Vom Schlusslicht zur Weltspitze

Profi-Downhillerin Vali Höll im Interview

Valentina „Vali“ Höll hat mit gerade einmal drei Jahren ihr erstes Bike-Rennen bestritten… und mit Abstand
verloren. Heute ist sie eine der besten der Welt. Zweifache Junioren-Weltmeisterin und Weltcup-
Gesamtsiegerin ihrer Klasse. 2021 startete die heute 20-jährige Saalbacherin erstmals in der Elite-Klasse und holte sich auch in dieser Saison den Sieg im Gesamt-Weltcup. Ein Ausnahme-Talent im Interview.

(Titelfoto: © Bartek Wolinski | Red Bull Content Pool)

© Mokka & Ivy

Hi Vali, erzähl mal: Wie hast du zu diesem doch sehr extremen Sport — dem Downhill Mountainbiking — gefunden? 

Meine Eltern waren schon immer aktive Biker. Am Anfang eher im Touren-Bereich. 2004 sind die beiden dann nach Kanada, genauer gesagt nach Whistler geflogen. Whistler ist weltweit wohl DER Bikepark und meine Eltern waren sofort angefixt. Sie haben den Sport noch mal neu entdeckt und das Freeriden hat ihnen einfach sofort Spaß gemacht. Als sie wieder nach Hause gekommen sind, hat mein Vater angefangen, einen eigenen Trail — den Höllen-Trail am Spielberghaus — zu bauen. Das Spielberghaus ist die bewirtschaftete Hütte meiner Eltern in Saalbach und deshalb habe ich bereits als kleines Mädchen viel Zeit auf diesem Trail verbracht. Ich bin auf ihm sozusagen groß geworden. Ich war eher ein faules Kind, das immer viel Action gebraucht hat, daher waren die Uphill-Touren eher weniger interessant für mich und ich habe den Spaß am Downhillen für mich entdeckt. 

Ein faules Kind wird also zur Profisportlerin?  

Ja, ich bin einfach nie gerne gegangen und war immer schon lieber am Laufrad oder auf dem Bobby-Car unterwegs. Zu Fuß gehen war für mich das Schlimmste. 

Du hast bereits früh angefangen, Rennen zu fahren. Kannst du uns etwas über deine Anfänge erzählen? 

Ich war erst drei Jahre alt, als ich mein erstes Rennen gefahren bin. Die Scott Junior Trophy bei den World Games of Mountainbiking in Saalbach Hinterglemm. Ich bin mit Abstand letzte geworden, aber dafür habe ich ganz viele tolle Fotos von diesem Rennen, weil ich bei jedem Fotografen stehen geblieben bin und in die Kamera gelacht habe. 

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Was für ein schöner Start einer Profi-Karriere. Wann hast du dann dein erstes professionelles Rennen bestritten? 

Das war glaube ich 2013. Mein Vater hat im Internet eine Rennserie gefunden und wir haben es einfach mal versucht. Wir haben uns acht Stunden ins Auto gesetzt und sind zum Rookies Cup nach Winterberg in Nordrhein-Westfalen gefahren. Zuvor habe ich bei Skirennen teilgenommen und bin daher recht ehrgeizig an die Sache herangegangen. Mein Vater wollte meinen Ehrgeiz ein wenig zügeln und hat mir gesagt, dass ich entspannt an die Sache herangehen soll, denn ich fahre bei diesem Rennen gegen die Jungs und ich werde das Rennen wohl nicht gleich auf Anhieb gewinnen. Damals gab es nämlich noch gar keine eigene Kategorie für Mädels. Seine Worte haben mich vor dem Rennstart am Boden gehalten und am Ende des Tages stand ich doch ganz oben auf dem Podest und habe alle Jungs hinter mir gelassen.

Was begeistert dich so an diesem Sport?

