Was Berge in uns bewegen

Wie schon so oft parke ich meinen Wagen auf dem kleinen Schotterfeld am Dorfrand. Ein kleines Schild führt den Berg hinauf. Ansonsten gibt es hier nichts. Nur die Natur, den Berg und mich.

Ich schnüre meine Schuhe, schultere den Rucksack und schlendere langsam in den Wald hinein. Es dauert nicht lange, dann finde ich eine kleine Trittspur. Links und rechts von ihr wachsen saftig grüne Pflanzen, die ihre jungen Triebe in die duftende Waldluft strecken. Ich kenne den Weg gut. Innerlich werde ich schon nach wenigen Schritten ganz ruhig. Gleichzeitig beginne ich auch in mich hineinzuhören. Mein Körper sagt mir, wie schnell ich mich heute bergauf bewegen soll. Mein Kopf meldet mir eine gute psychische und mentale Tagesform, unbedingt nötig für den späteren Weiterweg.

Immer wieder gönne ich mir etwas Zeit zum Durchatmen, zum Umschauen. Die Morgensonne blinzelt fast waagrecht durch die rauen, alten Fichtenstämme, deren Kronen mir jedes Mal auf´s Neue das heimelige Gefühl eines natürlichen Daches über dem Kopf vermitteln. Alles verbindet sich. Meine Bewegung, die Natur, die Gedanken und Gefühle. Der Weg, den ich mir ausgesucht habe, er wird steiler und felsiger. Aber trotzdem: Fast wie von alleine setze ich einen Fuß vor den anderen. In diesem Moment bin ich genau da, wo ich hin wollte. Nicht in einem märchenhaften Wald oder auf einem steilen Felsgipfel.

Ich bin im Flow!

Einige Tage vorher
Ich sitze in der gemütlichen Stube eines modernen Holzbaus. Mir gegenüber: Dr. Christian Dogs, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Spezialist für Naturheilkunde. Eine interessante Persönlichkeit. Sympathisch und humorvoll sind wir schnell beim Du. Von ihm möchte ich wissen, warum es mich so glücklich macht, was ich in den Bergen finde. Wir unterhalten uns über Botenstoffe, Achtsamkeit und autogenes Training. Und als allererstes erhärtet sich mein Verdacht: Wir haben verlernt abzuschalten. In einer Welt voller elektronischer Geräte, die uns zu jeder Zeit auf dem neusten Stand halten, sind wir völlig überfordert. Zu entspannen fällt uns schwer. Schlafstörungen, Burnout und Depressionen häufen sich. Menschen in Großstädten gehen und sprechen erwiesenermaßen schneller als die Bewohner ländlicher Dörfer.  Das Leben in den Bergen passt also viel mehr zur Natur des Menschen als die Hektik in der Stadt, wo wir unsere innere Uhr mit Füßen treten. In dieses Leben einzutauchen, und wenn auch nur für einen Tag, ist also Urlaub für unsere Seele.

»Raus aus der Komfortzone«
Ein oft gut gemeinter Rat. Dabei bewege ich mich doch gerade so frei in eben diesem Bereich. Dazu gehört, dass ich keinen Stress verspüre, keine Panik oder Angst. Ich kann einfach alles fallen lassen und der natürlichsten aller Bewegungsformen folgen: Dem Gehen. Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin lassen uns dann unser Selbst vergessen und auf Wolke Sieben schweben. Aber eben nur wenn die Herausforderung und die eigene Fähigkeit auf ähnlichem Niveau liegen. Stichwort: Selbstreflexion. Eine solche Tourenplanung dürfte also nicht nur der Bergwacht entgegenkommen.

Langsam überschreite ich die Baumgrenze, die Aussicht ist berauschend, die Weite überwältigend. Wir Menschen lebten zwei Millionen Jahre als Nomaden in und von der Natur. 99 Prozent der Zeit, die wir schon diesen Planeten bevölkern, verbrachten wir als Jäger und Sammler. Da kann es kein Zufall sein, dass wir Menschen – woher wir auch stammen – das selbe bei einer solchen Aussicht empfinden. Die Weite vermittelt uns Sicherheit. Wir erinnern uns zurück, an das was wir einmal waren. Langsam bekomme ich ein ungefähres Bild vom dem, was mich an der Natur so fesselt.

Steil bergauf
Langsam verlasse ich nicht nur die Baumgrenze. Auch den oberen Rand meiner Komfortzone habe ich bald erreicht. Der Felsgrat schnürt sich zusammen und wenig später balanciere ich über eine messerscharfe Kante. Ich checke meinen psychischen Akku: Immer noch über 50%.  Dabei stelle ich mir meine mentale und psychische Belastbarkeit einfach wie den Akku eines Handys vor. Unsere Belastbarkeit variiert von Tag zu Tag, wie die körperliche Fitness auch. Mit ein wenig Übung bekomme ich sofort ein Akkustandanzeige, wenn ich mich selbst danach frage. Grün, orange oder schon rot? Je nach dem entscheide ich ob ich weiter gehe, oder nicht. Ein kleiner Trick, der immer wieder dabei hilft einen kühlen Kopf zu bewahren.

