Von Eschach auf die Wildspitze

Also des fang i in diesem
Leben sicher nimmer a!


Allzu lang war dieser Satz noch gar nicht her gewesen und trotzdem stand ich an einem Schlechtwettersonntag mit Skiern an den Füßen in Eschach am Kinderlift.

Doch fangen wir von vorne an…
Seit 2015 bin ich begeisterte Bergsteigerin, und meine Lieblingsjahreszeit ist definitiv der Sommer. Dem Winter konnte ich noch nie allzu viel abringen: Nass, kalt, matschig und grau. Und Skifahren? Klar, erst auf der Straße im Stau stehen, dann an der Kasse in der Schlange, und am Lift wird’s dann am schlimmsten – mal ganz abgesehen von den immensen Kosten für das ganze Drum und Dran – Nein Danke! Ein einziges Mal, 2008, versuchte ich mir den Winter durch Sport attraktiver zu gestalten. Durch langes Zureden meiner Freunde stieg ich auf ein Snowboard. Bereits bei der dritten Abfahrt kam es wie es kommen musste: Handgelenkbruch. Damit war das Thema gleich wieder ad acta gelegt und ich natürlich auch wieder bestätigt: Winter ist doof!

Doch dann kam ich 2017 ganz unverhofft zu einer »Super Schnee«-Jahreskarte. Einer Karte, mit der man nahezu fast alle Bergbahnen und Lifte im Allgäu, Kleinwalsertal und Tannheimer Tal fahren kann. Aber was sollte ich denn mit dieser Karte? Im Sommer laufe ich auf die Berge und im Winter … na, Skifahren kann ich nicht. Was also mit dieser Karte anfangen? Man könnte es ja doch immerhin mal ausprobieren mit dem Skifahren, denn ein bisschen leid war ich‘s auch, mir ständig anhören zu müssen: „Was, du bist doch Allgäuerin, warum kannst du denn nicht Skifahren?!“ Also führte dann doch irgendwie eins zum andern und ehe ich mich versah, stand ich Mitte Dezember das erste Mal in Eschach. Meine größte Befürchtung hierbei war, dass ich kleine dreijährige Stöpsel umfahren würde. Siehe da; trotz starkem Schneefall lief »Pommes – Pizza« hervorragend. Und es musste sich niemand von mir gefährdet fühlen.

Bereits beim zweiten Mal ging‘s dann schon nach Ofterschwang. Anfangs war ich ein wenig überfordert mit der Orientierung und ein bisschen ängstlich was die steileren Hänge anbelangte. Das änderte sich aber nach zwei Weihnachtstagen an den Adelharz Liften am Grünten. Ich gewann immer mehr an Fahrsicherheit. Und nach insgesamt sechs Skitagen ging ich an Silvester das erste Mal auf Skitour. Wir stiegen durch Wald und über Bach stetig bergan bis zum Gamskopf am Füssener Jöchle. Was für ein tolles Gefühl, der erste Gipfel mit Skiern an den Füßen! Super! Und runter fuhren wir über die Piste, kein allzu großes Problem, auch wenn mir durch die von der Mittagssonne aufgeweichte, sulzige, buckelige Piste hinterher ordentlich die Oberschenkel brannten. Tja, was technisch noch nicht sitzt, wird mit Muskelkraft ausgeglichen. Und da ich fahrtechnisch immer noch stark an einen einmal im Jahr auftauchenden Flachländer erinnerte, hieß es üben, üben, üben! Gott sei Dank erbarmte sich doch hin und wieder einer meiner Freunde, so dass ich nicht immer alleine auf die Piste musste, was vor allem beim Kennenlernen neuer Skigebiete wie am Fellhorn oder am Ifen enorm half. 

