Vom Wein in die Wiener Alpen

Auf dem Fernradweg EuroVelo9 quer durch Niederösterreich
Die Straße flimmert in der Mittagshitze und neben dem Asphalt strahlen die Mohn-
blumen so unwirklich rot, dass ich sicher bin, sie wären eine Fata Morgana. 

Meine Outdoor-Uhr zeigt 36 Grad an. Und sie sagt, dass die klimatisierte Zugfahrt erst vier Kilometer her ist. Seither bläst mir der Fahrtwind wie ein heiß-gelaufener Föhn mitten ins Gesicht. Die Luft ist trocken, riecht nach Erde und dürrem Gras. Die Grillen zirpen, ab und zu traut sich ein Vogel aus seinem Schattenplatz und fliegt aufgeregt an mir vorüber. Mir kommt eine Erinnerung in den Sinn, die ein paar Jahre alt ist. Ein Sommertag im Süden Georgiens, einer Steppenlandschaft, die sich als Deja-Vu in meinem Kopf breitmacht. Doch bei all den Ähnlichkeiten gibt es einen entscheidenden Unterschied: Gerade bin ich nicht auf der anderen Seite des Bosporus unterwegs, sondern heute Morgen in Bayern in den Zug ein- und mittags wieder ausgestiegen. Am kleinen Bahnhof von Bernhardthal in Niederösterreich.

Eine andere Welt namens EuroVelo9
Es hat nicht mehr gebraucht als fünf Stunden im Zug gen Osten, um in einer anderen Welt anzukommen. Diese Welt schlängelt sich durch Weinberge, vorbei an Burgen und Schlössern, durch Wälder bis in die Wiener Alpen.

Sie trägt den Namen EuroVelo9. Dahinter verbirgt sich einer der europäischen Fernradwege. Seine gesamte Strecke führt auf 2.000 Kilometern von der Ostsee bis zur Adria. Ungefähr auf halbem Weg erreicht er Österreich – und führt auf knapp 300 Kilometern durch den Osten des Landes: durch Niederösterreich. Wie es dort aussehen, wie es sich dort anfühlen wird, in Niederösterreich – davon hatte ich keine Vorstellung, als ich aus dem Zug ausgestiegen bin. Was ich aber definitiv nicht erwartet hätte: dass ich mich fühlen werde wie auf meinen Reisen in fernen Ecken der Welt.

ETAPPENÜBERSICHT

Etappe 1: Bernhardthal – Mistelbach
62 KM | 220 HM

Etappe 2: Mistelbach – Wolkersdorf im Weinviertel
40 KM | 200 HM

Etappe 3: Wolkersdorf im Weinviertel – Guntramsdorf
65 KM | 200 HM

Etappe 4: Guntramsdorf – Wiener Neustadt
45 KM | 150 HM

Etappe 5: Wiener Neustadt – Aspang-Markt
45 KM | 330 HM

Etappe 1: Zwischen den Feldern dreier Länder

Es gleicht einer Meditation, das Radfahren. Ich höre nichts als das gleichmäßige Surren meiner Reifen. Ich sehe nichts als Korn, hier und da gesprenkelt von den knallroten Mohnblumen. Die Felder reichen bis zum Horizont und weiter, mittendurch schlängelt sich der Radweg.

Hinter mir liegt Tschechien, neben mir die Slowakei, vor mir Österreich. Dazwischen die Sonne, die sich in einem satten Orange dem Horizont nähert.  Ich bin ständig hin- und hergerissen: Anhalten, Staunen. Weiterfahren, die Landschaft mit Fahrtwind im Gesicht genießen. Denn das ist es ja, was das Gefühl auf dem Fahrrad ausmacht. Dass die Schönheit der Natur wie im Rausch an uns vorbeizieht.

Etappe 2: Mediterranes Flair im Weinviertel

Ich rolle in der Mittagshitze durch Oberkreuzstetten, als ich mich frage, wie ich mir die Zeit vertreiben kann, um den zweiten Teil dieser Etappe später in Angriff zu nehmen – dann, wenn die Sonne nicht mehr mit 35 Grad auf die schattenlose Hügellandschaft des Weinviertels brennt. 

