Vom Kronplatz zum König: Eine Zeitreise durch Südtirol

Wer im Winter Südtirol besucht, hat meistens die Ski im Gepäck. Das ist naheliegend, hat die Region doch gleich mehrere Wintersport-Superlative im Angebot. Doch gerade dann, wenn die Pisten gut gefüllt und die Berge in ihren Kleidern aus Eis und Schnee so unnahbar sind, dann lässt sich wunderbar erkennen, wie ursprünglich und archaisch Südtirols Bergwelt einst war – und noch immer ist.

Plan de Corones
2275 Meter hoch ist er, der Kronplatz. Nicht der höchste Berg und für viele mag es in den Dolomiten noch eindrucksvollere Berge geben. Dafür aber ist er vermutlich der meistbesuchte Gipfel weit und breit und selbst jetzt, in der Winterzwischensaison, lockt der Kronplatz unzählige Gäste. Womit, das werde ich schon bald mit eigenen Augen sehen.

Im Schatten des Tales, bei weit unter zehn Grad minus reihe ich mich ein, wirke wie ein bunter Hund, bin ich doch der einzige, ohne Ski, klobige Stiefel oder Stöcke in der Hand. Wenig später dann schaukle aber auch ich dem blauen Himmel entgegen. Der Gipfel, eigentlich eher ein Hochplateu, ist breit und einladend. Unzählige Gebäude stehen hier oben, gut verteilt an der Abbruchkannten der Ebene. Restaurants, eine Kapelle, Museen, nicht weniger als acht Seilbahn-Bergstationen und sogar Ferienwohnungen wurden hier oben errichtet. Was anfangs etwas abschreckend wirkt, entpuppt sich aber als Wintersport-Eldorado. Am Kronplatz werden beinahe 500 Hektar Fläche zum Präparieren der Pisten genutzt. Die Massen verteilen sich also gut und in Kombination mit der Skiregion „Dolomiti Superski“ eröffnen sich ihnen sogar die gesamten 1200 Pistenkilometer. Doch den Kronplatz besuche ich nicht des Skifahrens wegen. Ich suche einen Blick in Südtirols alpine Vergangenheit, den Kontrast zwischen Luxus, Tourismus, dem außergewöhnlich hohen Standard und der Abgeschiedenheit, der Ruhe und Schlichtheit.

Concordia 2000
Doch zuerst möchte ich mir einen Überblick verschaffen. Im Zentrum der vielen Gebäude, am Gipfel des Kronplatzes, befindet sich eine Aussichtsplattform – der gigantische Glockenturm Concordia 2000. Über einige Stufen steige ich direkt unter die riesige Friedensglocke und kann jetzt über die Häuser und Stationen hinwegblicken. Mir eröffnet sich ein Rundumblick, so weit und so frei, dass ich nicht weiß, wo ich zuerst hinsehen soll. Trotz der geringen Höhe des Turmes kann ich ein uneingeschränktes Panorama genießen. Zillertaler Alpen, Sextner und Pragser Dolomiten und unzählige andere Gipfelketten, die sich nicht enden wollend an- und hintereinander reihen. Am Rande wird die Aussichtsplattform von einem bronzenen Relief der umliegenden Bergwelt umringt und so kann ich mir selbst beantworten, wie die vielen Berge heißen, deren Anblick mich so bannt. 

Wie ich den Ausblick genieße, so hängen 18 Tonnen über mir. Die Glocke ist gewaltig und wurde 2003 zum 25-jährigen Bestehen des Skigebiets Kronplatz installiert. Jeden Tag läutet die lateinische Inschrift um die Mittagszeit vom Kronplatz: „Gott schenke den Völkern Frieden“, mit Glockenschlägen, so laut, dass sie noch weithin hörbar sein müssen. Außerdem ertönt das Klingeln, wenn, egal wo auf der Welt, ein Krieg beendet, die Todesstrafe aufgehoben, oder ein Verurteilter begnadigt wird. 

57 Jahre ist es her, als der erste Skilift auf dem Kronplatz eröffnet wurde. Und während mir das Geläut durch Mark und Bein donnert, versuche ich mir vorzustellen, wie einsam es wohl damals hier oben gewesen sein muss. Die wuchtige Bergwelt, in Kombination mit dem Leuten wirkt fast schon bedrohlich auf mich und es fällt mir dabei nicht schwer, in die Vergangenheit überzuwechseln.

