Was blüht denn da?

Es ist Sommer in den Alpen. Die Almwiesen leuchten in saftigem Grün und wo man auch hinblickt, da streckt sich das Leben dem Licht entgegen. Allen voran sind hier die Almwiesen zu nennen, die einen besonders schützenswerten Lebensraum für eine Vielzahl seltener Pflanzen und Tiere darstellen. Für den Erhalt dieser Flächen ist aber seit Jahrhunderten eine aufwändige Pflege notwendig. Auch deswegen verschwinden diese Wiesen leider zunehmend, womit sich das Bild der sommerlichen Alpen wie wir sie kennen, vermutlich für immer verändern wird.

In dieser Sommerausgabe wollen wir deswegen aufmerksam machen, auf die kleinen Naturwunder am Wegesrand. Sie machen die Berge erst zu dem was sie sind und finden sich nahezu überall. Denn selbst auf den höchsten Gipfel florieren Pflanzen, die den lebensfeindlichen Bedingungen dort oben trotzen. Oft reicht dafür schon eine Felsspalte, in der Wurzeln festen Halt finden. Letztendlich sind es die extremen Standorte und die unfassbare Vielfalt, die die Alpenbotanik so interessant, wichtig und schützenswert macht.

Autor und Fotograf: Benni Sauer


Deutscher Fransenenzian (Gentianella germanica)

Den ganzen Sommer über streckt dieses kleine Pflänzchen seine Blüten der Sonne entgegen. Meist erreichen die Blütenblätter dabei lediglich eine Höhe von 20 Zentimetern. An einer Pflanze können jedoch bis zu 50 Blüten prangen. Und auch wenn der Enzian wegen seinem kräftigen Blau bekannt ist, so leuchtet der deutsche Fransenenzian in einem sanften, lila bis rosa Pastellfarbton. Die Blüte besteht immer aus fünf spitz zulaufenden Kronblättern, die in einem deutlichen Kelch enden. Dieser wird wiederum von fünf Kelchblättern gestützt. So ist die Sorte relativ einfach zu bestimmen, selbst wenn die Familie der Enziangewächse ausgesprochen komplex ist und manche Sorten kaum zu unterscheiden sind. In Mitteleuropa ist der Fransenenzian weit verbreitet – auf Wiesen, in Mooren, aber auch auf kalkhaltigen Böden bis etwa 2000 Meter Höhe. Aufgrund des langen Kelches erreichen nur langrüsselige Insekten wie Hummeln und Schmetterlinge den Nektar, die somit aber zur notwendigen Bestäubung der Blüten beitragen. Leider ist diese Sorte selten geworden.


Buckel-Mauerpfeffer (Sedum dasyphyllum)

Ein wirklicher Überlebenskünstler! Kaum höher als zehn Zentimeter reckt sich diese Sukkulente auf. Das Wort Sukkulenten entspringt dem lateinischen sucus für „Saft“, sowie suculentus für „saftreich“. Die dickfleischigen Blätter speichern viel Wasser, weswegen die Pflanze sehr ausdauernd Trockenphasen übersteht. So gedeiht die anspruchslose Fetthenne, wie der Mauerpfeffer auch genannt wird, oft überraschend gut aus Felsritzen oder auf steinigen Untergründen in sonniger Lage. Die unzähligen Blüten sind nur wenige Millimeter groß. Doch ein genauer Blick lohnt sich: Den ganzen Sommer über sind die dichten Kissen mit feinen, weißen Blüten übersät. Der Mauerpfeffer ist auch eine beliebte Zierpflanze für Steingärten. Auf sonnigen, warmen Mauerkronen fühlt er sich dabei naturgemäß besonders wohl. Zum wirklichen Überlebenskünstler wird die Pflanze aber durch seine einfache Vermehrungsmöglichkeit. Aus fast jedem abgetrennten Teil der Pflanze, möge es noch so klein sein, kann eine Neupflanze entspringen. Ein genetischer Klon, der den Bestand dauerhaft sichert.


Türkenbund (Lilium martagon)

Der Türkenbund ist ein besonders schöner Vertreter der Liliengattung. Bis zu einem Meter hoch reckt diese Zwiebelpflanze zwischen Juni und August ihre auffälligen Blüten. Die geschützte Pflanzung erreicht in den Alpen Höhen von bis zu 2500 Metern, gedeiht in Wäldern aber auch auf Wiesen und bietet immer ein tolles Fotomotiv. Die Blütenhüllblätter sind stark nach oben gebogen, sodass die hängende Blüte an einen Turban erinnert. Besonders zum Abend lockt die Lilie mit einem süßlichen Duft Schmetterlinge und andere Schwärmer, die zu ihren Hauptbestäubern zählen. Die goldgelbe Zwiebel brachte der Lilie außerdem viele weitere Namen wie Goldapfel oder Goldwurz. Dem Aberglauben nach konnte man mit ihrer Hilfe wertloses Metall in Gold verwandeln.


Stängelloses Leimkraut (Silene acaulis)

Das Leimkraut gehört zur Familie der Nelkengewächse. Die krautige Pflanze bildet nur wenige Zentimeter hohe Polsterkissen. Von Juni bis September überzieht dieses ein rosa Blütenteppich. Das Leimkraut ist dabei sehr verbreitet und besiedelt auch außerhalb der Alpen viele Teile Europas. In unseren Bergen wächst die hübsche Blütenpracht sogar in eisige Höhen hinauf. Erst auf 3600 Meter wird es dem Leimkraut zu unwirtlich. Weiter hinauf kommen nur noch ganz wenige Blütenpflanzen, wie zum Beispiel der Moschus-Steinbrech, der mit Leichtigkeit die 4000er-Marke unter sich lässt. Das Leimkraut punktet aber mit anderen Extremen: Auch wenn die Pflanze nur 3 Zentimeter hoch wird, so dringen die Wurzeln doch weit über einen Meter ins Gestein ein. Diese Eigenschaft, kombiniert mit dem eigenen Mikroklima, das die Pflanze durch ihren gedrungenen Wuchs erreicht, lassen ein gutes Gedeihen bei extremen Verhältnissen zu. Die Polsterkissen können dabei über einen Meter breit und mehr als 100 Jahre alt werden.


Schwarze Teufelskralle (Phyteuma nigrum)

Dieses Glockenblumengewächs ist wahrlich ein Hingucker, der bezüglich der Namensgebung keinen Raum für Zweifel zulässt. Solch dunkle Blüten sind eine Seltenheit im Pflanzenreich. Die Teufelskralle wird bis zu 70 Zentimeter hoch und bevorzugt kalkarme, mäßig nährstoffreiche Lehmböden. In halbschattiger oder schattiger Lage findet man die Pflanze am ehesten, dann aber meist nur vereinzelte, zerstreute Individuen. Auch wenn die Art verbreitet ist, gibt es kaum größere Ansammlungen. Mit der afrikanischen Teufelskralle, die als Heilmittel genutzt wird, hat die schwarze Teufelskralle übrigens nichts gemeinsam. Trotz des abschreckenden Namens kann die Pflanze aber gut in der Küche verwendet werden. Die Wurzel bietet eine ähnliche Schärfe wie Meerrettich, die Blüten können wie Spargel zubereitet werden. Aber auch wenn die Sorte nicht geschützt, sondern lediglich als schonbedürftig eingestuft ist, gilt: Bitte nicht pflücken!

Titelbild: © Daiga Ellaby

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