Von Wölfen und Schafspelzen

Er ist wieder da.
Nach beinahe 200 Jahren hat der Wolf wieder Fuß in Deutschland gefasst. Anfangs schlich er sich von Polen nach Sachsen, später weiter nach Westen und mittlerweile hat er große Teile des Landes erreicht.

Was kommt auf uns zu?
Zunächst sei erst einmal gesagt, dass jede Panik unangebracht ist. Wölfe sind Wildtiere. Im Prinzip gehören sie seit tausenden von Jahren in unsere Umgebung und unsere Natur. Für die Bewohner der Alpenregionen ist die Situation dennoch neu und wird heftig diskutiert. Dabei ist der Wolf überhaupt nicht so neu in Deutschland. 18 Jahre ist es her, da wurden die ersten Wolfswelpen in Sachsen geboren. Auf einem Truppenübungsplatz, in nächster Nähe zu rollenden Panzern – und uns Menschen. Sechs Jahre später wurde der erste Wolf in Bayern von einem Auto überfahren und seit 2016 gibt es wieder sesshafte Wölfe in Bayern. Mittlerweile schon drei Rudel. Die Zahl der Wölfe in Deutschland steigt also exponentiell. 

Was bedeutet das für uns?
Alexandra Hauf aus Immenstadt züchtet Walliser Schwarznasenschafe. Schön anzusehen sind sie, rar und mit einem ausgeglichenen Wesen. Am Ende der Sommers fand sie eines ihrer Tiere tot auf der Weide. Wenig später entdeckte sie noch zwei weitere Tiere. Schrecklich zugerichtet, ausgeweidet und zerrissen. Alexandra, die jedem Tier einen Namen gegeben hat, ist geschockt. Wird, was von Naturschützern als Sensation gefeiert, für Alexandra zum Albtraum?

Was bedeuten Wölfe für uns?
Große Prädatoren sind oft das Zünglein an der Waage. Ein gutes Beispiel dafür ist der Yellowstone-Nationalpark, wo 1995 Wölfe wiederangesiedelt wurden. Das Ökosystem, das fast aus den Fugen geraten war, erholte sich. Viele Tiere und Pflanzen profitierten schnell von der Existenz der Wölfe. Aber muss, was in Nordamerika funktioniert, auch in Europa Früchte tragen?
Wir leben in einer Kulturlandschaft, die der Mensch seit hunderten Jahren formt und verändert. Das bringt zwangsläufig Probleme mit sich. Eines davon ist zum Beispiel der hohe Bestand des Schalenwildes. Es frisst das junge Holz, der Wald kann sich kaum regenerieren und so muss das Wild intensiv bejagt werden. Mehr große Beutegreifer könnten unserer Natur also gut tun, das ökologische Gleichgewicht zu einem Teil wiederherstellen.

Aber wenn die Zahl der Wölfe steigt, dann steigt vermutlich auch die Zahl der gerissenen Weidetiere. Tut sie das wirklich? Die Antwort mag verblüffen, aber sie lautet „Nein“! Die Zahl der gerissenen Weidetiere steigt nicht! Das Wolfsmonitoring der Landesjägerschaft von Niedersachsen hat erst kürzlich neue Daten veröffentlicht, aus denen hervorgeht, dass die dortige Wolfspopulation zwar wächst, zeitgleich aber Risse, insbesondere bei Schafen und Ziegen, abnehmen.

Für Max A. Rossberg von „Wilderness Society“ ist das ein klarer Beweis, dass Herdenschutz effektiv das Risiko von Wolfsattacken minimiert. Seine Naturschutzorganisation befasst sich intensiv mit dem Thema Wolf, betreibt Aufklärungsarbeit und bietet sogar „Notfall-Schutz-Zaun-Sets“ für Schäfer an. Glaubt man Rossberg, so konzentrieren sich die Wölfe mehr und mehr auf ihre eigentliche Hauptnahrungsquelle: Wildtiere im Wald, von denen es ja mehr als genug in deutschen Wäldern gibt.

Übrigens vermuten Experten auch, dass sich eine Abschussfreigabe negativ auf das Jagdverhalten auswirken könnte. Kleine Weidetiere würden demnach häufiger gerissen werden als zuvor. Wölfe, die schlechte Erfahrung an Elektrozäunen gemacht haben, geben diese an ihren Nachwuchs weiter.

Würden Wölfe bejagt werden, würde dieser positive Effekt verloren gehen. Rossberg bemängelt außerdem, dass ein Konflikt zwischen Mensch und Tier zum Konflikt zwischen Mensch und Mensch gemacht wird. Grundsätzlich kann man europaweit festhalten, dass bis zu 5% der Schafe auf Weiden an Blitzschlag, Unfällen, Unwetter oder Erkrankungen und Fehlgeburten sterben, aber durch den Wolf nur 0,1%. Diese Zahl zeigt eindrucksvoll, dass es hier um tief liegende Interessenkonflikte geht. Rein objektiv stellen Wölfe kaum ein Problem dar.

War es ein Wolf?
Das Landesamt für Umwelt und eine Veterinärin untersuchten die toten Schafe im Allgäu. Ein Schaf wies einen für Wölfe typischen Kehlbiss auf, ein Abstrich bestätigte schließlich den Verdacht: Ein Wolf riss die Tiere.

Der Schock breitet sich aus. Auch befreundete Landwirte hätten nicht damit gerechnet, dass hier Wölfe zuschlagen könnten. Die Tiere standen hinter einem 1,10 Meter hohen, dreispännigen Litzenzaun. Ein Zaungeflecht kam nie in Frage. Die Tiere würden sich mit den Hörnern darin verfangen.