MMM Corones
Doch ich möchte tiefer in die Bergwelt eintauchen, in ihre Geschichte und sogar in den Berg selbst. Niemand geringeres als Bergsteigerlegende Reinhold Messner realisierte genau hierfür das letzte seiner insgesamt sechs Museen. Und, passender könnte es nicht sein, so erzählt er auf dem Kronplatz die Geschichte des Alpinismus. Mit Blick auf die geschichtsträchtigsten Wände der Dolomiten bestaune ich im inneren des futuristisch anmutenden Baus Gemälde, aber vor allem Ausrüstungsgegenstände großer Pionierleistungen. Immer wieder schweift mein Blick aber durch eines der riesigen Fenster. Auf Marmolada, Piz Boé und Heiligkreuzkofel. 

Jetzt steige ich immer tiefer in den Berg hinein, denn das Museum ist größtenteils unterirdisch angelegt. Es durchzieht den Fels regelrecht, stößt immer wieder ins Freie und lenkt so geschickt meinen Blick. Dann genieße ich die Ruhe, die mir nur das Innere eines Berges bieten kann. Vor mir hängt der legendäre Hammer von Paul Preuß, jenem Alpinisten, der schon als König des Freikletterns bezeichnet wurde, leider aber schon im Alter von nur 27 Jahren verunglückte. Steigeisen und anderes Equipment, beispielsweiße von den Erstbesteigungen der Himalayariesen sind zu sehen, und wie meine Finger über die Haue Hermann Buhls Eispickel streifen, versinke ich vollends in der Alpingeschichte der Welt. 

Buhl bestieg damals, es war 1953, im Alleingang und ohne Zuhilfenahme von künstlichem Flaschensauerstoff, jedoch mit einem Biwak auf 8000 Metern Höhe ohne jegliche Ausrüstung, den Nanga Parbat. Sein Gipfelerfolg aber wurde angezweifelt und erst als eine japanische Expedition Buhls Eispickel, den er dort zurückgelassen hatte, am Gipfel fand und ins Tal transportierte, herrschte endlich Gewissheit. Buhl, der vier Jahre nach seiner Besteigung des Nanga Parbat verunglückte, konnte dies leider nicht mehr erleben. Denn die Japaner erreichten erst fast ein halbes Jahrhundert nach Buhl den Gipfel. So lange ruhte die Eishaue auf dem neunhöchsten Berg unserer Erde. Ein echtes Relikt der Alpingeschichte. 

Dann spuckt mich das Tunnelsystem hinaus auf eine Aussichtsplattform und wieder richtet sich mein Blick wie von selbst auf die Bergspitzen und Wände. Es sind die Berge, in denen Reinhold Messner aufwuchs, die Wände, in denen er das Klettern lernte und später sogar die Grenzen des Möglichen verschob. Ich versuche mir auszumalen, wie haarsträubend solche Vorstöße in die großen Wände gewesen sein müssen und finde mich plötzlich wieder, zwischen den Touristenmassen am Kronplatz und der alpinen Historie direkt vor meinen Augen, die nicht weiter davon entfernt sein könnte.

Zum König
Ich lasse die Dolomiten hinter mir. Sie bleiben, gerade wegen des krassen Kontrastes, Traumziel vieler Bergsteiger, UNESCO-Weltnaturerbe, als Fotomotiv tausendfach geknipst und sommers wie winters so gut erschlossen, dass wirklich jeder seinen ganz eigenen Zugang in diese Bergwelt findet. Mein Weg aber führt mich weiter, nach Westen, durch die zahmen Hügel des Vinschgaus, wo Obstplantagen das Bild der Täler prägen. Bis dann, ich kann meinen Augen kaum glauben, ganz plötzlich der König erscheint. 3905 Meter hoch, höher als jeder andere Gipfel Südtirols, ragt der Ortler in den Himmel. Vom schroffen Bild der Dolomiten ist hier nichts mehr zu sehen – weder Türme noch Nadeln und selbst die Blechlawinen sind verschwunden. 

Der Ortles, so sein italienischer Name, liegt mit seinen Trabanten eher behäbig da und wenn er oft schlicht als König bezeichnet wird, dann muss der Eispanzer seine Krone sein. Die Nordwestflanke des Berges ist so stark vergletschert, dass das Eis über die Kanten bricht. Immer wieder schleudert der Berg so gigantische Eismassen ins Tal. Dann ist gut zu sehen, wie dick es doch ist. Blauweiß schimmert es, sechzig Meter hoch, durchzogen von Rissen, Spalten und Schichten, die wie in Sedimentgesteinen von der Entstehungsgeschichte erzählen. Fast kann man daran, ähnlich wie bei den Ringen der Bäume, die Jahre zählen. Kein Zweifel besteht jetzt noch daran, wie der Berg zu seinem Beinamen kam.