Rennen zu fahren und in der Freizeit auf dem Bike zu sitzen, sind für mich zwei komplett unterschiedliche Disziplinen. Als Hobby ist Downhillen immer lustig. Man trifft sich mit seinen Freunden, fährt den ganzen Tag Laps, pusht sich gegenseitig und probiert neue Sachen aus. Man hat einfach immer nur den Spaß an der Sache im Kopf. Im Rennen lege ich dann einen Schalter um. Der Fokus liegt dann auf einem perfekten Run. Der Ehrgeiz steigt und man versucht jedes Hundertstel auf der Strecke zu finden. Da macht man sich natürlich auch in gewisser Weise Druck, denn am Ende des Tages geht es um die Zeit, die man ins Ziel bringt. Das macht natürlich trotzdem Spaß, denn ich liebe die Herausforderung in diesen drei bis fünf Minuten zu zeigen, was ich drauf hab. Man trainiert hart für diese Momente und dann muss alles passen. 

Die diesjährige Offseason — also die Zeit zwischen den letzten Rennen des Vorjahres und dem ersten des diesjährigen Weltcup — war verhältnismäßig kurz. Mit welchem Gefühl bist du in die Saison gestartet? 

Es war tatsächlich die erste Offseason, in der ich regelmäßig auf dem Bike sitzen konnte. Davor bin ich noch zur Schule gegangen und hatte nur in den Winterferien Zeit, irgendwo hinzufahren, wo kein Schnee mehr liegt. Letztes Jahr hat mir eine Verletzung die wertvolle Vorbereitungszeit geraubt. Jetzt, wo ich die Matura in der Tasche habe und der Sport mein Beruf ist, habe ich endlich genügend Zeit, mich ordentlich vorzubereiten und so viel Zeit wie möglich auf dem Bike zu verbringen. 

© Mokka & Ivy

Du hast eine Verletzung angesprochen. Was ist passiert und wie fühlst du dich mittlerweile? 

Ich habe mir letztes Jahr bei der Weltmeisterschaft in Leogang das Sprunggelenk zerstört und musste operiert werden. Der Weg zurück war anstrengend und die Enttäuschung groß. Ab und an macht sich das Sprunggelenk schon noch bemerkbar. Das größere Problem war aber meine mentale Stärke. Da die Verletzung bei einem Sprung passiert ist, habe ich plötzlich angefangen, darüber nachzudenken, was alles passieren kann. Das kannte ich bis dahin nicht von mir, denn Sprünge waren eigentlich nie ein Problem für mich. Es hat mich genervt, dass ich plötzlich so viel darüber nachdenken musste, denn es hat ja nur einmal von 1.000 Mal nicht geklappt. Danach brauchte ich immer einige Zeit, bis ich mich überwunden habe, einen Sprung zu nehmen. Aber das habe ich jetzt einigermaßen im Griff und das gibt mir wieder Selbstvertrauen. 

Das heißt, du hast intensiver an deiner mentalen Stärke arbeiten müssen als an deiner körperlichen Fitness? 

Ja, absolut. Das hat einfach so viel länger mitgewirkt. Die Verletzung war nach vier Monaten wieder so gut wie ausgeheilt, aber die Angst blieb ganz lange im Kopf. 

Der erste Weltcup dieser Saison in Lourdes (FRA) liegt bereits hinter dir. Wie lief es dort für dich? 

Lourdes war extrem interessant und ich war hoch motiviert. Neues Bike, neues Outfit, neue Saison. Ich habe mich gut gefühlt und die Qualifikation für mich entscheiden können, obwohl die Konkurrenz sehr stark ist. Im Finale hat es dann aber leider nicht so geklappt, wie ich es wollte. Das war leider auch letztes Jahr in meiner ersten Saison in der Elite-Klasse oft der Fall. Wenn ich im Finale als letzte am Start stehe, mache ich mir immer noch extrem viel Druck. Ich glaube immer, ich muss im Finallauf noch auf die Suche nach jedem Hundertstel gehen, anstatt dass ich mich einfach darauf verlasse, dass mein Quali-Lauf bereits gut genug war und ich nur noch ein wenig mehr pushen muss. Ich ändere dann noch meine Lines oder kann mich nicht genug konzentrieren. Daran muss ich noch arbeiten. Meine stärksten Konkurrentinnen haben darin einfach schon so viel mehr Erfahrung. Sie sind über zehn Jahre älter als ich. Mit so viel Rennerfahrung ist man im Kopf sicher um einiges weiter und es fällt leichter, cool zu bleiben. 