Die Antwort tuckert im selben Moment auf mich zu: in Form eines Traktors, aus dessen offener Tür mich ein freundliches Gesicht mit Strohhut anschaut.  Der Fahrer stellt sich mir als der vor, der auf dem Hof vorn am Eck lebt. Er sei Landwirt, immer schon, immer schon auf diesem Hof. Braune Locken fallen ihm ins Gesicht, an seinen Händen klebt die Arbeit vom Feld. Ob ich extra aus Deutschland hierher gekommen wäre, wohin ich wolle, ob es mir gefalle und ob es nicht wahnsinnig heiß sei, den ganzen Tag ohne Schatten auf dem Fahrrad?

Er hat so viele Fragen, dass er den Motor abstellt und mich zu einer Mittagspause in seinem schattigen Garten einlädt. Im nächsten Moment sitze ich mit ihm und seiner Frau unter großen Bäumen, kaltes Wasser und Obst auf dem Tisch vor uns.

Der Landwirt und seine Frau sind Teil einer besonderen historischen Lebensweise: In Niederösterreich, speziell im Weinviertel, gibt es bis heute gut erhaltene Kellergassen. Schmale Straßen in den Dörfern, in denen sich ein Weinkeller an den anderen reiht. Ihre Fassaden sind wie die Spitze eines Eisbergs – eine zierliche Pforte zu einer beeindruckenden Unterwelt. Ihre verzierten Holztüren führen hinab in ein kühles Reich voller Wein und Geschichte.  Auch dem Landwirt gehört einer dieser Keller. Die Glühbirne flackert, ich kann kaum sehen, wohin ich steige. Er erzählt mir, dass hier einmal im Jahr ein tosendes Fest stattfindet. Dann lebt die alte Geschichte wieder auf.

Etappe 3: Durch Wien in den Wienerwald

Als in Großbuchstaben Wien auf dem Schild am Wegesrand steht, ist von Österreichs Hauptstadt nicht viel zu sehen. Der Radweg führt am Marchfeldkanal entlang, links Wasser, rechts Wald. Weiter zur Donau, über die Donau und auf der lang gezogenen Insel im Fluss ins Stadtzentrum.

Doch Wien verschluckt den Fernradweg nicht völlig, gibt ihm Platz. Schneller als ich schalten kann, habe ich die Stadtgrenze ein zweites Mal überquert. Und nicht nur die: Als ich in die Stadt reingefahren bin, habe ich das Weinviertel hinter mit gelassen. Jetzt liegt Wien in meinem Rücken und ich mache die ersten Kilometer im Wienerwald.

Weinberge gibt es auf den nächsten Kilometern zwar immer noch, aber ich kann vom Sattel aus zusehen, wie sich die Vegetation ändert: mehr Wasser, weniger Felder. Und hinten am Horizont im Süden, da zeichnen die Wiener Alpen ganz vage meine Vorschau für die nächsten Etappen.

REISE- UND RADTIPPS FÜR DEN EuroVelo9

An- und Abreise
Die Ortschaften entlang der Route sind gut ans Netz der öffentlichen Verkehrsmittel angebunden. Der wichtigste Verkehrsknoten ist der Bahnhof in Wien. Wichtig: Sowohl für die Züge der Deutschen Bahn als auch für die der Österreichischen Bundesbahn braucht es ein Extra-Ticket für das Fahrrad.

Orientierung
Die Route ist in beide Richtungen so gut beschildert ist, dass falsch abbiegen fast unmöglich ist.

Übernachten & Verpflegung
Die Etappen des EuroVelo9, die durch Niederösterreich führen, sind so eingeteilt, dass die Unterkünfte unweit von der Route entfernt liegen. Achtung: je nach Region – das trifft vor allem auf das Weinviertel zu – gibt es teilweise nur eine Unterkunft im Umkreis von einigen Kilometern.

Sehenswürdigkeiten
Der EuroVelo9 schlängelt sich nicht nur durch weite, abwechslungsreiche Landschaften – sondern auch durch viel Kultur und Historik.