Sulden liegt direkt am Fuß dieses Berges, mehr als 2000 Meter unterhalb seines Gipfel. Hier ist wieder Ruhe eingekehrt und die Nebensaison empfängt mich mit freien Pisten und wunderbaren Verhältnissen. Jetzt schnalle auch ich mir die Bretter unter die Füße und schwinge wenig später im Angesicht der imposanten Nordwand der Königsspitze über den Schnee. Warteschlangen: Fehlanzeige. Mehr als genug Platz ist für jeden da und selbst beim Mittagessen auf der Madritschhütte gibt es keine Wartezeiten. Sulden ist unter der Woche und außerhalb der Stoßzeiten ein wahrer Traum. Erst kurz vor Betriebsschluss fahre ich dann noch mit dem Schöntauflift auf 3250 Meter hinauf, von wo es nur noch ein kurzer Gang über Felsblöcke und Platten ist, die nach Norden jäh abbrechen, bis ich die vordere Schöntaufspitze erreiche. Dort setzte ich mich nieder. Um zu staunen, zu träumen und um mir den Hintergrat genauer anzusehen. 

Dem Ortler aufs Haupt gestiegen
Schon früh übte der Monarch eine ungeheure Faszination auf die Menschen aus und so liegt die Erstbesteigung schon mehr als stolze 200 Jahre zurück. 1804 gelang es Josef Pichler als erster Mensch seinen Fuß auf den Gipfel zu setzen. Ein weiterer Meilenstein Südtirols und des Alpinismus weltweit, wenn auch Pichlers Weg durch die der Westseite des Berges führte, die mir gerade verborgen bleibt. Doch ein Jahr später sollte sich eine nicht weniger aufsehenerregende Geschichte direkt vor meinen Augen abspielen.

Pichler wurde wieder beauftragt einen Weg, diesmal von Sulden hinauf zum Gipfel zu finden. Hierfür schlug er mit drei Kameraden ein Lager in der Nähe der heutigen Hintergrathütte auf. Winzig klein kann ich das massive Haus von hier aus erkennen. In jenem Sommer besteigen sie dann gleich zwei Mal den Ortler über den anspruchsvollen Hintergrat – eine wahrlich herausragende Leistung, von der die meisten Skifahrer, die sich unter mir tummeln, wahrscheinlich gar nichts wissen. 

Doch damit nicht genug. Weil die Besteigungen im Tal angezweifelt wurden, gab man Pichler eine große Fahne mit auf den Weg. Und so stieg er gleich weitere zwei Mal, am 27. und 28. August 1805 über den Hintergrat auf den König, wo er die Fahne hisste, die man im Tal tatsächlich noch erblicken konnte. Zwei Tage später führte Pichler schließlich noch den Beamten Gebhard, der die Besteigung organisiert hatte, selbst auf den Gipfel. Was für ein Gipfelsturm. Nach dieser stürmischen Zeit blieb der Ortler 21 Jahre unbestiegen.

Im End der Welt
Es ist spät geworden. Bevor die Sonne hinter dem Eispanzer des Ortlers verschwindet, fahre ich über die menschenleeren Pisten ins schattige Tal. Dort, am Rande des Örtchens, liegt ein weiteres Messner Mountain Museum. Das MMM Ortles. Es ist weniger auffällig als der imposante Bau am Kronplatz. Eigentlich verschwindet es regelrecht im Boden, wird ganz und gar unsichtbar. Robert Eberhöfer empfängt mich an der Eingangstüre, die zwischen den Schneemassen kaum auszumachen ist und erklärt mir, was es mit der Bauweise auf sich hat. „Im End der Welt“ wurde schon 1774 der Ferner bezeichnet, der damals noch vom Ortler bis zu uns hinunter ins Tal reichte. Heute findet man sein Eis nur noch eintausend Meter weiter oben. Doch das MMM Ortles wirkt selbst wie ein Gletscher. Die Wände sind kahl und kalt und an der Decke schimmert durch einen zackigen Riss bläuliches Licht hinein. Eine Gletscherspalte!

Messner nimmt mich mit, auf eine Reise durch das Eis dieser Welt, auf die höchsten Berge und zu den Polen. Die Gemälde faszinieren mich, mehr Bergsteiger als Kunstfreund, enorm und so verschwinde ich langsam immer tiefer im ewigen Eis. Spätestens, als mir die Soundboxen das laute Brechen und Knacken des Packeises vorspielen, läuft es mir Eiskalt den Rücken hinunter. Einmal mehr bin ich vom MMM überwältigt und verbringe viel mehr Zeit in der Eishöhle als erwartet. 

