Warum wir auf Berge steigen

Es gibt die Höchsten, es gibt die Gefährlichsten und es gibt die Schwersten. Die Gier nach der Superlative kennt keine Grenzen, doch auf der Jagd nach Rekorden, haben viele schon vergessen, warum wir eigentlich auf Berge steigen. Ein Berg eignet sich ganz besonders gut dafür, diese Frage zu stellen: Der Mont Aiguille in den französischen Dauphine-Alpen.

Ein erster Eindruck
Erstbestiegen vor mehr als 500 Jahren, so steht er vor mir. Weniger ein Berg, viel mehr eine Mauer mit scheinbar spiegelglatten Wänden. Ein eindrucksvolles Bollwerk, ein Traum für jeden Bergsteiger. In meiner Erinnerung schon immer der Berg der Berge. Interessant nicht nur seiner Erstbesteigung wegen, zu einer Zeit, in der die Berge noch etwas fürchterliches waren, man sich doch kaum traute, einen Blick auf sie zu werfen. 

Von Grenoble ist man schnell im Vercors. Die Autobahn endet dort – es beginnt der schönste Teil der Fahrt. Es ist noch früh am Morgen, die Luft noch angenehm kühl, doch erst am Col de l‘Allimas trifft einen die ganze Wucht schlagartig, wenn die bizarren Wände des Mont Aiguille in der Morgensonne glänzen. Wieder einmal muss ich rechts ranfahren. Aussteigen, den Moment wirken lassen. Es ist stiller als in den heimischen Bergen, die Gegend auf eine angenehme Art verschlafen und während ich die kalte Morgenluft einatme, stellt sich mir vor allem eine Frage: Warum? Was trieb die Menschen einst dazu, dort hinauf klettern zu wollen?

Es wird ernst
Wenig später stehe ich am kleinen Bahnhof in Clelle, unserem Treffpunkt. Als wir zu fünft im Kleinwagen über die Schotterpisten brettern, bin ich froh die ortskundigen Locals bei mir zu haben. Ein Deutscher wäre wohl kaum auf die Idee gekommen, eine solche Straße tatsächlich zu befahren. Über tiefe Rinnen und Krater führt uns der Weg, immer höher, immer steiler, bis sich im Wald ein großer Platz öffnet. Nicht ein einziges Auto steht hier, obwohl bestes Wetter an diesem Samstag vorhergesagt ist.

Weiter geht’s zu Fuß, durch den Wald, über einige große Schuttkegel, in zwei Stunden hinauf zum Col de l‘Aupet auf 1650m. Was von unten noch nach glatten, unüberwindbaren Wänden aussah, hat sich in eine zerfressene, zerfurchte Riffkalk-Bastion verwandelt. Haushohe Schuppen hängen von den gelb-grauen Wänden, lehnen sich bedrohlich weit nach außen. Tiefe Schluchten ziehen vom Wandfuß nach oben. Die Schwachstelle der Westwand ist schnell erkannt, ein kleiner Pfad führt bergwärts zu einer Metalltafel. Sie markiert den Weg der Erstbegeher. 

Man schrieb das Jahr 1492. Als König Karl der VIII. von den Wänden des Mons Inaccessibilis hörte, befahl er seinem Kammerherrn Antoine de Ville, sich am unbezwingbaren Berg, dem heutigen Mont Aiguille zu versuchen. Und wieder: Warum? Aus welchem Grund setzte man vor mehr als einem halben Jahrtausend sein Leben aufs Spiel, wenn es doch so offensichtlich sinnlos war?

Französische Einsamkeit
Am Wandfuß angekommen, man quert dort noch einige Meter zur Seite, fühle ich mich klein und verletzlich. Wie es den Männern vor 500 Jahren erging, mag ich mir nicht ausmalen. Ohne jede Kenntnis, ohne Erfahrung und am schlimmsten: Ohne ersichtlichen Grund standen sie hier, schwer bepackt waren sie, aber glücklich auf Anhieb eine Art Einstieg gefunden zu haben. Heute markiert ein riesiger Eisennagel den Beginn der De-Ville-Route. Kein Karabiner ist groß genug, um in die Öse der gigantischen Metallnadel zu passen.

