Vom Park auf die Berge

Titelbild: Pitztal © Philipp Reiter

Keine Lust mehr die immer gleiche Joggingrunde zu drehen? Dann ist Trailrunning die perfekte Lösung mal dem Alltags-Lauftrott zu entfliehen. Weg von der Straße, weg vom platten Forstweg, hin zu wurzeldurchzogenen Pfaden, über Stock und Stein, bergauf, bergab, querfeldein. AKTIV in den ALPEN hat zwei Berglauf-Enthusiasten getroffen, die von ihrer Leidenschaft erzählen, die Berge im Laufschritt zu erobern. Wobei sich beide Läufer darüber einig sind, dass Trailrunning vor allem ein Naturerlebnis ist, bei dem man nicht unbedingt Rennen muss. „Trailrunner sind nicht auf der Flucht“, erklärt Jonas Berg. Und auch Dynafit-Athletin Maria Koller schwärmt von der Konzentrationsübung bei anspruchsvollem Untergrund, von Sonnenuntergängen und das ein Berglauf mit Freunden zuweilen therapeutische Wirkung hat. 

Für alle, die nach den beiden Interviews Lust bekommen haben, auch mal querfeldein zu laufen, finden im Anschluss Trail-Tipps von unseren beiden Profis sowie einige weitere schöne Trail-Strecken zum Nachlaufen. Viel Vergnügen. 


Maria Koller

„Trailrunning ist wie eine Therapie“

© Benedikt Seidl

Maria ist Sport- und Mathematik-Lehrerin und war während ihrer Jugendzeit Leichtathletin – Spezialgebiet: 100-Meter-Sprints. Zum Trailrunning ist sie durch Zufall und gute Freunde gekommen und könnte sich ein Leben ohne Berglauf nicht mehr vorstellen. Die Bayerwaldlerin liebt das herrliche Gefühl auf einen Berg rauflaufen zu können. Wir haben Maria zum Gespräch gebeten. Und die Erkenntnis gewonnen, dass Ehrgeiz und Sonnenuntergänge gleichermaßen beim Trailrunning ihren Platz haben. 

Maria, was macht für dich Trailrunning aus?
Beim Trailrunning kann ich total abschalten, im Gegensatz zum sturen Straßenlauf. Wenn ich auf einem Trail unterwegs bin, bin ich permanent damit beschäftigt, mich auf den Weg zu konzentrieren, die Natur zu genießen und nicht zu stolpern. Ich bleibe beim Trailrunning oft stehen, mache Bilder, drehe mich auch mal bewusst um, wenn ich die Sonne im Rücken habe. Bei derlei Läufen könnte ich auch auf die Uhr verzichten, weil ich sie nicht brauche, mir der Schnitt egal ist, genauso wie viele Kilometer ich schon gelaufen bin. Ich bin definitiv sehr ehrgeizig, kann aber dennoch Laufgenuss und Wettkampf voneinander trennen und beides zelebrieren. Und klar, wenn ich Bergintervalle trainiere, dann bleibe ich nicht stehen, um mir Sonnenuntergänge anzuschauen, aber wenn ich nur für mich laufe, dann genieße ich – oft zusammen mit Freunden – ganz bewusst die Natur, und dann hat Trailrunning für mich eine therapeutische Wirkung. 

Worauf muss ich besonders achten, wenn ich vom Park auf den Trail wechseln möchte?
Meiner Meinung nach auf das richtige Schuhwerk! Beim Trailrunning muss man seinen Schuhen vertrauen können, wenn man über Stock und Stein läuft, wenn die Steine oder Wurzeln nass sind. Hier brauche ich gutes Material für den nötigen Halt. Meines Erachtens ist das Vertrauen in die Schuhe Voraussetzung dafür, dass man sich überhaupt traut bergab zu laufen. Und dann ist es wichtig, dass man sich vorab über Streckenbeschaffenheit und Streckenlänge erkundigt. Wenn der Trail auf einen Berg geht, darf man das Wetter nicht unterschätzen. Beim Straßenlauf kann man sich schlecht vorstellen, dass beim Geländelauf ein kleiner Rucksack sinnvoll ist, samt Trinkflasche, Energieriegel und Handy. Mir geht es beispielsweise oft so, dass ich mich verlaufe, und dann ist es gut, wenn man Handy, Getränk und etwas zu Essen dabei hat (lacht). 

Für wen ist Trailrunning geeignet?
Jeder kann Trailrunning ausprobieren. Trailrunning bedeutet ja nicht zwingend, dass man die Zugspitze rauflaufen muss. Trail ist Querfeldein, wobei ich hier betonen möchte, dass Trailrunner nicht einfach querfeldein durch den Wald rennen. Ich laufe immer auf gegebenen Wegen, aber es muss ja nicht immer der breite Forstweg sein. Für mich bedeutet Trailrunning einfach mal weg von der Straße, auf schmalen technisch anspruchsvolleren Wegen zu laufen. 