Wissenswertes zu den Sehenswürdigkeiten, zur Route und den Übernachtungs-Möglichkeiten gibt’s auf der Seite der Region: www.niederoesterreich.at

Etappe 4: Mit Gegenwind in die Wiener Alpen

Mit einem lauen Lüftchen fängt dieser Fahrradtag an. Der Himmel ist mehr grau als blau, die Rosen aber, die viele Weinreben säumen, strahlen umso mehr. Es ist der erste Tag, an dem ich mir keine Sorgen mache, ob ich genug Wasser dabei habe. 

Morgens muss ich stark in die Pedale treten, um den Böen zu trotzen, mittags neigen sich die Bäume fast bedrohlich weit nach rechts und links. Und ich, ich bin im ersten Gang gegen den Wind unterwegs. Der Sturm fegt durch die Landschaft, das Schilf biegt sich bis in die Mitte des Weges, die Blätter reiben so laut aneinander, dass ich nichts anderes mehr höre.

In Gedanken bin ich auf dieser Etappe in Island unterwegs: an einem ebenso unwirklichen Sommertag wie dem heute, als ich auch dort mit tosendem Gegenwind einen Fluss entlang geradelt bin. Während ich überlege, nach wie vielen Kilometern ich dort abgestiegen bin und geschoben habe, passiert hinter der nächsten Kurve etwas Magisches – in Niederösterreich, nicht in Island. Der Wind dreht. Für ein paar Kilometer pustet er mir direkt in den Rücken. Der Weg führt bergab. Radfahren fühlt sich an wie Fliegen.

Etappe 5: Verregnete Berg-Romantik

An diesem Morgen steige ich wehmütig aufs Fahrrad. Ich bekomme den Gedanken nicht aus dem Kopf, dass diese Etappe die Letzte meiner Radreise durch Niederösterreich sein wird. Ich fahre besonders langsam, mache viele Pausen, sogar Abstecher. 

Ich sitze am Ufer der Leitha, als es zu regnen beginnt. Es fühlt sich an, als wäre ich in diesen letzten Tagen durch unterschiedliche Länder gereist – über Weinberge, durch schmale Gassen, enge Feldwege, über endlose Hügellandschaften, durch Wälder bis zu den Bergen. Durch Hitze, Sturm und Regen.

Die Berge sind mittlerweile nicht mehr vage Schatten hinter dem Horizont, sondern säumen laut Karte den Radweg rechts und links von mir. Die Wolken aber hängen so tief, dass ich davon kaum etwas erkennen kann. Das sollte sich im Laufe dieser letzten Etappe nicht mehr ändern.

Während meine nasse Radkleidung über der Heizung trocknet, stelle ich den Wecker für den nächsten Morgen auf 5:30 Uhr. Die Wettervorhersage ist gut, mein Zug fährt erst am späten Vormittag ab. Und ich – ich bin nicht vom Weinviertel durch den Wienerwald bis in die Wiener Alpen geradelt, um mich ohne Bergblick von Niederösterreich zu verabschieden.

Die Aussicht vor der Abreise

Die Sonne blitzt gerade so über die Hügelkette östlich von Aspang-Markt, als ich mich noch einmal aufs Fahrrad schwinge. Mein Ziel liegt etwa 500 Höhenmeter weiter oben: Mönichkirchen ist der letzte Ort entlang des EuroVelo9, der in Niederösterreich liegt. Ein kleines Dorf mit großer Aussicht.

Und als sie sich dann endlich zu meinen Füßen ausbreiten, die Wiener Alpen, habe ich eine Antwort auf die Frage, wie es dort aussehen wird, wie es sich dort anfühlen wird. In Niederösterreich. Niederösterreich ist endlos weit. Herzlich. Gastfreundlich. Exotisch und fern, vor allem aber ganz nah.

Die Landschaft wandelt sich ebenso schnell wie die Ausstrahlung der einzelnen Dörfer, die den bunten Flickenteppich an Feldern und Bergen spicken. Ganz zu Beginn, im nordöstlichsten Eck, bin ich auf Tschechisch angesprochen worden, zwischendurch stand das Wiener Schnitzel als erstes Gericht auf jeder Speisekarte, und am Ende meiner Radreise hab ich den Sonnenaufgang zwischen Alpenblumen bestaunt. Das alles innerhalb einer Woche, innerhalb eines Bundeslandes. Eine andere Welt, nur eine Bahnfahrt entfernt.

Kommentar verfassen