© Bartek Wolinski | Red Bull Content Pool

Du hast vorhin erwähnt, dass du ein ziemlich faules Kind warst. Nun ist Downhill-Mountainbiking aber ein extrem fordernder Sport für den ganzen Körper. Wie bereitest  du dich auf die Rennsaison vor? Hast du einen speziellen Trainingsplan? 

Diese Eigenschaft habe ich heute natürlich nicht mehr, haha. Ich trainiere fast täglich meine Grundlagenausdauer, baue viele Intervalle und Sprints ein und gehe viermal die Woche ins Fitnessstudio, um meine Muskeln aufzubauen. Da ist von Maximal- über Schnellkraft alles dabei. Der genaue Trainingsplan ändert sich aber ständig und passt sich an die Saisonen und die Zeiten zwischen den einzelnen Weltcups an. 

Im Mai steht dann das nächste Rennen in Fort William an, bevor du im Juni dann beim Heimrennen in Leogang an den Start gehst. Ist ein Heimrennen für dich von Vorteil oder eher noch mehr Druck?

Da die Wintersaison bei uns recht lange dauert, bleibt im Grunde gar nicht allzu viel Zeit, um auf dieser Strecke zu trainieren. Außerdem glaube ich an Karma und denke, dass es nicht gut ist, wenn man so einen Vorteil bis ins Letzte ausnutzt. Bis jetzt hat es für mich in Leogang noch nie so richtig klappen wollen. Ich bin dort im Quali- oder Rennlauf schon oft gestürzt, meistens hat es aber trotzdem für ein gutes Ergebnis gereicht. Auch meine Verletzung habe ich mir in Leogang geholt. Meine Stürze geschehen aber immer knapper vorm Ziel, daher hoffe ich, dass der nächste Sturz nach der Ziellinie passiert, haha. Grundsätzlich fühle ich mich in Leogang und auf der Strecke aber sehr wohl. Es ist eine große Ehre, wenn eine Weltcup- und WM-Strecke nach einem benannt ist. Ich freue mich auch immer bekannte Gesichter zu sehen und vertraute Stimmen am Streckenrand zu hören. Nicht viele Athleten haben die Ehre zu Hause ein Weltcup-Rennen fahren zu können. Ich schätze das sehr und es motiviert mich. 

Worin denkst du, liegt deine größte Stärke? 

Ich glaube, ich traue mir Lines zu, die andere Frauen nicht fahren und ich bin besonders stark auf sehr technischen Strecken. Früher waren Sprünge meine größte Stärke. Seit meinem Sturz ist das aber leider nicht mehr so. 

Und deine größte Schwäche?

Ich war mir am Anfang meiner Karriere sicher, dass ich mental sehr stark bin. Ich musste selbst erst lernen, dass das nicht immer zutrifft. Es macht mich extrem fertig, wenn etwas nicht so hinhaut, wie ich es mir vorgestellt habe. Selbst als ich letztes Jahr den Gesamt-Weltcup gewonnen habe, habe ich mich dafür kritisiert und mir den Sieg nicht zuschreiben wollen, weil es sich nicht nach einem Sieg angefühlt hat. Ich suche immer nach Ausreden und Gründen, warum es so passiert ist, wie zum Beispiel: „Naja, meine stärkste Konkurrentin hatte halt einen Sturz. Nur deshalb habe ich gewonnen.“ Aber ja, auf die ganze Saison gesehen war ich einfach besser und in diesem Punkt muss ich einfach noch an meiner Selbstsicherheit feilen.

Nun steigt der Zuwachs an weiblichen Athleten in diesem Extremsport, aber es sind immer noch um ein Vielfaches weniger. Wie denkst du, könnte man mehr Frauen für diesen Sport begeistern? 

Ich glaube, wir sind da schon auf einem sehr guten Weg und ich sehe da schon einige Mädels nachkommen, die uns irgendwann einmal um die Ohren fahren werden. Es braucht halt immer Vorbilder, die den Nachwuchs motivieren und inspirieren. Für mich war und ist es immer noch Rachel Atherton. Wichtig wäre aber auch eine anständige Basis auf nationaler Ebene, um Talente auch ausreichend zu fördern. Da sind wir in Österreich und Deutschland leider noch recht schwach. 