Und wo liegen die Herausforderungen?
Nun, der schnellste Marathonläufer wird seine Probleme haben, wenn er einfach mal so auf die Zugspitze laufen soll. Weil die Belastungen anders sind, weil andere Muskelgruppen beansprucht werden. Entsprechend muss auch ein guter Straßenläufer sich erst einmal an den Berglauf herantasten. Beim Trailrunning muss sich der Läufer dem Untergrund anpassen. Anfangs läuft man sicherlich vorsichtiger, aber mit der Zeit wird man immer sicherer und irgendwann schwebt man dann regelrecht über die Wurzeln. Ich kann beispielsweise nur schlecht jemandem hinterherlaufen, weil ich mir immer schon den übernächsten Schritt überlege bzw. einsehen will. Das mache ich nicht bewusst, aber ich laufe sehr vorausschauend. Insgesamt hat Trailrunning sehr viel mit Koordination und Konzentration zu tun: Man muss immer den Weg im Blick haben, wenn ich zu viel rede, was mir gerne passiert, dann lande auch ich hin und wieder auf der Nase. Und ich rede wirklich sehr gerne beim Laufen, aber es gibt Passagen, da muss ich mich voll und ganz auf den Weg fokussieren. Diese Konzentration kann ich auch in andere Lebensbereiche transferieren. 

Wie bist Du zum Trailrunning gekommen?
Ich habe früher Leichtathletik gemacht, vor allem Sprints. Alles was länger als 200 Meter war, war quasi schon zu lang. Eine Tatsache, über die ich selber immer noch schmunzeln muss. Naja, für das Sportexamen musste ich 3000 Meter laufen und wollte natürlich eine top Zeit erzielen, entsprechend haben mich zwei Läuferfreunde aus dem Bayerischen Wald hin und wieder auf die lange Distanz mitgenommen. Nach dem Examen hatte ich dann ein Jahr Zeit – meine Lauffreunde, die damals schon im Trailrunning unterwegs waren, meinten ich hätte das Zeug für Trailrunning-Wettkämpfe. 

Gesagt, gestartet?
Ja, irgendwie schon … Mein erster Wettkampf war 2014 der Zugspitz Basetrail (Anm. d. Red.: Salomon Zugspitz Ultratrail 2014/Basetrail 36 km/2000 Hm). Ich bin auf Anhieb Vierte geworden, allerdings ging es mir während dem Lauf so schlecht, dass ich mir dachte: das machst du nie wieder. Naja, auf dem Heimweg haben wir uns dann fürs Pitztal (Anm. d. Red.: Pitztal-Gletscher Trail-Maniak 2014/ 42 Km/2800 Hm) angemeldet. Den habe ich dann gleich gewonnen. Und dann is dahi ganga …(lacht) 

Marias Trail-Tipps:

Himmelreich-Weißer Riegel-Osser:
„Die Höhenzüge um den Lamer Winkel haben im Vergleich zu vielen Regionen der Alpen den großen Vorteil, dass nahezu alles laufbar ist. Es gibt einfache, aber auch technisch sehr anspruchsvolle Trails über die acht Tausender oder im Bereich des Kleinen und Großen Ossers.“ 

Auf dem Goldsteig:
Einer der schönsten Trails im Lamer Winkel. Wer ihn nicht auf einmal laufen will, kann dies auch in zwei Abschnitten tun.

Alle Informationen zu Strecken, Länge, Höhenmeter und Dauer unter:
www.lamer-winkel.bayern


Jonas Berg

„Trailrunner sind nicht auf der Flucht“

© Harald Wisthaler – wisthaler.com

Der gebürtige Rheinländer liebt es die Berge laufend zu erobern. Seit Jonas 2012 nach München gezogen ist, trifft man den großen Blonden entweder im Kletterzentrum Thalkirchen, wo er als stellvertretender Betriebsleiter für einen reibungslosen Kletterbetrieb sorgt, oder in den Bergen – letzteres am Liebsten im Laufschritt. AKTIV in den ALPEN hat Jonas zum Interview getroffen: Ein Gespräch über schnörkelloses Laufvergnügen bei dem man wieder Kind sein darf und nicht immer rennen muss. 

Jonas, was bedeutet für Dich Trailrunning?
Trailrunning ist für mich schnelles Wandern mit läuferischen Anteilen. Das, was mir dabei so gefällt ist, dass man nicht die ganze Zeit rennen muss, sondern je nach Untergrund und Steigung auch viele Passagen im Schritttempo begeht. Trailrunning ist sehr vielseitig: Von den Isartrails mitten in München bis zu den Dolomiten, Pitztal oder Großglockner. Außerdem konnte ich schon zwei total unterschiedliche Weitwanderwege laufend erleben: Den GR 20 auf Korsika und der GR221 auf Mallorca. Korsika besticht durch seine wahnsinnig technischen, steilen Höhenmeter. Mallorca hingegen ist super laufbar. Alles in allem darf man als Trailrunner einfach wieder Kind sein, sprich: spielen und erleben. Ich verlaufe mich total gerne und entdecke so neue Gegenden.

