Wandern? Aber sicher!

Das 1 x 1 für mehr Sicherheit in den Bergen

Viel mehr hätte es nicht gebraucht – vor ein paar Jahren noch hätte ich spätestens jetzt angefangen, mit den nassen Fingern nervös auf meinem Smartphone-Display rumzudrücken. Ziemlich sicher hätte die mobile Karte auch dann nicht funktioniert. Und ich hätte hektisch im Rucksack nach der zerknitterten Papierkarte gesucht, einen dicken Kloß im Hals, der mit der Verzweiflung immer weiter anschwillt.

Am Horizont türmen sich dunkle Gewitterwolken auf, der Regen ist längst hier. Und ich – ich stehe auf einem schlecht markierten Trampelpfad irgendwo im Wald. Im letzten drittel eines Rundweges. Umkehren ist viel zu lang, keine Option. Einfach weiterlaufen auch nicht. Weil der Weg hier in einer grünen Sackgasse endet.

Die Praxis unterscheidet sich an dieser Stelle gewaltig von der Theorie – da nämlich führt der Weg auf meiner Karte in wunderschön gleichmäßigen Serpentinen Richtung Talboden.

Vor ein paar Jahren noch hätte mich all das der Panik recht nahe gebracht. Heute zum Glück ist das anders. Sicher – meine Lieblingssituation ist es nicht, mich bei einem heranrollenden Gewitter am Berg verlaufen zu haben. Dennoch weiß ich, wie ich mich richtig verhalte, um der Situation sicher zu entkommen.

„Ein Gipfel gehört dir erst, wenn du wieder unten bist – vorher gehörst du ihm.“
Das sagt auch der Südtiroler Extrembergsteiger Hans Kammerlander.

Wir aber müssen freilich keine Alpinprofis oder gar Extrembergsteiger sein. Sicherheit am Berg hängt von ein paar grundlegenden Faktoren ab. Beginnt bei der Tourenplanung und endet erst in dem Moment, wenn wir die Wanderschuhe wieder ausziehen.

Ein Gipfel gehört dir erst, wenn du wieder unten bist – vorher gehörst du ihm. – Hans Kammerlander

Tourenplanung: Wie bereite ich mich vor?
Die Sicherheit auf einer Wanderung beginnt (oder endet) noch bevor wir die Schuhe geschnürt haben: Ein Großteil aller alpinen Unfälle entsteht durch schlechte Tourenplanung. Weil wir die Route falsch einschätzen, uns überschätzen. Oder erst gar nicht genug über all das wissen.

Ein paar Fragen in der Theorie helfen, um in der Praxis Antworten parat zu haben:
Wie viele Kilometer und Höhenmeter fasst meine Tour zusammen?
Wie schwer werden die Wege eingestuft?
Gibt es Schlüsselstellen?
Steile Rinnen, ausgesetzte Grade, steile Passübergänge?
Könnte es, vor allem in Nordhängen, noch oder schon wieder Schnee geben?

Über aktuelle Wegverhältnisse, zum Beispiel während oder nach einer Regenperiode, wissen Hüttenwirte Bescheid oder die örtliche Sektion des Alpenvereins.

Alle grundlegenden Details zu unserer Tour und der Wegbeschaffenheit finden wir entweder in Wanderführern, oder wir lesen sie selbst aus detailliertem Kartenmaterial ab. Heute können wir auf einen zuverlässigen Fundus an digitalen und analogen Karten zurückgreifen – und die Informationen aus beiden Welten miteinander verknüpfen. 

Auch während der Wanderung verlasse ich mich gerne auf das Zusammenspiel von Papierkarte und digitaler Version – Letztere lade ich mir für die Offline-Nutzung auf mein Smartphone oder GPS-Gerät.  

Ausrüstung: Was nehme ich mit?
Es gibt ein paar Sachen, die räume ich aus meinen Wanderrucksack gar nicht mehr raus. Notfall-Equipment, sozusagen, das jederzeit wichtig werden kann. Dazu gehören natürlich das Erste-Hilfe-Set, aber auch ein Regenschutz für den Rucksack, Sonnencreme, eine Stirnlampe, Müsliriegel, ein Multitool, Bargeld und ein Schlauchtuch, das ich als Sonnenschutz, Mütze und Schal verwenden kann.

Das ist ja nur eine kurze Tour.
Wir haben ja Sommer.
Ich bin in ein paar Stunden eh wieder zurück.

Das hingegen sind gefährliche Prognosen, um Rucksackgewicht zu sparen.

Natürlich ist jede Wanderung anders und wir alle haben unterschiedliche Bedürfnisse. Ein paar Grundsätze aber sind immer dieselben: In der Höhe ist es kälter als im Tal. Das Wetter schwingt oft schneller um, als wir absteigen können. Wir können gezwungen werden, kurz oder auch länger zu pausieren.

Oft schon hatte ich eine Regenjacke dabei, die ich nicht brauchte. Ein Fleece, das zu warm war und Handschuhe, die es vom Rucksackboden nie nach oben geschafft haben. Gleichzeitig gab es überraschende Situationen, in denen ich froh war um diese Vorsorge.

Orientierung: Wo muss ich lang?
Verlieren wir die Orientierung, laufen wir im Kreis. Das haben Forscher des Max-Planck-Instituts in Tübingen untersucht und bestätigt. Dazu waren Probanden in völlig unterschiedlichem Terrain unterwegs: in der Sahara in Tunesien und im Wald im Rheintal.

