Pausentag einlädt. Sauna, Therme, Wellness. Für die beanspruchte Wadenmuskulatur oder einen Regentag genau das richtige. 

Tag Sechs. Uns erwartet die Königsetappe des Ötztaler Urwegs. Wieder sind fast 1400 Höhenmeter zu bewältigen. Heute aber lassen wir selbst die Baumgrenze weit unter uns. Über unzählige Metalltritte und Stufen schrauben wir uns in die Höhe, immer weiter Richtung Ramolhaus, das einfach nicht näherkommen will. Als wir die abschüssigen Schneefelder erreichen, nimmt uns unser Bergführer ans Seil. „Hait is nit haale, lei lugge!“ Was will mir mein Bergführer damit sagen? Er lacht und spricht plötzlich astreines Hochdeutsch: „Der Fels! Heute ist er nicht rutschig, nur gelegentlich etwas brüchig!“ Wieder einmal ist für mich der Ötztaler Dialekt ein Buch mit sieben Siegeln, das immer wieder humorvoll Überraschungen bereithält.

Erst kurz bevor wir die Türschwelle passieren, knacken wir schließlich doch noch die magische 3000er-Marke und treten auf die Aussichtsterrasse. Unter uns liegen gigantische Täler und zerrissene Gletscher. Hochalpines Gelände. Wo uns noch in den vergangenen Tagen satte Vegetation begleitete, umgibt uns heute nur noch Schnee und Fels. Eine karge Mondlandschaft. Hier oben, weit weg von allem, fällt es mir noch leichter loszulassen. Ich lege alle meine Sorgen ab, vergesse den Alltag. Nach so vielen Tagen auf Wanderschaft fühle ich mich endlich frei. Gänzlich losgelöst.

Nach einer kurzen Stärkung brechen wir aber auch schon wieder auf. Die Quellwolken am Horizont türmen sich bedrohlich schnell auf. Als wir den höchsten Punkt des Urwegs erreichen, das Ramoljoch mit seinen 3187 Metern, schlägt das Wetter endgültig um. Am eigenen Leib erfahren wir, wie kompromisslos Unwetter in den Bergen auf uns Menschen eindreschen. Glücklicherweise zieht der Sturm schnell über uns hinweg und als wir wieder die ersten Wiesen erreichen, sind diese nicht einmal nass. Wir nehmen unsere Rucksäcke ab, setzen und legen uns in das warme Gras.

Die letzten drei Tage erscheinen mir wie eine gesamte Woche. Die letzte Woche wie ein ganzer Monat. Wo aßen wir noch einmal gestern zu Mittag? Wo waren wir vorgestern in der Früh? Und wo bin ich überhaupt im Moment? 

Ich schließe glücklich die Augen. Es ist mir egal.

Text und Bilder: Benni Sauer

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