Weit, weiter, Weitwandern?

Titelbild: Auf dem Heilbronner Weg mit Blick auf Mädelegabel und Trettachspitze.

Die Häppchen und Schmankerl der alpinen Weitwanderwege

Der Urlaub ist schon lange eingereicht, die Hütten schon seit Monaten reserviert. Lediglich das Wetter muss noch mitspielen, dann aber steht einem ungetrübten Weitwanderwochenende nichts mehr im Wege. Normalerweise! 

So sähe für viele Wanderfreunde das Herzstück der alpinen Jahresplanung aus. Eine, vielleicht sogar zwei Wochen die Seele baumeln lassen, jeden Abend eine neue Aussicht genießen, abschalten und den Alltag tief im Tal hinter sich lassen. Leider aber ist in dieser Saison wieder mit verschärften Corona-Regelungen zu rechnen. Ob Hüttenübernachtungen im gewohnten Umfang möglich werden? Ob die Grenzen ohne weiteres passierbar werden? 

Für alle, die unter erschwerten Vorbereitungsbedingungen leiden, nicht aber auf die Wandererlebnisse der Königswege verzichten möchten, haben wir die Highlights der großen Touren herausgepickt. Weitwanderflair ohne Hüttenübernachtung und Speisekarte? Das geht! Lohnenswerte Rundtouren. Ganztägige, intensive Bergerlebnisse. In Deutschland, Österreich und Südtirol.


Südtirol: Ortler Höhenweg

Auch vom Stilfserjoch kann man eindrucksvolle Gletscherblicke genießen.
© IDM Südtirol | Helmuth Rier

Etappen: 7
Gesamtstrecke: 120 km
Höhenmeter: 8.126 hm 
Vorgestelltes Teilstück: 20 km   |   1.700 Höhenmeter   |   10 Stunden
Charakter: Hochalpiner, langer Abstecher mit Gletscherkontakt und Himalaya-Feeling.

Einmal um den König Ortler! Seine vergletscherte Hoheit umrunden und von allen Seiten bestaunen – ein Traum vieler Weitwanderer. Was aber wenn die Zeit drängt oder die Hüttenübernachtung flachfällt? Glücklicherweise gibt es eine hervorragende Möglichkeit, um eisige Höhenluft zu schnuppern! Etappe 4, die dank Gletscherkontakt echte Hochtourenstimmung aufkommen lässt. 

Mystische Morgenstimmung am Zufrittsee im Martelltal – eines der großen Erlebnisse am Ortler Höhenweg.
© IDM Südtirol | Frieder Blickle

Wegbeschreibung:
Vom hinteren Ende des Martelltals (Parkplatz) an der Zufallhütte vorbei und immer weiter in südwestlicher Richtung hinauf bis zum Eisseepass. Östlich unter der Suldenspitze (Gletscherausrüstung!) und an der Casati-Hütte vorbei. Hier verlassen wir den Ortler Höhenweg und erklimmen die Suldenspitze. Eindrucksvoll steht uns hier die mächtige Königsspitze gegenüber, dahinter, nicht weniger spektakulär, der König Ortler. Wer Kraftreserven hat, steigt nun über den Suldenferner hinab, vorbei an der Schaubachhütte und übers Madritschjoch wieder ins Martelltal. Auf den Madritscher Weideflächen lohnt es sich die Augen offen zu halten: Hier treibt alljährlich niemand geringeres als Reinhold Messner selbst seine Yaks hinauf. Mit den Gletschern des mächtigen Dreigestirns Königgspitze, Zebru und Ortler, fällt es nicht schwer, uns ins fernöstliche Himalaya zu träumen. Weniger lange und anstrengende Alternativen finden wir rund ums Stilfserjoch.


Südtirol: Dolomiten Höhenweg Nr. 1

Perfektes Wandergelände mit einer Vielzahl an Möglichkeiten durchziehen die Dolomiten, wie hier, wo sich die Eisengabelspitze im Wasser spiegelt.
© IDM Südtirol | Loic Lagarde

Etappen: 13
Gesamtstrecke: 150 km
Höhenmeter: 7.135 hm
Vorgestelltes Teilstück: 10 km   |   1.100 Höhenmeter   |   7 Stunden
Charakter: Einzigartige Felsgipfel und sanfte Wiesen bilden ein spannendes Kontrastprogramm. Auf Wunsch auch mit Kraxel-Einlage.