Was ist deine Empfehlung für Einsteiger?
Ich empfehle die Laufuhr daheim zu lassen, weg mit dem ganzen Schnick Schnack wie Musik im Ohr und hochgesetzten Zielen und Ambitionen. Trailrunning lebt von und mit der Community, lebt für das draußen sein und die Begegnung mit der Natur.  »Speedhiking« lautet also das Schlagwort. Der Puls darf schon mal in unschöne Höhen schnellen. Oben angekommen kann man sich dann gemütlich auf eine Bank setzen, Brotzeit und Aussicht genießen. Trailrunner sind nicht auf der Flucht. 

Jonas Trail-Tipps: 

Tegernseer Hütte:
Vom Parkplatz Bayerwald aus – ambitioniert, aber auch für Einsteiger toll, „da man oben mit wahnsinnig schönen Ausblicken belohnt wird.“ 

Herzogstandhaus – Heimgarten:
Vom Walchensee mit der Bahn zum Herzogstandhaus. „Der technische Trail auf dem Grad zwischen Herzogstand und Heimgarten ist sicher nicht der leichteste, macht aber einfach Spaß.“ 

Auch toll & perfekt für totale Trail-Anfänger: 
Schmale Pfade im Flachen laufen, um sich so an die Bewegungen zu gewöhnen. „Das kann dann auch der Waldwanderweg hinterm Haus sein. Es muss nicht immer ein 3000er-Gipfel sein.


Allgäu
Ein echtes Trailrunning-Eldorado

Fürschiesser-Grat Richtung Krottenköpfe
© Martin Hehle

Auf www.outdooractive.com kann man aus über 250 Trailstrecken im Allgäu wählen. Von leicht bis schwer. Von Ober- bis Ostallgäu. Eine tolle Trailrunning-Einsteigerstrecke geht beispielsweise von Blaichach aufs Hüttenberger Eck: Moderate Anstiege mit vielen schönen Aussichten. Insgesamt sind 8,1 Kilometer Distanz und 471 Höhenmeter zu überwinden.

Alle Informationen unter:
www.outdooractive.com


Kleinwalsertal
Über Stock und Stein im Trab

Ifen-Trailrunning
© Dominik Berchtold fuer Kleinwalsertal Tourismus

Schon allein die Höhenlage von 1.100 bis 2.500 Metern macht das Kleinwalsertal bei Berglauf-Enthusiasten begehrt. Die Strecken sind ein buntes Potpourri aus kräftezehrenden steilen Anstiegen bis hin zu verspielten Runden, die einfach nur Spaß machen.

Alle Informationen unter:
www.kleinwalsertal.com 


Pitztal
Das Dach Tirols laufend erobern

Pitztal, Österreich
© Anid Frank

Legendär: Der Pitz Alpine Glacier Trail, Maria Kollers zweiter Trailrunning-Wettkampf. Gleich 7 Varianten stehen zur Verfügung: Von der Königsdistanz mit 6.100 Höhenmetern verteilt auf 106 Kilometer bis zum Zirbensteig Trail mit 850 Höhenmeter und 16 Kilometern Distanz. Aber auch sonst bietet das Pitztal noch jede Menge schöner Berglaufstrecken für Einsteiger und Könner.

Alle Informationen unter:
www.pitztal.com 


Tiroler Zugspitzarena
Ein echtes Trail-Klassik-Refugium

Tiroler Zugspitzarena, Österreich
© Tiroler Zugspitzarena

Seit Sommer 2018 gibt es drei ausgewiesene Trailrunning Strecken rund um die Zugspitze, von leicht bis extrem schwer. Von 9,5 bis 44 Kilometer und von 554 bis 2.030 Höhenmeter sind für Anfänger bis Profis die passenden Laufstrecken dabei. Eine schöne einsteigertaugliche Strecke ist die Ehrwald-Obermoos-Runde. Sie verläuft direkt unter den Wänden des Zugspitzmassivs. Der Rundkurs ist 9,5 Kilometer lang und es gilt 554 Höhenmeter zu überwinden.

Alle Informationen unter:
www.zugspitzarena.com


Livigno
Der höchstgelegene Trailrunning-Park Europas

Livigno, Italien

Livigno wird gerne als »Klein-Tibet« bezeichnet: Weil es zwar italienisches Staatsgebiet ist, aber im Herzen der Schweiz liegt. Und weil das Örtchen schon auf 1800 Höhenmetern liegt. Die Bergbahnen bringen einen auf knapp 3000 Metern Ausgangslage – ideale Voraussetzungen für ein Höhentraining. Insgesamt stehen 6 ausgewiesene Trailstrecken von leicht bis schwer zur Verfügung. An den Startpunkten kann man sich per QR-Code alle Informationen aufs Handy ziehen, wie beispielsweise vom »Fartlek in the Clouds«: 254 Höhenmeter, 6,4 Kilometer ist der Rundkurs lang. Klingt easy, allerdings liegt die Strecke immer auf über 2.700 Metern – wer hier läuft kurbelt ordentlich seine Kondition an. 

Alle Informationen unter:
www.carosello3000.com

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