Übrigens: Wer die Komfortzone verlassen will, kann das natürlich tun. Die Leistungsgrenze lässt sich aber am sichersten nach oben verschieben, wenn wir nur kurz die Komfortzone verlassen. Unbedingt sollte man schnell wieder zurück, so dass der Körper mit der Bildung der Botenstoffe nachkommen kann.

Die Blockierung
Wenn der Körper aber aus dem Botenstoff-Gleichgewicht kommt, sind Probleme vorprogrammiert. Die Zahl der Bergrettungen wegen Blockierungen sind in den letzten Jahren stark gestiegen. Eine blockierte Person traut sich nicht mehr vor und zurück, das Serotonin ist aufgrund der langen Überforderung verbraucht. Adrenalin bestimmt jetzt unser Verhalten. Oft fühlen wir uns gezwungen schnellstmöglich weiter zu gehen, um der Gefahrensituation zu entkommen. Schaffen wir das aber nicht, ist die Falle zugeschnappt. Ein Teufelskreis. Man kann die Blockade als Gegenstück des anfangs erwähnten Flows ansehen.

Häufigster Fehler laut Dr. Dogs ist dann der Satz: „Du brauchst doch keine Angst zu haben!“ Das hat noch nie funktioniert, ganz im Gegenteil. Blockierte Personen fühlen sich so nicht ernst genommen. Viel sinnvoller ist es, ruhig und verständnisvoll auf die blockierte Person einzuwirken. Eine sanfte Stimme und eine Hand auf der Schulter können da schon Wunder bewirken. Und wenn niemand zur Stelle ist? So kompliziert unser Gehirn ist, so einfach lässt es sich überlisten. Atme bewusst langsam. Das vermittelt dem Gehirn Sicherheit und Ruhe. Auch die eigene Stimme kann beruhigend wirken. Ein kleiner Bissen vom Energieriegel lässt nicht nur unseren Blutzucker steigen, er lenkt uns auch wirkungsvoll ab. Und ein Expertentipp: Solchen Stresssituationen können trainiert werden. Wer sich im Alltag in angenehmen, positiven Momenten beispielsweise eine bestimmte Melodie vorsingt, gewöhnt sein Gehirn an die derzeitigen Umstände. Es erfordert zwar etwas Training, aber selbst in einer Blockierung macht diese Melodie unserem Gehirn klar, alles sei in bester Ordnung. Mit etwas Übung kann man so sehr effektiv „koppeln“. Mit Melodien, Gerüchen oder Geschmäckern.

Das Geheimnis der Resilienz
Vor vielen Jahren, als meine bescheidene Bergsport-Laufbahn ihren Anfang nahm, lernte ich etwas erstaunliches: Ich hing in einer Kletterhalle, viel zu niedrig über dem Boden und hatte Schwierigkeiten die erste Sicherung zu legen. Angst überkam mich. Beinahe verlor ich die Kraft und Kontrolle, doch ich zwang mich ruhig zu bleiben und begann an der Verbesserung meiner Situation zu arbeiten. Es funktionierte. Wenig später konnte ich diese Fähigkeit in den Alltag übertragen: In Stresssituationen behielt ich ganz bewusst einen kühlen Kopf, erinnerte mich an die Kletterhalle.

Dr. Christian Dogs erklärt mir die Resilienz, die psychische Widerstandskraft, die uns hilft, Krisen und Stress besser zu bewältigen. Ja wir können sogar an ihnen wachsen!
Die Fähigkeit, die ich mir in der Kletterhalle aneignete, ist eine Art der Resilienz. Und wie man an diesem Beispiel gut sehen kann, ist Resilienz erlern- und trainierbar. In den Bergen können wir also nicht nur unsere Wadenmuskulatur stärken. Wir stabilisieren unsere Psyche und dafür finden wir im Bergsport mehr als genug Ressourcen. „Der wichtigste Muskel beim Klettern ist das Gehirn“, das wusste schon der Ausnahmekletterer Wolfgang Güllich.

Gipfelglück
Der Gipfel ist erreicht, die Anstrengungen werden mit einem tollen Ausblick belohnt. Ich bin stolz, Endorphine durchströmen mich. Diese körpereigenen Morphine lassen mich meine müden Muskeln schnell vergessen. Auf dem Weg zum Gipfel war ich stundenlang konzentriert und fokussiert, dabei fand ich Ruhe und Entspannung. Ein rundum gelungener Bergtag.

Dr. Dogs sieht für viele Krankheiten hauptsächlich zwei Gründe. Erstens: Wir haben verlernt glücklich zu sein. Wie wenig es aber dazu braucht, erfahren wir schnell bei Bergtouren in der Komfortzone. Zweitens: Wir machen keine Pausen mehr. Das Ziel sollte es also nicht sein, so schnell wie möglich einen Gipfel zu stürmen. Vielmehr können wir Aktivitäten in den Bergen ganz gezielt nutzen. An ihnen wachsen. Und Glück und Gesundheit finden, wenn wir es nur zulassen.

Text und Bilder: Benni Sauer

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