Siehst du dich selbst als Vorbild? 

Nein, aber ich finde es extrem cool, dass ich schon Fanpost und Glückwünsche nach Rennen bekomme und nach Autogrammen gefragt werde. Für mich ist das noch total surreal, dass mich jemand als Vorbild sehen könnte oder jemand cool findet, was ich mache. Ich bin selbst noch so ein Fan von meinen Vorbildern. Wenn ich die Athletinnen bei den Weltcups sehe, denke ich mir oft: „Wow, die sind so cool. So möchte ich auch mal sein.“ Und dann fällt mir wieder ein, dass ich im selben Startgate stehe, diese Sportlerinnen meine Mitstreiterinnen sind und ich selbst schon eine von ihnen bin. Das vergesse ich immer wieder mal. 

Wie sieht es beim Downhill Mountainbiking mit der Gleichberechtigung und dem Respekt aus? Sind Frauen Männern deiner Meinung nach gleichgestellt? 

Ich glaube, dass unser Sport einer der wenigen ist, in dem die Preisgelder von Männern und Frauen gleich hoch sind. Das ist extrem cool. Bei den Gehältern liegen aber noch Welten dazwischen. Es wird halt aber auch sehr wenig darüber gesprochen. Ich finde, Gehälter sollten auch weniger Tabu-Thema sein, damit die Gehaltsschere irgendwann ausgeglichen werden kann. Und vermutlich müssten Frauen härter in Verhandlungen gehen. Das geht aber auch nur, wenn man einen Vergleich zu anderen Athleten hat, die eine ähnliche Leistung erbringen. Es schadet ja niemandem, wenn er oder sie sagt, wie viel Geld am Konto landet. Nur so können Gehälter fair verhandelt werden, finde ich. Man muss aber auch dazu sagen, dass es nicht immer nur um die Resultate geht, sondern auch darum, welchen Marketing-Wert man als Athlet für ein Unternehmen hat. Das wird bei diesen Diskussionen oft vergessen. Zum Thema Respekt: Ich habe als Frau im Extremsport immer nur positive Erfahrungen gemacht. Man bekommt viel Aufmerksamkeit, das Konkurrenzfeld ist (noch) nicht ganz so groß und man landet schneller am Podium, wenn man Leistung bringt. Außerdem werden wir Frauen auch von den Männern gefeiert und uns wird für unsere Leistungen viel Respekt entgegengebracht. Das ist wirklich cool an diesem Sport. Jedoch ist das passende Gehalt auch eine Form des Respekts und der Wertschätzung und da fehlt es leider noch. 

Welchen Rat würdest du anderen Frauen in diesem Sport gerne geben? 

Für alle, die in den Rennsport einsteigen wollen, ist es wohl am besten, mit Männern zu trainieren. Zumindest hat mir das sehr geholfen. Zurzeit gibt es leider einfach noch nicht so viele Frauen, die auf Profi-Niveau fahren und die paar wenigen, die es gibt, leben auf der ganzen Welt verstreut. Ich hoffe aber sehr, dass es in Zukunft genügend Frauen in diesem Sport geben wird, damit man auch in der Nähe eine Trainingspartnerin findet, mit der man voneinander profitieren kann. Ich finde es wichtig, dass wir respektvoll miteinander umgehen und vielleicht auch Freundschaften knüpfen, anstatt anderen als Konkurrentin zu begegnen. Am Ende des Tages fahren wir ja gegen die Uhr und nicht gegen die anderen Athletinnen. 

Und zum Abschluss: Abseits vom Racen, wovon träumst du? Was willst du unbedingt  einmal erreicht/erlebt haben? 

Mein größter Traum wäre es, dass ich irgendwann einmal Kids inspiriere, so wie Rachel Atherton mich inspiriert hat. Ich glaube, sie weiß gar nicht, dass ich nur wegen ihr begonnen habe, Rennen zu fahren und plötzlich bin ich mittendrin. Ich finde es schön, dass eine Person so viel Positives bewirken kann und einen so motivieren kann. Natürlich braucht man auch die Unterstützung der Familie und durch Sponsoren. Aber mein Ziel ist, eine motivierende Wirkung auf andere Menschen zu haben.

Autorin: Karin Pasterer

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