Das UNESCO Weltnaturerbe Dolomiten durchzieht ein einmaliges Wandernetz. Kein Wunder also, dass sich gleich eine Vielzahl mehr oder weniger langer Fernwanderwege durch die berühmten Gipfel schlängeln. Herzstück bilden dabei die zehn Dolomiten Höhenwege, die für Anfänger und gemütliche Wanderer, bis hin zu geübten Bergsteigern, keine Wünsche offen lassen.

Die Cinque Torri sind völlig zu Recht ein beliebtes Wanderziel und Höhepunkt des klassischen Dolomitenweges.

Wegbeschreibung:
Wir konzentrieren uns wieder auf ein besonders lohnendes Schmankerl. Die Nummer 1 der Dolomiten Höhenwege wird auch als „der klassische Weg“ bezeichnet und zieht vom Pragser Wildsee bis weit in den Süden nach Belluno. Einen der wohl eindrucksvollsten Passagen ist die Region um Etappe 4. Wir lassen also den Pragser Wildsee in Frieden und steigen erst viel weiter südlich auf den Höhenweg – genauer etwas unterhalb des Falzarego-Passes. Vom dortigen Parkplatz erwandern wir zunächst die Cinque Torri. Ein Spaziergang durch die wild aus dem Boden ragenden Felstürme ist ein ganz besonderes Erlebnis. Auch eine erste Pause ist hier anzuraten, denn in den steilen Felswänden kann man Sportkletterer aus nächster Nähe beobachten.

Erst ab hier bewegen wir uns auf dem klassischen Weg Nr. 1 und passieren demnach über breite und einfache Wege die Rifugio Scoiatolli und wenig später die Rifugio Averau. Spätestens hier ist Trittsicherheit gefragt. Wer möchte, kann nun nämlich den höchsten Punkt der Rundtour erklimmen, den 2649 Meter hohen Averau. Einige steile Aufschwünge des Steiges sind seilversichert (Helm!). Zurück am Beginn des Gipfelsteiges, umrundet man den Averau auf seiner Westseite und steigt wieder sanft ab, bis zum kleinen Lago Limedes. Von dort ist es nur noch ein schöner Spaziergang durch lichte Wälder und sanfte Wiesen, bis zurück zum Ausgangspunkt. 


Tirol: Adlerweg

 Im Gaistal, unterhalb der mächtigen Zugspitzwand.
© Tirol Werbung | Gigler Dominik

Etappen: 33
Gesamtstrecke: 413 km
Höhenmeter: 31.000 hm
Vorgestelltes Teilstück: 15 km   |   1.500 Höhenmeter   |   8 Stunden
Charakter: Durchaus fordernde Rundtour durch gutmütiges Gelände, mit schönen Ausblicken auf die Mieminger Kette.

Wegbeschreibung:
Vielseitigkeit! Die wird uns ganz bestimmt auf dem Adlerweg geboten. Immerhin ist dieser Weitwanderweg einer der längsten und berühmtesten seiner Art. Doch wer hat schon einen ganzen Monat Zeit zum Wandern, oder die Sicherheit, in der heutigen Zeit ein solches Mammutprojekt zu planen? Wer die Sache also abkürzen will oder muss, der startet zu einer imposanten Ein-Tages-Rundtour bei Etappe 16. Unterhalb der gewaltigen Südwand des Zugspitzmassivs beginnt die Route in Ehrwald und zieht in östliche Richtung durchs Gaistal. Entlang der Leutascher Ache und später des Gaistalbachs, führen die einfachen Pfade durch wunderbares Almengebiet. Wir lassen aber schon bald die offizielle Route rechts liegen und steigen hinter der Hochfeldernalm über steileres Wiesen- und Latschengelände hinauf bis zum Gatterl, knapp über der 2000-Meter-Marke. Hier erhaschen wir einen tollen Blick ins Reintal und wenig später sogar hinauf zu den Gletschern des Zugspitzplatts. Die Rundtour setzen wir über das Steinerne Hüttl und die Tillfussalm fort. Von dort spazieren wir wieder auf dem eigentlichen Adlerweg das Gaistal hinauf zur Ehrwalder Alm.


Tirol: Lechtaler Höhenweg

Die wunderschöne Dremelspitze von Norden. Über die Scharten links und rechts, lässt sich eine eindrückliche Umrundung realisieren.

Etappen: 18 (inkl. Varianten)
Gesamtstrecke: 85 km
Höhenmeter: 6.950 hm
Vorgestelltes Teilstück: 6 km   |   900 Höhenmeter   |   4 Stunden
Charakter: Die Umrundung der Dremelspitze garantiert ständig neue Ausblicke auf einen formschönen Felsgipfel, der sogar bisweilen an die Kalktürme der Dolomiten erinnert. 

