Vom Glück in einer Sardinen-Dose

Beim Übernachten in einer Biwakschachtel erlebt man die alpine Natur viel intensiver als auf bewirtschafteten Hütten. Allerdings sollte man sein Ziel mit Bedacht wählen, richtig ausgerüstet sein und die Spielregeln kennen.

Durch die Plexiglas-Kuppel des August-Schuster-Biwaks blicke ich direkt auf den Sternenhimmel über den schroffen Gipfeln des Karwendelgebirges. Großer Wagen, Großer Bär, die Venus – alle da und wunderschön. Allerdings genießen außer mir noch 14 andere Bergwanderer diesen Blick – in einem Biwak mit nur sechs Schlafplätzen. Wir wissen zwar noch nicht genau, wie wir uns betten sollen und wie diese Nacht verlaufen wird. Aber wir wissen ganz sicher: Es wird eng werden. Verdammt eng sogar. Vielleicht aber auch lustig. Gemütlich. Feucht-fröhlich?

Doch der Reihe nach: Schon als Kind hatte mich der Talschluss der Eng fasziniert. Der große Ahornboden ist ein magischer Ort und deshalb zu Recht einer der beliebtesten Plätze im Karwendel. Die Busse spucken große Ladungen an Touristen aus, die dann andächtig und mit leichtem Gruseln auf die steil, dunkel und bedrohlich aufragenden Laliderer Wände blicken. An dieser senkrechten Barriere wurde Klettergeschichte geschrieben. Die besten Fels-Akrobaten versuchten sich hier in früheren Jahrzehnten. Es gab dramatische Erstbesteigungen, Tragödien, Tote, Bergungen in letzter Minute. Ich wusste auch: Um den Kletterern nach vielen Stunden in der Vertikalen eine Zuflucht zu bieten, wurde oben auf 2.495 Metern, gleich hinter dem Grat, eine Biwakschachtel errichtet. Wer zu lange in der Wand war und das Abseilen nicht mehr bei Tageslicht schaffte, konnte hier nächtigen und sich erholen – oder ein Gewitter, einen Schlechtwetter-Einbruch geschützt aussitzen. 1948 war das, als die „Karwendler“, ein verschworener Haufen extremer Kletterer aus Innsbruck, ein Häuschen aus Holz auf die ausgesetzte Schneide setzten. Als dieses in den 1990er Jahren baufällig wurde, tauschte es der Innsbrucker Alpenverein durch eine supermoderne Konstruktion aus, die einer Mondlandefähre der NASA Konkurrenz machen könnte. Das neue August-Schuster-Biwak steht in der dafür passenden Landschaft: einer Wüste aus Geröll, kaum zehn Meter unter dem scharfen Grat, hinter dem die Laliderer Wände 800 Meter tief abstürzen.

TOURENSTECKBRIEF
Karl-Schuster-Biwak und Lalidererspitze


Ausgangspunkt: Parkplatz „Karwendeltäler“ in Scharnitz
Tourenverlauf: Hinterautal, Isar-Ursprung, Kastenalm. Unmittelbar vor der Alm links (Schranke) auf Karrenweg ins Rossloch (1.430 m) abbiegen. Bike-Depot. Rechts des Baches beginnt der Steig Richtung Osten. Auf rund 1.630 m lichten sich die Latschen: Hier links nach Norden abbiegen und das oft ausgetrocknete Bachbett queren. Steinmänner und rote Schleifchen an den Latschen weisen den Weg. Hinauf ins Bockkar und weiter zum Biwak. Links oberhalb baut sich die Laliderer Spitze (2.588 m) auf. In bröseligem Schotter gelangt man in 20 Min. relativ unschwierig zum Gipfel. Abstieg wie Aufstieg.

Gehzeiten: Insgesamt rund zehn Stunden mit Bike-Unterstützung, 13-14 Stunden für Wanderer
Karte: Kompass-Karte Nr. 26 „Karwendelgebirge“, 1:50.000

Das Beste dabei: Man kann diese exponierte Unterkunft, die man von der Eng nicht sieht, von Süden relativ einfach erreichen. Bei Wanderern und Bergsteigern, die die einsamen Kare und Gipfel rund um das Rossloch erkunden, hat sich das in den vergangenen Jahren herumgesprochen. Und deshalb wollten auch mein Kumpel Markus und ich das Hotel mit den vielen Sternen endlich einmal ausprobieren.