Von Yaks und Yetis
Als ich wieder ans Tagelicht gelange, dämmert es schon. Bitterkalt ist die Luft geworden, da durchbricht plötzlich ein seltsames Grunzen die Stille. Über dem Museum trotten große, zottelige Tiere hervor, die mit geschwungenen Hörnern fast schon wie Ungeheuer aus längt vergangenen Zeiten wirken. Friedlich, grunzend und schnaubend, so spazieren die Yaks direkt zu mir, wo ich noch froh bin, einen hölzernen Zaun zwischen ihnen und mir zu haben. Lange halte ich wie gebannt den Blickkontakt zu den eindrucksvollen Tieren, als sich hinter mir die Türe eines uralten Gebäudes öffnet. 

Es ist Daniel, der gemeinsam mit seinem Bruder Thomas den mehr als 400 Jahre alten Hof gepachtet hat. Natürlich – man ahnt es – von Reinhold Messner. Er erwarb das Gebäude, sanierte es sorgsam und schuf so das wohl außergewöhnlichste Restaurant des Tales: Das Yak & Yeti. Die Stuben sind noch immer mit dem selben Holz ausgekleidet wie vor 400 Jahren und serviert werden natürlich lokale Spezialitäten, aber auch Delikatessen von weither. So komme ich ganz unerwartet wieder zu Momos, den nepalesischen Teigtaschen, die, mit einer würzigen Ingwersoße serviert, vorzüglich schmecken. Das Fleisch der Füllung stammt übrigens von den Yaks, die hier gerne als Delikatesse auf dem Teller landen. Messner selbst lässt es sich dabei nicht nehmen, die Tiere im Sommer selbst auf die Weiden hinaufzutreiben, wo sie sich die warmen Monate über frei bewegen können.

Während meines kurzen Aufenthaltes in Sulden werde ich noch öfters bei Daniel und Thomas vorbeischauen. Das ausgesprochen gute Essen zu fairen Preisen, die urige Atmosphäre und die beiden netten jungen Männer, die mir gerne von den Bergen und Menschen der Region erzählen, passen für mich einfach perfekt zu Sulden, das den Spagat zwischen damals und heute wunderbar vollbringt. Denn weit weg von Après-Ski und krachendem Massentourismus fühle ich mich hier den Bergen wirklich nahe.

Ein Urgestein des Alpinismus
An Morgen meines letzten Tages in Südtirol bin ich mit Bergführer Ernst Reinstadler verabredet. Mit ihm möchte ich einen kleinen Abstecher, weg von den Pisten und hinein in die wilde Bergwelt wagen. Umso erstaunter bin ich, als er vor mir steht. Ein grauer Filzhut, ohne den man ihn sicherlich niemals sehen wird, eine sonnengegerbte, braune Haut und wache Augen, die jetzt schon seit 73 Jahren den Anblick dieser Berge genießen. Weil der Schnee heute so schlecht ist, beschließt Reinstadler heute keinen Gipfel mit mir zu besteigen und lediglich eine aussichtsreiche Ski-Wanderung zu unternehmen. Erst bin ich etwas enttäuscht, doch möchte ich Ernst keine Sekunde widersprechen, denn wenn es einer wissen muss, dann der Ernst. Er, der hier schon Skitouren unternahm, lange bevor Klebefelle und Pin-Bindungen erfunden waren. Damals, als die Krone des Ortlers zwanzig Meter dicker war, als sie es heute noch ist.

Während wir aufsteigen und hinter uns Königspitze, Zebru und Ortler in den Himmel wachsen, reden wir über sein Bergführerleben. Er lacht nur kurz als ich ihn frage, wie oft der denn schon den Ortler bezwang. So genau wisse er das gar nicht, so sagt er verträumt auf den Gipfel blickend, aber ganz gewiss mehr als eintausend Mal. Da staune ich nicht schlecht und auch die folgenden Erzählungen sind nicht weniger eindrücklich. Beispielsweiße, als er sich kurz vor dem Ortlergipfel vor einem aufziehenden Gewitter verstecken musste. Mit seinen Kameraden grub er sich kurzerhand in eine Schneewechte hinein und harrte dort aus, bis der Sturm vorüber war. Dann vollendeten sie die schwere Route, gelangten auf den Gipfel und stiegen zur Payerhütte ab. Auf dem Weg dorthin beutelte sie ein zweites, noch stärkeres Gewitter durch und als sie schließlich die Hüttentür aufstießen, glaubte ihnen der Wirt nicht ein Wort ihrer Geschichte. 