Priorität lag dank der Karte nach wie vor darin, so viel Zeit wie möglich auf den Pisten zu verbringen, um noch sicherer und technisch besser zu werden. Tiefschnee sei ja dann nochmal eine komplett andere Geschichte, versicherten mir Freunde und Kollegen. Dennoch wollte ich ja, da ich mittlerweile Gefallen daran gefunden hatte, auch im Winter mein Gipfelerlebnis nicht missen. Also packte ich die Skitourensachen nach einiger Internetrecherche kurzerhand in den Kofferraum, obwohl niemand anders Zeit hatte und fuhr zu den Sonnenköpfen. Ich hatte gelesen, dass ich dort nicht lawinengefährdet wäre. Am Parkplatz kämpfte ich noch ein bisschen mit dem Umstellen der Bindung, die ich bisher ja nur einmal in Benutzung hatte. Nachdem das gemeistert war, lief ich zielstrebig los. Über Spitzkehren hatte ich zuvor noch ein YouTube-Video angeschaut – und es hat tatsächlich relativ gut funktioniert. 

Also stand ich bald schon an einem super sonnigen Sonntag am Gipfelkreuz des Schnippenkopfs. Ein tolles Gefühl und atemberaubend schöne Ausblicke auf die schneebedeckten Gipfel gegenüber. Nebelhorn, Östlicher Wengenkopf, der Hindelanger Klettersteig bis zum Großen Daumen. Da der Schnee schon recht fest gepresst war, gab es auch bei der Abfahrt keinerlei Probleme. Weil man ja auch noch ein bisschen arbeiten muss, nutzten wir auch bald die Möglichkeit nach der Arbeit und mit Stirnlampen ausgestattet auf Skitour zu gehen. Jede Woche gibt’s an verschiedenen Wochentagen auf bestimmten Pisten extra Skitourengeher-Abende, zum Beispiel an der Alpspitze oder am Grünten. 

Eine längere Pistenskitour zum Hahnenköpfle am Ifen machten wir noch, und dann ging es beim schlechtesten Wetter, das man sich vorstellen kann, auf den Ponten im Tannheimer Tal. Unten im Tal fiel der Schnee noch ganz sacht und leise rieselnd. Doch das änderte sich mit zunehmender Höhe, denn je höher wir kamen, umso stärker ging der Wind. Es war eiskalt, aber ich war so glücklich darüber, komplett weg von jeder Piste und jedem Lift zu sein und wirklich in diese Winterlandschaft einzutauchen, dass ich nicht umdrehen wollte. Der Grat oben war ziemlich abgeblasen und vereist. Harscheisen hätten es schon deutlich erleichtert, hatten wir aber nicht dabei. Oben angekommen blieben wir nur so lange dort, um uns in trockene und warme Gewänder zu kleiden und ein schnelles Gipfelfoto zu machen. Meine Finger waren eiskalt und blutleer, ich konnte nicht mal mehr selbst den Reißverschluss meiner Jacke schließen. Und dann ging es an die Abfahrt, zurück über den vereisten Grat. Hier hatte ich schon etwas weiche Knie, es ging rechts wie links wirklich steil bergab, und abstürzen war definitiv nicht ratsam. Aber alles lief wie am Schnürchen. Die Abfahrt selbst war etwas holprig, es gab immer wieder extreme Unterschiede in der Beschaffenheit des Schnees. Total fluffiger Pulverschnee wechselte sich mit vereisten und hart gepressten Passagen ab. Für mich als Anfänger war das schon recht anspruchsvoll. Aber das nahm mir nicht den Spaß daran! 