Am großen Karwendel-Parkplatz in Scharnitz machen wir uns startklar. Natürlich werden wir die gut 16 Kilometer ins Rossloch nicht zu Fuß gehen, sondern mit dem Mountainbike zurücklegen. Bis zur Kastenalm ist das ein nur leicht ansteigender Forstweg, den ganze Heerscharen an Outdoor-Fans unter die Stollenreifen nehmen. Man passiert dabei an der noch jungen Isar einen wahren Skulpturenpark aus Steinmännern und blickt auf idyllische Picknickplätze, an denen Familien mit ihrem Nachwuchs entspannt den Tag verbringen. Beim Isar-Ursprung machen auch wir kurz Rast, doch eine lange Pause gönnen wir uns nicht. Schließlich haben wir noch viele Höhenmeter vor uns. Außerdem wird der Weiterweg ab der Kastenalm deutlich ruppiger. Wir müssen ordentlich in die Pedale treten, um auf den losen Geröllbrocken nicht umzukippen. Mit einem leichten Tagesrucksack wäre das noch okay. Aber wir haben mindestens zwölf Kilo auf dem Rücken – eben alles, was man für eine Nacht in der Biwakschachtel so braucht (siehe Ausrüstungsliste). Dafür wird die Landschaft immer spektakulärer: Steil aufragende Wände umrahmen den Talschluss, wir dringen in den innersten Teil des Alpenparks Karwendel vor.

Als wir im Rossloch ankommen, füllen wir zuerst die Wasserflaschen auf. Weiter oben, im hier typischen Karst, wird es keine Gelegenheit mehr dazu geben. Und auf Schneereste, die wir schmelzen könnten, brauchen wir im Spätsommer nicht mehr zu hoffen. Auch nicht auf 2.500 Metern, weil der Anstieg durchgehend südseitig verläuft. Dann suchen wir zwischen den Latschen einen Platz, an dem wir unsere Bikes parken und absperren können. Als wir diesen erreichen, sind wir zunächst sprachlos: Da stehen bereits elf Räder! Und unser Biwak hat nur sechs Matratzen! „Wird schon irgendwie gehen“, sage ich zu Markus, der ernsthaft überlegt, wieder ins Tal zurückzurollen. Er verdreht nur die Augen und antwortet: „Oh ja, ich wollte schon immer mal Löffelchen-Liegen mit Dir üben!“

Über eine schmale Latschengasse gewinnen wir schnell an Höhe und erreichen das Bockkar. Zum Glück ist es jetzt, am späten Nachmittag, nicht mehr so heiß. Wir schwitzen dadurch weniger und sparen uns wertvolles Wasser. Jeder von uns beiden hat rund vier Liter im Rucksack: je einen Liter zum Nudeln-Kochen, 0,5 Liter für den Kaffee am Morgen danach und 2,5 Liter zum Trinken. Das ist eher knapp gerechnet. Vieltrinker und -schwitzer sollten eher fünf Liter mitnehmen. Okay, im Prinzip haben wir ja auch fast fünf Liter Flüssigkeit dabei: Aber 0,7 Liter davon befinden sich eben in einer Rotweinflasche … aus schwerem Glas! „Die in style“ nennen das die Angelsachsen: mit Stil sterben.

BIWAKHÜTTEN
Eine Auswahl


Arnspitzhütte Selbstversorgerhütte auf 1.930 Metern in der Arnspitzgruppe nahe Mittenwald, DAV-Sektion Hochland.

Jubiläumsgrathütte (2.684 Meter) Offene Notunterkunft am
Jubiläumsgrat zwischen Zugspitze und Alpspitze, DAV-Sektion München.

Augsburger Biwak (auch Roland-Ritter-Biwak, 2.608 Meter) an der Parseierscharte
in den Lechtaler Alpen am Lechtaler Höhenweg, DAV-Sektion Augsburg.

Design-Biwak am Gipfel des Stierlochkopfs (2.354 Meter)
in den Lechtaler Alpen, errichtet von der Lecher Bergrettung.

Offene Unterstandshütte auf dem Gipfel der
Benediktenwand (1.801 Meter), Bayerische Alpen

Biwakschachtel an der Höfats (1.918 Meter); 1969 von der Allgäuer
Bergwacht errichtet, um Edelweiß-Räubern das Handwerk zu legen;
seit 2007 nicht mehr besetzt, Notunterkunft für Wanderer und Bergsteiger.

Zwei Stunden später glitzert über uns in der Abendsonne die achteckige  Alu-Konstruktion der  Biwak-Schachtel. Wir passieren große, dunkle Karstlöcher, in die man nach Möglichkeit nicht hineinfallen sollte. Immerhin ist der Steig mit Steinmännern markiert und bei guter Sicht leicht zu finden. Bei Nebel sähe das allerdings anders aus. Als wir nur noch wenige Höhenmeter von unserem „Raumschiff“ entfernt sind und wir die tibetischen Gebetsfahnen im Wind flattern sehen, steigt die Spannung: Wie viele Trekker haben schon eingecheckt? Gibt es Geschirr, Besteck und Kochtöpfe? Decken für die Lager, die wir auf unsere nur dünnen Schlafsäcke legen können?