Unter uns toben ein paar junge Steinböcke, während wir uns anseilen. Weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Man kann sich leicht vorstellen was hier los wäre, würde dieser Berg in Deutschland stehen.
Unweit einer der vielen bewirtschafteten Hütten, in einem bestens gepflegten Netz aus Wanderwegen und nur
wenige Minuten von der nächsten Autobahnausfahrt entfernt.

Und dann steigen wir plötzlich ein, in den Geburtsort des Bergsteigens, in eine 300 Meter hohe Wand und in den Traum, den ich schon so lange träume.

Die ersten Meter klettern wir in festem Fels. Immer noch ist es angenehm kühl, hier auf der Westseite des Berges. Der Fels: rau und kalt. Erstaunlich ist, dass wir bis zum Gipfel die Sonne auch nicht mehr zu Gesicht bekommen werden. Man klettert viel mehr in der Westwand als an ihr. Steil steigen wir bergauf, doch bald schon ist eine gute Spürnase gefragt. Die Route schlängelt sich kreuz und quer durch den Berg, Markierungen: Fehlanzeige. Hier und da verlasse ich mich auf den etwas abgespeckten Fels oder ein paar wenige Steigeisenkratzer. Aber immer, wenn zu lange keine Haken mehr zu finden sind, vergewissere ich mich und komme schnell auf die eigentliche Route zurück. Nach einer kurzen Querung, die Schuttkegel im Wald liegen jetzt schon tief unter uns, treffen wir auf ein Stahlseil. 1878 ließ der Club Alpine Francais es anbringen. Teilweise haarsträubend veraltet, teilweise erneuert, weist uns es den Weg quer hinüber, hundert Meter nach rechts, hinter einen gigantischen Felszahn, der aus der Wand zu kippen scheint. Kurz hat man einen angenehmen Stand, bevor man wieder auf die Sicherheit des Stahlseils verzichten muss und in die tiefen Canyons des Berges eintaucht, wo uns frostige Luft entgegenhaucht. Vor 500 Jahren ist es den Männern hier sicher eiskalt den Rücken heruntergelaufen. Hinter ihnen brach die Wand senkrecht ab, vor ihnen baute sich, düster und kalt, die steile Schlucht auf.

Ein etwas anderer Gipfel
Wer die Schlucht durchsteigt, findet sich auf einem kurzen Wegstück wieder. Vollkommen waagrecht, gut ausgetreten, quert man wieder nach links, so als würde man auf einem Wanderweg der Voralpen entlangschlendern. Wäre da nicht der gähnende Abgrund zur Linken, weit hinunter, wo man noch immer die Steinböcke beim Herumtollen beobachten kann. Ein Stein, der sich hier löst, würde zweifelsfrei die trichterförmige Schlucht hinunter schießen, dabei mehrmals gefährlich die Route kreuzen. Letztlich würde er aus dem Berg heraus in die Luft gespuckt werden, hundert Meter über dem Wandfuß. Der Mont Auguille: Ein Berg, an dem man besser schon vor dem Einstieg den Helm aufzieht.

Direkt aus der Waagrechten geht es nun wieder in die Wand. Die Abwechslung bringt Spaß und nimmt die Ernsthaftigkeit und schon bald stehen wir vor einem engen Kamin. Kurz sogar überhängend führt er gerade nach oben, der Sonne entgegen. So weit oben findet sich die Schlüsselstelle, für die Erstbesteiger war sie sicher das letzte große Problem. Die finalen Höhenmeter werden aber schnell wieder einfacher und hier und da drängelt sich ein Farn aus den Felsritzen. Es wird grüner und grüner je höher wir steigen – ganz neu für mich. Und wie ich aus der Wand steige, setze ich meinen Fuß auf eine sanfte, grüne Wiese, weit über allen Tälern. Die Gurte und Seile fallen von uns, wir gehen ein paar Schritte, setzen uns ins saftige Gras, legen uns in die Sonne. Was für ein Ort! Eine grüne Oase, ringsum abgeschlossen vom Rest der Welt, von senkrechten grauen Wänden, viele hundert Meter hoch.