Für Alexandra Hauf bedeutet dies eine Ausgleichszahlung aus dem Fond für große Beutegreifer. Sehr hoch ist diese aber nicht, die Neuanschaffung ihrer wertvollen Tiere wird nicht gedeckt. Immerhin war der Behördendschungel diesmal relativ einfach zu durchschauen, den Antrag zu stellen kein großer Aufwand. Trotzdem, in Alexandra Haufs Augen muss etwas passieren!

Wohin soll das führen?
Entlang der Ausbreitungsfront der Wölfe ist die Panik am größten. Aber auch die Zahl der Risse ist dort am höchsten, wo die Wölfe neu sind. Ulrich Wotschikowksy gehörte 17 Jahre der Wildbiologischen Gesellschaft München (WGM) an. Als Fachmann für jagdbares Wild und die großen Prädatoren Wolf und Luchs vermutet er, dass die Tierhalter an der Front oft überrascht werden, oder ganz einfach noch keinen Herdenschutz praktizieren. Kleine Hobbyzüchter haben auch oft gar nicht die Mittel dazu. Teure Zaunanlagen oder noch teurere Herdenschutzhunde sind all zu oft nur für größere Betriebe umsetzbar.

Alexandra und ihre kleine Schafzucht fallen genau durch dieses Raster. Aber auch wenn der Wolf erst seit kurzem im Allgäu ist, auch sie hatte ihre Schafe geschützt. So effizient, wie für sie eben möglich.

Was sollten wir tun?
Rossberg und Wilderness Society beraten Schäfer und konzentrieren sich auf umsetzbaren, erschwinglichen und trotzdem höchst effizienten Herdenschutz. Ulrich Wotschikowsky hält Vorträge und klärt auf. Unwissenheit ist demnach das größte Problem, denn häufig werden schon beim Zaunbau Fehler gemacht.

Nur wer seinen Feind kennt, weiß, was er zu tun hat. Angst war schon immer ein schlechter Berater. Herdenschutz kann funktionieren! Allerdings nur, wenn alle am gleichen Strang ziehen! In der Schweiz werden Touristen auf Herdenschutzhunde aufmerksam gemacht, es gibt Verhaltenshinweise. Für solch eine Informationspolitik setzt sich Rossberg ein, denn sie schafft Vertrauen und Transparenz. Dass Herdenschutz in der Schweiz gut funktioniert, zeigt die Zahl der 2016 gerissenen Schafe. Sie hat sich 2017, im Vergleich zum Vorjahr, beinahe halbiert. Übrigens: Nur etwa 15% der getöteten Schafe waren durch Herdenschutzhunde geschützt.

Was bringt uns die Zukunft?
Die Zahl der Wölfe wird steigen. Nicht unkontrolliert, wie manchmal behauptet. Momentan liegt der Populationszuwachs bei für Wölfe üblichen 30%.  Die EU verlangt von allen Mitgliedsstaaten, sich um einen günstigen Populationsstatus aller FFH-Tiere (Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie) zu kümmern. Darunter fällt auch der besonders geschützte Wolf. Doch was heißt das genau?

Das Minimum laut FFH liegt bei etwa 165 Rudeln. Es gibt aber auch Zahlen, nach denen in Deutschland Platz für über 400 Wolfsrudel sei. Das entspricht etwa 3500 bis 4000 Wölfen. Ulrich Wotschikowksy fragt sich aber nicht ob, sondern wann es zu einer Bejagung kommen wird. 450 Wolfsrudel müssen es ja wirklich nicht sein, so Wotschikowksy. Aber wieso sollte potentieller Lebensraum für Wölfe ungenutzt bleiben? Wieso sollten wir Sachsen und Brandenburg Wölfe zumuten, anderen Bundesländern aber nicht? Wotschikowksy stellt Fragen, die zum Nachdenken anregen.

Wölfe zu bejagen macht keinen Sinn. Ein selektiver Abschuss ist kaum möglich. Die Rudel würden zerbrechen, was einen Rattenschwanz an negativen Folgen hinter sich herzieht. Dass Wölfe gegenüber Menschen scheu sind, kann zwar mit der jahrhundertelangen Bejagung zusammenhängen, muss es aber nicht. No-Go-Areas, in denen Wölfe geschossen werden dürfen, sind auch keine dauerhafte Lösung. Da Wölfe bis zu 70 Kilometer an einem Tag wandern, wäre das nur in äußerst großen Dimensionen wirkungsvoll.

Ein Kompromiss muss her!
Wölfe sind keine Kuscheltiere. Und trotzdem sind sie im allgemeinen für Menschen nicht gefährlich. Es gab Unfälle, auch mit kerngesunden Wölfen, ganz ohne Tollwut. Meistens handelt es sich dabei um habituierte Wölfe, die angefüttert wurden, oder andere gute Erfahrungen mit Menschen gemacht haben. Solche Wölfe werden „der Natur entnommen“.

Die Politik muss handeln und nicht nur ein Wahlkampfthema daraus machen. Schäfer müssen, so Rossberg, schnell und ausreichend entschädigt und bezuschusst werden, damit Alexandra Hauf auch in Zukunft ihre Schafe unter freiem Himmel halten kann. Sie wünscht sich eine feste Quote, nach der die Wölfe reguliert werden. Die Abschussfreigabe aller Wölfe möchte auch sie nicht. Aber sie ist auch ganz klar der Meinung, dass der Wolf bei uns nicht gefährdet sei und somit gezielt bejagt werden sollte.

In Sachsen leben die Menschen schon lange mit dem Wolf und haben sich an ihn gewöhnt. Und wenn die Panzerfahrer auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz in Sachsen für den Wolf bremsen, dann können wir uns von ihnen vielleicht eine kleine Scheibe abschneiden.

Text: Benni Sauer
Bilder: Ian McAllister | Pacific Wild

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