Die gute Nachricht: Alle Ausrüstung ist vorhanden. Die schlechte Nachricht: Mit 15 Personen wird es noch voller als gedacht. Dabei sind die zwei Jungs, die freiwillig draußen biwakieren wollen, noch gar nicht mitgerechnet. Weil es drinnen eng zugeht, stellen wir unsere Rucksäcke zunächst vor der Tür ab. Genießen das phänomenale Karwendel-Panorama im Abendlicht, das die Biwak-Schachtel erleuchtet. Einige Wanderer stehen noch am Gipfel der nahen Laliderer Spitze – sie sind als Silhouetten erkennbar. Dann setzen wir schnell Wasser auf. Wir wollen essen, haben Hunger. Alles kommt in einen Topf: Pasta und Sauce. „One-Pot“-Rezepte sind ja ohnehin der letzte Schrei. Sogar geriebenen Parmesan haben wir dabei. Und natürlich unseren rubinroten Tempranillo. Schweigend essen wir und schauen der Sonne beim Untergehen zu. Als es ganz dunkel ist, sehen wir im Süden die Lichterkette auf der Brennerautobahn, ganz im Norden leuchtet München. Eine halbe Stunde harren wir noch aus. Dann schützen uns auch Mütze und Wärmejacke nicht mehr vor der Kälte und wir trollen uns zum Biwak, mental vorbereitet auf einen Big-Brother-Container.

Doch drinnen geht es überraschend geordnet zu. Drei Bergsteiger haben sich mit Ersatz-Matratzen auf den Boden gelegt, so dass sich jeweils zwei Personen ein Lager teilen können. Natürlich fühlt man sich dabei als Rollmops, aber es geht. Der Vorteil der vielen Leiber an Bord: Es ist wärmer als gedacht. Die Plexiglas-Kuppel hat das Knusperhäuschen zusätzlich aufgeheizt. Schlafsack und dicke Decken brauchen wir nicht. Um 21 Uhr liegen alle in den Federn und uns umgibt eine Stille, wie man sie auf einer bewirtschafteten Alpenvereinshütte nie erleben wird. Kein Generator, kein Türenschlagen, nicht einmal einen Schnarcher haben wir unter uns.

Wir schlafen immerhin so gut, dass wir fast den Sonnenaufgang verpassen, der die Dreizinkenspitze orangerot färbt. Schnell sind wir auf den Beinen und steigen in 20 Minuten über steiles Geröll auf die Laliderer Spitze. Durch ein natürliches Felsentor blicken wir vorsichtig in die Abgründe der Laliderer Wände. Entdecken tief unten die Falkenhütte, ganz im Osten den Talgrund der Eng mit den imposanten Ahorn-Bäumen. Am Gipfel staunen wir nicht schlecht: Denn es gibt hier einen großen Kasten aus Metall. Darin befindet sich eine Seilwinde, die der Bergwacht die Rettung von Kletterern aus den Laliderer Wänden erleichtert. Apropos Kletterer: Gestern Abend, kurz vor dem Dunkelwerden, tauchten noch zwei müde Gestalten am Biwak auf. An ihrem Gurt baumelten Karabiner und Klemmkeile, aus dem Rucksack des Jüngeren hing ein Seil. Sie hatten eine schwierige Route in den Laliderer Wänden probiert und dafür fast zwölf Stunden gebraucht. Was man nie vergessen darf: Für solche (Not-)Fälle wurde das Biwak eigentlich dort oben aufgestellt. Entsprechend angefressen waren die beiden zuerst, als sie nun sahen, dass normale Wanderer ihren Zufluchtsort belagerten. Wir entschuldigten uns deshalb demütig, gaben ihnen von unseren Vorräten ab und boten ihnen einen Platz auf der Matratze an. Damit war die gute Stimmung wiederhergestellt. Die beiden legten sich dann aber einfach unter den Tisch und fielen binnen fünf Minuten in einen tiefen Erschöpfungsschlaf. Sie hatten nicht einmal ihren Klettergurt abgelegt.

Für Markus und mich wird es jetzt Zeit für den Abstieg. Vorher gönnen wir uns jedoch einen Kaffee. Vorsichtig gießen wir den Inhalt der letzten Trinkflasche in den Topf – wie wertvoll Wasser doch ist, wenn es nicht aus dem Hahn läuft. Überhaupt sind wir irgendwie geerdeter: der fast kitschig schöne Sonnenaufgang, die Stille, der Raureif am Morgen. Wir fühlen uns der Natur näher, stärker verbunden. Noch bevor wir die Räder erreichen, beschließen wir: Bei der nächsten Tour verzichten wir nicht nur auf den Hüttenwirt, sondern gleich ganz auf die schützenden Wände. Wir werden nur Biwaksack, Schlafsack und Isomatte einpacken. Die 1001 Sterne am Nachthimmel gehören uns dann ganz allein.