Es war einmal vor langer, langer Zeit
Acht Männer, gerüstet mit Leitern waren es um de Ville. Mutige Handwerker, ein Tischler und ein Steinmetzmeister. Aber auch zwei Priester waren dabei. Denn de Ville ließ, als am 28. Juni 1492 die Festung endlich eingenommen war, drei große Holzkreuze auf den Eckpunkten des Gipfelplateaus errichten. Zweifelsohne konnte man diese Kreuze vom Tal aus sehen. Und trotzdem schickte man einen Notar aus Clelles nach Grenoble, um den Erfolg zu verkünden. Mehrere Tage blieben die Männer auf dem Plateau. Sogar eine Gams wurde geschlachtet und verzehrt. Erhaben müssen sie sich gefühlt haben, auf der alpinen Oase, die ersten Bergsteiger überhaupt.

Zu behaupten, Karl der VIII. hätte nun einen Stein des Bergsteigens ins Rollen gebracht, wäre trotzdem falsch. 1834 erst, setzt wieder ein Mensch seinen Fuß auf diese Wiese. Also satte 342 Jahre später, was zeigt, wie sinnlos den Menschen damals das Bergsteigen vorgekommen sein muss. Zwischenzeitlich war zwar der Mont Blanc bezwungen worden und auch der Grossglockner und Ortler wurden bestiegen. Dass aber schon 1492 ein Berg durch damals schwierigste Kletterei, ganz ohne naturwissenschaftliche Hintergründe bestiegen wurde, lässt schlicht und ergreifend folgern, dass de Ville die Geburtsstunde des Felskletterns einläutete.

Dass de Ville zwei Priester mit samt drei Kreuzen mit auf den Gipfel mitnahm, lässt aber auch religiöse Gründe vermuten. Die Anbringung von Kreuzen auf den Pässen oder Erhebungen hatte aber bis dahin meist nur den Zweck der Grenzmarkierung. Ein einzelner Markierungspfahl könnte aus der Ferne auch als abgestorbener Baumstamm  wahrgenommen werden. Ein Querbalken verhindert dieses Problem effektiv. Und auch wenn Berge in fast allen Kulturen der Erde seit jeher religiös tief verwurzelt sind, hat Karl der VIII. den Auftrag zur Besteigung sicher nicht nur des Glaubens wegen besteigen lassen.

Die große Frage
Das epochale Zeitalter der Eroberungen lief damals in vollem Gange. Kolumbus ankert in diesem Jahr in den Bahamas. Der erste Globus wird gebaut, die Menschheit macht sich die Erde untertan, der Schwabe führt die Kehrwoche ein. (Im Ernst!)

Der damals 22-jährige König Karl der VIII. steuert geradezu in den Italienkrieg, eine Machtdemonstration wäre sicher in seinem Sinne gewesen. Aber auch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im Großen und Ganzen keinen nennenswerten Grund für die Besteigung gab. Und genau darin liegt die Antwort auf meine Frage:

George Mallory brauchte keinen Grund, den Everest zu besteigen. Auf die Frage, warum er auf den höchsten Berg der Welt steigen wollte, antwortete er lapidar: „Weil er da ist“. Rebuffat sagte, der Hauptgrund das Matterhorn zu besteigen sei, das Matterhorn zu besteigen.

Die Linien für Auf- und Abstieg dienen nur der groben Orientierung. Die Verantwortung, den richtigen weg zu finden liegt beim Kletterer/bei der Kletterin.

Heute brauche ich keinen Grund um auf einen Berg zu steigen. Ich will auch überhaupt keinen. Einige Berge besteige ich immer wieder. Andere jedes Mal auf anderen Wegen. Manchmal erklimme ich einen Berg, einfach weil er schön ist. Oder weil mir die Aussicht gefällt. Bergsteigen ist Luxus. Niemand braucht es. Einmal auf den Geschmack gekommen, möchte man es aber auch nicht missen. Das Schöne am Bergsteigen ist die Sinnlosigkeit. Als de Ville auf den Mont Aiguille stieg, blieb er mehrere Tage oben. Er muss sich groß gefühlt haben, dem Himmel so nahe. Frei und völlig losgelöst. Er war der erste Mensch, der das fühlen durfte. Dass 500 Jahre später jedes Jahr Tausende von Menschen die Berge auf der ganzen Welt erklettern, um ebendas zu fühlen, de Ville hätte es nicht für möglich gehalten.

Autor und Fotograf: Benni Sauer

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