Ende März zog ich nochmal los ans Rangiswangerhorn. Unter den dort vorherrschenden Verhältnissen war ich auch dort allein keiner Lawinengefahr ausgesetzt, ich konnte abermals das tolle Gipfelgefühl im Winter genießen. Ein paar Tage später gab es wieder viel Neuschnee, und so fuhren wir ins Kleinwalsertal, um auf die Güntlespitze aufzusteigen. Ganz gemächlich geht’s erstmal nur flach voran, dann mussten wir einen Bach queren, und erst danach wurde es langsam etwas steiler. Es war ein wunderschöner sonniger Tag, nach vielen Spitzkehren waren wir endlich am Gipfel angekommen. Atemberaubend schön! Und all das hatte ich so lange vehement verweigert zu genießen… eine Schande! All diese imposanten Berge im Blick, den Großen Widderstein, der Hohe Ifen, die Hochkünzelspitze – wunderschön! Und erst diese lange Abfahrt durch den Pulverschnee, ein absoluter Traum! Und dann kam der große Tag im April: Die Skitour auf die Wildspitze, Top of Tirol!


Die Vorfreude war riesig und das Wetter perfekt! Mit der Bahn wurden erstmal einige Höhenmeter gut gemacht. Dann fuhren wir ein Stück über die Piste, bis wir links zum Einstieg der Tour abbogen. Da stellte sich mir das erste Problem in den Weg: Es ging ein wirklich kurzes Stück bergab, aber steil und in engen vereisten Serpentinen. Und das Schlimmste, hinter mir wartete schon eine Schlange von ungeduldigen, offensichtlich deutlich erfahreneren Skitourengeher. Ich fasste mir ein Herz und fuhr los. Doch schon in der zweiten Kehre blieb ich stecken und versuchte, irgendwie die Skier zu drehen und vor allem aus dem Weg zu gehen. Bevor ich soweit war, dass ich mich aufstellen konnte, fuhren oben schon gleich ein paar Wartende los. Aber beim zweiten Anlauf klappte es, und ich kam über meine persönliche Schlüsselstelle tadellos hinweg. Es ging nur ein bisschen den Berg hinab, wir fuhren aus, um möglichst spät erst die Felle aufziehen zu müssen. Da waren schon jede Menge Leute versammelt. Alle sprinteten los, als sei der Teufel hinter ihnen her. 

Wir liefen in sehr angepasstem und gleichmäßigem Tempo, was zur Folge hatte, dass wir alle, die es erst so eilig hatten, früher oder später überholten. Die Höhe machte sich dann doch bei einigen bemerkbar, und auch die Sonne war wirklich erbarmungslos. Der größte Teil der Strecke war relativ flach ansteigend, aber bald kamen die Harscheisen zum Einsatz, um den steilen Anstieg und die vielen Spitzkehren auch gut zu meistern. Unmittelbar am Fuß der Wildspitze angekommen, wurden die Ski abgeschnallt und die Felle zum Trocknen gehängt. Auf die Skistiefel kamen nun die Steigeisen und der Pickel wurde vom Rucksack genommen. Der letzte Anstieg lag vor uns, auch hier gab es eine Schlüsselstelle, die mir aber von einer Hochtour im vergangenen Sommer bereits bekannt war. 

Und dann waren wir da: Top of Tirol im Winter! Eins der schönsten Panoramen, die ich bis dahin gesehen habe. Und unfassbar viel Schnee, ganz gleich wohin man schaute. Dieses erhabene Gefühl ließ ich noch ein bisschen wirken, bevor es an den Abstieg und natürlich an die Abfahrt ging. Es lief wirklich gut und hat einfach nur Spaß gemacht. Die wilden Eis- und Schneekreationen hier am Gletscher waren nochmal auf eine ganz andere Weise faszinierend als die ebenfalls wunderschönen Winterwunderlandschaften in den Alpen zu Hause. Und somit endete mein erster Skiwinter nach 15 Pistenskitagen und 11 Skitouren. Und auch wenn ich den Sommer immer noch mehr mag; den mal warmen mal kalten Fels unter meinen Händen beim Bergsteigen favorisiere, so freue ich mich dennoch darauf, wenn‘s wieder so weit ist und ich die Bergstiefel gegen die Skier tauschen werde.

Text und Bilder: Chrissie Gleich

Kommentar verfassen