Die Ergebnisse aber waren dieselben: obwohl die Probanden zur Aufgabe hatten, für mehrere Stunden in eine Richtung zu laufen, liefen sie im Kreis, sobald weder Sonne noch Mond sichtbar waren. Oft kreuzten sie sogar ihre eigene Spur, ohne es zu merken.

Damit uns das bei unseren Wanderungen nicht passiert, können wir – neben Kartenmaterial und Kompass – auf natürliche Orientierungshilfen zählen.

Dazu gehört die Sonne, wenn sie denn sichtbar ist: Gehen wir von der Zeitrechnung im Alpenraum aus, dann steht die Sonne ungefähr um 6 Uhr morgens im Osten, um 12 Uhr im Süden und um 18 Uhr im Westen. Während der Sommerzeit verschiebt sich der Rhythmus um eine Stunde nach hinten.

Der Schnee verrät uns meist die Hanglage: Auf der Südseite schmilzt er schneller, im Norden ist er lange pulvrig.

Freistehende Bäume und Felsblöcke sind in der Regel an ihrer West- bis Nordseite von Moos bewachsen.

Wer eine Uhr trägt, der kann die Himmelsrichtung recht einfach mit folgender Methode bestimmen: das Zifferblatt so ausrichten, dass der Stundenzeiger auf die Sonne zeigt. Dann einen Strich vom Mittelpunkt zur 12 ziehen. Wenn wir den Winkel zwischen dem imaginären Strich und dem Stundenzeiger halbieren, blicken wir in etwa gen Süden. 

Und wenn wir uns dennoch verlaufen, dann gilt: Ruhe bewahren, einen Aussichtspunkt suchen oder zurück zu dem Punkt laufen, an dem wir die Orientierung verloren haben.

Das Paradebeispiel einer Gewitterfront. Wer jetzt hoch oben unterwegs ist, sollte sich längst in Sicherheit gebracht haben.

Wetterkunde: Wie lese ich die Wolken?
Während der eine Großteil aller alpinen Unfälle seinen Ursprung schon in der Tourenplanung hat, so entsteht der andere wegen Wetterumschwüngen.

Damit wir uns nicht voll und ganz auf die Wettervorhersage verlassen müssen, lohnt sich der Blick gen Himmel. 

Es gibt zehn unterschiedliche Kategorien von Wolken. Feinheiten führen an dieser Stelle zu weit, wichtig aber ist ein grundlegender Unterschied: und der besteht darin, in welcher Höhe die Wolken am Himmel stehen.

Hohe Wolken – die ausgefransten Federwolken, Schleier- und Schäfchenwolken – sind für den Bergsteiger kein akuter Grund zur Sorge. Sie können allerdings die Vorboten einer Wetterveränderung innerhalb der nächsten ein bis zwei Tage sein.

Auch mittelhohe Wolken, die wie Nebel die Gipfel einhüllen, und tiefe, flache Wolken, die wie ein feiner Schleier über dem Tal hängen, haben kaum Niederschlagspotenzial.

Besondere Aufmerksamkeit ist allerdings geboten, wenn Wolken in den Himmel wachsen. Regenwolken schieben sich beispielsweise von der tiefen bis in die mittlere Höhe. Dasselbe gilt für Quellwolken, die aussehen wie große Wattebausche. Sie haben klare Kanten und werden als Schönwetterwolke bezeichnet, wenn sie flacher sind. Breiten sie sich in der Höhe aus, können sie sich schnell in Gewitterwolken verwandeln.

Ein Gewitter ist übrigens auch aus der Ferne gut zu erkennen: Die Wolken wachsen hoch in den Himmel und sind oben oft klar abgegrenzt – während sie Richtung Boden ausfransen. 

Auch Kondensstreifen von Flugzeugen sind gute Wetterboten: Lösen sie sich rasch auf, ist die Luft in der Höhe trocken, die stabile Schönwetterlage bleibt erhalten. Lösen sie sich langsam auf oder breiten sie sich weiter aus, liegt eine hohe Feuchtigkeit in der Luft. Ein Schlechtwetter-Bote.

Bis zum Wolkenbruch hat es nur wenige Minuten gedauert. Gut zu erkennen: die ausgefransten Gewitterwolken und der Regen im Hintergrund.

Gewitter: Was tun bei Wolkenbruch?
Stecken wir trotz Wolkenlesen und aller Vorsicht in einem Gewitter, gibt es ein paar wichtige Faustregeln:

Zu allen exponierten Punkten, zum Beispiel Gipfelkreuzen, Bäumen und Felsen, halten wir so viel Abstand wie möglich. Gipfel und andere ausgesetzte Stellen, hohe Geländepunkte und Felswände sind sowieso ungünstige Orte, wenn das Gewitter heranholt.

Im Idealfall ziehen wir uns in eine Hütte zurück oder stellen uns in einer Höhle unter. Aber, Achtung: Gibt es keinen Blitzableiter, ist der sicherste Platz auf einer isolierenden Unterlage in der Raummitte.

Metallische Ausrüstung, zum Beispiel Wanderstöcke oder Karabiner, legen wir am besten weg. Genau wie unser Smartphone. Dann bleibt nur noch eins: warten, bis das Gewitter vorüberzieht. 

Text und Bilder: Franziska Consolati

Übrigens:
Bei meiner Wanderung, die zwischenzeitlich in einer grünen Sackgasse endete, auf diesem schlecht markierten Trampelpfad mitten im Wald – da hat mich das Gewitter zum Glück nicht eingeholt. Und es hat auch nicht lange gedauert, bis ich den Talboden auf dem richtigen Trampelpfad erreicht habe.

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