Der Steinsee, schönstes Etappenziel weit und breit!
© Tirol Werbung | Sebastian Schels

Wegbeschreibung:
Der Lechtaler Höhenweg überwindet meist in beachtlicher Höhe den Gebirgszug der gesamten Lechtaler Alpen. Dementsprechend schwierig ist es auch, eine einzelne Etappe als Tagestour aus diesem Fernwanderweg auszuklinken. Wirklich lohnend wird dieses Vorhaben aber bei Etappe 15, zwischen Steinsee- und Hanauer Hütte. 

Um die Hanauer Hütte zu erreichen, müssen wir im Falle einer Eintagestour allerdings noch zusätzliche 700 Höhenmeter bewältigen. Hierfür parken wir in Boden bei Pfafflar und rollen am besten mit den Mountainbikes den Angerlebach entlang. An der Talstation der Materialseilbahn stellen wir die Räder ab und steigen hinauf zur Hütte, dem Ausgangspunkt unserer Etappe. Die größte Fleißaufgabe hat man dann aber auch schon hinter sich gebracht. Übrigens: Ab hier bewegen wir uns nicht nur auf dem Lechtaler Höhenweg, sondern zumindest auch zweitweise auf dem Adlerweg. 

Ob wir nun zuerst die östliche oder westliche Dremelscharte ansteuern, darf frei entschieden werden. In jedem Fall erreichen wir in etwa zwei Stunden den dahintergelegenen Steinsee. Er ist sicher eines der beliebtesten Fotomotive der Region und lädt zu einer ausgiebigen Pause ein. Um wirklich alle Seiten der eindrucksvollen Dremespitze bestaunen zu können, steigen wir frisch gestärkt natürlich über die uns noch unbekannte Dremelscharte wieder hinüber zur Hanauer Hütte. 

Selbstverständlich kann die Umrundung auch von der Steinseehütte gestartet werden. Allerdings ist der Zustieg zur Hütte länger, weswegen dann eine Hüttenübernachtung unbedingt anzuraten ist.


Bayern: Heilbronner Weg

Nirgends kommen Wanderer dem Allgäuer Dreigestirn näher als auf dem Heilbronner Weg.

Etappen: 3
Gesamstrecke: 32 km
Höhenmeter: 2.600 hm
Vorgestelltes Teilstück: Gesamtstrecke
Charakter: Ohne öffentliche Verkehrsmittel, Hüttenübernachtung oder Biwak kaum durchführbare Rundtour über den Allgäuer Hauptkamm

Wegbeschreibung:
Kaum jemand der ihn nicht kennt: Den Heilbronner Weg. Genaugenommen liegt dieser Höhenweg zwar kurz hinter der österreichischen Grenze, aufgrund der langen Auf- und Abstiege, die in dieser Variante ausschließlich über deutschen Boden führen, sortieren wir ihn aber als deutschen Höhenweg ein. 

Es soll sie ja geben, die Trailrunner, die den Heilbronner Weg von Oberstdorf in nur einem Tag abhaken. Normalsterblichen Bergwanderern wird so eine Speed-Begehung allerdings kaum möglich sein, weswegen eine Hüttenübernachtung obligatorisch ist. Außerhalb der Öffnungszeiten spricht allerdings auch nichts gegen ein Biwak auf österreichischem Boden. (Felsnahe, geeignete Flächen finden sich an den Übergängen am Mädelejoch und der Großen Steinscharte.)

Vom Christlesee (Bus), wandern wir ins malerische Trettachtal. Ernsthaft Höhe gewinnen wir erst im Sperrbachtobel, in dem wir uns 600 Höhenmeter bis zur Kemptner Hütte hinaufschrauben. Jetzt ist es nicht mehr weit bis zum Mädelejoch, über das wir auf österreichischen Boden gelangen. Von hier steigen wir immer Richtung Osten, über felsige Stufen und den kleinen Schwarzmilzferner, bis wir die Bockkarscharte erreichen. (Hier Abstiegsmöglichkeit zum Waltenberger Haus.) Nach weiteren, wunderschönen zwei Stunden auf dem Steig, gelangen wir zur Großen Steinscharte, über die wir wieder ins deutsche Allgäu wechseln und schnell die Rappenseehütte erreichen. Der gigantische Talhatscher zurück nach Oberstdorf kann glücklicherweise ab der Fellhon-Talstation bei Faistenoy mit dem Bus abgekürzt werden. 

Autor: Benni Sauer

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