Text und Fotos: Günter Kast

AUSRÜSTUNGS-CHECK
Was zusätzlich zum normalen Equipment in den Rucksack muss

• Feuerzeug/wasserfeste Zündhölzer/Kerze
• Stirnlampe
• Gaskocher und Kartuschen
• Taschenmesser
• Mini-Fläschchen Spülmittel, WC-Papier und Müllbeutel
• Schlafsack (sofern es keine Decken gibt, sonst genügt ein Inlay)
• Essen: Tütensuppen, gefriergetrocknete Trekking-Gerichte, Pasta, Kartoffel-
brei-Pulver, Erbswürste, etc.
• Getränke: Faltbare Trinksäcke sparen Volumen, wenn sie leer sind. Wein, Bier und Schnaps füllt man am besten in PET-Flaschen, um Gewicht zu sparen.
• Für Bike&Hike-Touren: Fahrradschloss (oder Steckachse am Vorderrad entf.)

Biwak-Etikette: so gelingt der Trek zu unbewirtschafteten Schutzhütten

Die Bezeichnung Biwak stammt vom französischen Wort „Bivouac“ und bedeutet Feld- oder Nachtlager im Freien (mit Schlaf- und Biwaksack). Es gibt geplante und ungeplante Biwaks, solche in Schneehöhlen und in sogenannten Portaledges (das sind hängende Schlafplattformen in senkrechten Wänden). Alpinisten haben für Notsituationen und beim Höhenbergsteigen oft auch ein leichtes Zelt dabei. Oder sie flüchten sich eben in Biwakschachteln – das können spartanische Blechhütten sein, aber auch vergleichsweise komfortable Unterkünfte wie das August-Schuster-Biwak, das übrigens nach dem Gründer des gleichnamigen Sporthauses in München benannt ist, der selbst ein bekannter und erfolgreicher Expeditions-Bergsteiger war.

Wichtig sind vor allem diese Punkte: Erstens, Biwakschachteln wurden für ernsthafte alpinistische Unternehmungen und Notfälle errichtet. Als Wanderer sollte man sie nur dann nutzen, wenn man relativ sicher sagen kann, dass man niemandem den Platz wegnimmt, der ihn dringender braucht. Am einfachsten vermeidet man das, indem man nicht im XL-Rudel (Junggesellenabschied!) und nicht am Wochenende auf Tour geht. Zweitens, Biwakschachteln sind nicht für Knauserer gedacht, die sich die ohnehin moderaten Übernachtungskosten auf AV-Hütten sparen wollen. Es versteht sich von selbst, dass man in das dafür vorgesehene Kästchen den gewünschten Betrag einwirft, oder hinterher auf das Konto der Sektion überweist. Drittens, es gilt bei Überbelegung nicht „first come, first serve“. Das würde gerade diejenigen, die anspruchsvolle und lange Touren planen, benachteiligen. Viertens, einige Biwak-Hütten sind abgesperrt und nur mit einem Schlüssel der Sektion zu öffnen. Man sollte sich unbedingt vorab erkundigen, um nicht vor verschlossenen Türen zu stehen. Bei dieser Gelegenheit kann man auch gleich erfragen, wie viele Schlafplätze es gibt und wie das Schutzhaus ausgestattet ist (Decken, Kocher, Geschirr, Ofen mit/ohne Feuerholz?). Am besten ist es, einen Gaskocher und Kartuschen selbst mitzubringen und sich nicht darauf zu verlassen, dass diese Utensilien andere hochschleppen. Vor allem sollte man abklären, ob es auf der Hütte oder in der Nähe Wasser gibt. Im Frühsommer liegt oft noch Schnee, den man schmelzen kann – dann kann man sich das Schleppen großer Mengen Wasser sparen. Zu guter Letzt: Biwakschachteln befinden sich meist nicht ohne Grund an einer bestimmten Stelle, sie sollen ja Schutz in schwierigen Situationen bieten. Das umliegende Gelände ist oft hochalpin, der Zustieg ausgesetzt. Man sollte deshalb die Route genau studieren und sich überlegen, ob man der Tour technisch und konditionell gewachsen ist. Das Biwak auf dem Jubiläumsgrat von der Alpspitze zur Zugspitze ist zum Beispiel definitiv nichts für Wanderer. Und das Biwak in der Watzmann-Ostwand schon zweimal nicht.

Übrigens: Im Winter werden viele AV-Hütten zu Biwakschachteln für Selbstversorger. Denn dann sind nur die Winterräume für Skitouren- und Schneeschuhgeher geöffnet.

Ein Gedanke zu “Vom Glück in einer Sardinen-Dose

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