Ernst ist für mich wie ein Tor in eine vergangene Welt. In eine Welt, in der Sulden noch von der Landwirtschaft lebte, es keine Seilbahnen gab. Keine Lawinenpiepser, nur schlichte Holzlatten, auf denen er sich die steilsten Abhänge hinabstürzte. Reinstadler, mein Bindeglied zwischen den beiden Gesichtern Südtirols, spurt mir in sportlicher Geschwindigkeit das Gelände und lässt ganz nebenbei fallen, wie er es schaffte bis ins hohe Alter so aktiv zu bleiben. „Du darfst nie aufhören. Einfach nie aufhören.“

Der König kann aber auch weniger gnädig sein. Das erzählt mir Ernst, als wie den höchsten Punkt unserer Skitour erreicht haben. Auf einem flachen Felsen sitzen wir da, teilen uns eine Wurst und ich lausche wie ein Kind seiner Mutter. Es war sein eigener Sohn, der vor zwanzig Jahren auf den Ortler stieg. Den Martlgrat hatte er sich dafür vorgenommen. Keine einfache Unternehmung, weswegen Ernst ihn versuchte zu überreden, er möge noch warten, bis sein Vater die Zeit finden würde mitzukommen. Doch er wartete nicht und nahm stattdessen den Bruder mit. Bis weit nach oben, wo der Grat in die eisige Nordwand übergeht, so weit sind sie gekommen. Bis… Ernst ahmt sitzend die Kletterbewegung nach, greift mit beiden Händen nach einer imaginäre Felskante – und kippt dann nach hinten weg. Der ganze Block sei ausgebrochen, so erzählt er mir. 

Dann herrscht bedrückende Stille und vor uns leuchtet der Martlgrat im Morgenlicht, irgendwie hämisch, aber trotzdem wunderschön und friedlich. Nach einer Weile spricht Ernst weiter, als hätte es diesen Moment der Ruhe nicht gegeben. Der Verlust traf ihn damals hart. Fast hätte er sogar das Führen an den Nagel gehängt, obwohl er das schon in dritter Generation und immer mir viel Leidenschaft tat. Glücklicherweise entschied er sich aber für die Berge und spricht heute davon, als wäre dies die beste Entscheidung seines Lebens gewesen. Und wer weiß, vielleicht war sie das auch. Den Martlgrat allerdings führte er nie wieder. Und auch privat steigt er nicht mehr an den Felsgrat heran. Mit diesen Worten beendet der alte Mann das Gespräch. Damit wieder die Stille kommen kann. Ein schöner Moment, den hier oben jeder von uns beiden ganz für sich und doch gemeinsam genießen kann. 

Schließlich reichen unsere Blicke, die sich wie zufällig treffen und wir klicken uns wortlos die Ski unter die Füße. Wir erwarten eine raue Abfahrt, über vereiste Flanken und durch eingeblasene Mulden. Keine schönen Bedingungen und irgendwie bin ich in klein wenig erleichtert, dass nicht einmal der Ernst es schafft hier noch schöne Schwünge zu ziehen. Der Mensch, der mit acht Jahren das erste Mal den König bezwang. Der oft nicht einmal mehr Wasser mitnimmt, wenn er den Normalweg dort hinauf führt. Ein trockenes Stück Brot, das reicht aus, so erklärte er mir, regt den Speichelfluss an und lässt sich wunderbar unterwegs kauen. Ein Bergsteiger der alten Schule, der nicht mehr braucht als die Berge um sich herum. Damals wie heute. Nur heute, so lachte er mir ins Gesicht, sei die Durchblutung nicht mehr so gut wie früher, weswegen er häufig kalte Finger bekomme. Und so zeiht er sich dicke Handschuhe über, rückt seinen Filzhut zurecht und fährt talwärts. 

Eine Schneeschuhwanderung hoch über Trafoi. Von hier oben wirkt der Ortler besonders mächtig, während sich hinter mir das Vinschgau mehr und mehr öffnet. Von der grandiosen Aussichtsterrasse der Furkelhütte starte ich und trotz des perfekten Wetters habe ich die Bergwelt ganz für mich allein. Kein Wunder, dass von hier aus die Erstbesteigung des Königs veranlasst wurde. Unweit von hier lässt sogar noch weiter in die Vergangenheit blicken, denn unter dem Schnee verbergen sich frühzeitliche Saumpfade und Überreste prähistorischer Siedlungen.

Text & Bilder: Benni Sauer

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