Wanderlust

Die stillste Seite der Naturparkregion Reutte

Zugegeben, es ist nicht gerade die typische Jahreszeit für eine kleine Wanderung in den Alpen. Genaugenommen ist sogar die Tageszeit die augenscheinlich völlig falsche. Dementsprechend neugierig stehen wir um zwanzig Uhr unter einer dichten Wolkendecke im Reuttener Zentrum und machen uns Gedanken über Sinn und Unsinn unseres Vorhabens. 

Jemand der sich darüber ganz offensichtlich keine Gedanken macht, ist Reinhard Staffler. Mit seinem kräftigen Händeschütteln macht uns der staatlich geprüfte Bergwander-, Natur- und Landschaftsführer schnell klar, dass es überhaupt keinen Grund zur Sorge gibt. „Auf geht’s!“ Die Kofferraumklappe wird geöffnet, Rucksäcke eingeladen und schon fahren wir Richtung Südosten. Über den Lech. Und an den Fuß des 1983 Meter hohen Hahnenkamms. 

Kaum sehen wir die Hand vor Augen, aber Reinhard hat natürlich vorgesorgt. Er entzündet einige Fackeln, verschließt den Wagen und schon stapfen wir durch den Schnee, der leise unter unseren Füßen knarzt. Wir befinden uns wenig später auf dem Panoramahöhenweg über dem Ortsteil Winkl. Strenggenommen wandern wir zwar noch nicht einmal über der 1000-Meter-Marke und der Reuttener Talkessel liegt nur ungefähr 100 Meter unter uns, doch schnell wird uns klar, dass es hier um etwas ganz anderes geht: Wir sind allein, in der wohltuenden Ruhe der Bergnatur. Und selbst der Wind, von dem Reinhard weiß, dass er hier gerne mal streng um die Ohren der Wanderer zieht, hält heute Nacht für uns inne. 

Eine spätwinterliche Fackelwanderung klingt vielleicht auf den ersten Moment nicht sonderlich spektakulär, doch ist sie ein wahres Fest für die Sinne! Denn wo sonst die grellen Stirnlampen jeden Winkel problemlos ausleuchten, muss man mit der Fackel zunächst behutsam umzugehen lernen. Hält man sie weit vor sich, wie man es intuitiv gerne macht, blendet man sich nur selbst. Zur weit zur Seite gehalten, beschweren sich die Mitwanderer. Es braucht einige Minuten, bis jeder seine Position gefunden hat. Dann aber bewegen wir uns geschickt Schritt für Schritt über den Panoramaweg, während die Flammen die Umgebung warm erleuchten, jede Struktur im Schnee in kontrastreichen Schattenspielen deutlich werden lassen. Es ist ein vorsichtigeres, viel umsichtigeres und bewussteres Wandern. Und es ist ein schönes Team-Erlebnis. Man leuchtet ja nicht nur für sich allein, sondern auch für den Vor- und Hintermann.

Schon wenig später, auf einer unbewaldeten Wegkehre, bleiben wir stehen. Reinhard zeigt über den Talkessel, wo das Licht von Füssen den Himmel sanft erleuchtet. Auf der gegenüberliegenden Seite erstrahlen die Burgen über den Dächern der Stadt. Unser Wanderguide weiß fast schon zu jedem nun leuchtenden Lichtlein eine Geschichte zu erzählen und im Fackelschein lauschen wir seinen spannenden Anekdoten. Sicherlich ließe sich diese Fackelwanderung auch ohne einen Wanderführer gut umsetzen. Doch Reinhards ruhige Art, sein umfassendes Wissen und nicht zuletzt sein enger Bezug zur heimatlichen Natur, machen ihn zum perfekten Begleiter für diese kurzweilige, hochspannende Unternehmung.

Dank Reinhard lernen wir viel über den Wald, in den wir immer wieder vorsichtig unsere Fackeln halten, um so einen Blick zu erhaschen. Viel Wissen, aber auch viel Unwissen steckt ihm nach in diesen Wäldern. Denn auch wenn erfreulicherweise einst vergraulte Tierarten in jüngster Zeit wieder gesichtet wurden, so geht es dem Wald schlecht. Die Böden sind übersäuert. Ein Umdenken sei nun dringend erforderlich – und selbst dann, könne man erste Erfolge erst nach vielen Jahren, vielleicht erst nach mehreren Generationen erwarten. 

Wieder wirken die Fackeln in unseren Händen wie Stimmungsverstärker. Die so wunderbare Natur des sogenannten Tors zu Tirol, ist ein hochsensibles Ökosystem. Vielleicht ist Reinhard, der viele Jahre im Ausland arbeitete, jeden Sommer gleich mehrfach die Alpen überquert, auch deswegen wieder zurück in sein Reutte gekommen: Um im Lichterschein der Fackeln davon zu erzählen, warum dieses Naturjuwel so wertvoll ist. Und wie wir damit umgehen sollten, damit auch noch unsere Kinder, unsere Enkel und Großenkel etwas davon haben. 

Am darauffolgenden Tag klingen noch immer Reinhards Worte in unseren Ohren. Längst ist es Tag geworden – auch wenn die Wolkendecke weiterhin drückend über den Bergen hängt. Wir wandern durch den stillen Klausenwald, sanft bergauf und -ab, tiefer und tiefer ins Lechtal hinein. Den ganzen Tag über werden wir hier keiner Menschenseele begegnen. Die großen Attraktionen, die highline197 und die Burgenwelt Ehrenberg haben wir da schon lange hinter uns gelassen. Hier im Wald genießen wir die schlichte Schönheit und Ruhe der Natur. Mehr braucht es gar nicht, um die Seele, um die Gedanken baumeln zu lassen.

Nach einer starken Stunde erreichen wir den Riedener See. Das dortige Kalkquellmoor ist Heimat zahlreicher besonderer Tier- und Pflanzenarten, wie uns Reinhard gestern noch mit auf den Weg gab. Noch schläft dieses Naturjuwel unter einer dicken Eis- und Schneedecke. Bald schon aber werden hier wieder seltene Blumen blühen. Und mit Glück bekommt man dann sogar eine Bileks Azurjungfer zu sehen. Diese Kleinlibelle gilt in Deutschland und der Schweiz schon als ausgestorben. Hier in Österreich steht sie deswegen unter strengem Schutz.

So vieles was wir nicht wussten. So vieles was wir hier lernen. Beim Winterwandern in der Naturparkregion Reutte. 

Autor: Benni Sauer

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