Wenn Biker wandern…

Actionsportler auf Abwegen in Saalbach

02:00 Uhr morgens in Saalbach. Wir sind gerade erst in den Tiefschlaf gefallen, da klingeln auch schon unsere Wecker. Während die einen noch im Halbschlaf völlig verplant durch das Zimmer torkeln und ihre Rucksäcke packen, hatten die anderen schon ihre zweite Tasse schwarzen Kaffee. Zugegeben: Kaum jemand aus unserer Gruppe war bis zu diesem Zeitpunkt leidenschaftlicher Wanderer, geschweige denn Frühaufsteher. Wir sind Sportsfreunde, ja. Aber unsere Sportgeräte waren bis dato keine Wanderschuhe, sondern Bikes, Ski und Snowboards.

Wir sind gut vorbereitet – zumindest glauben wir das – sodass wir uns nach dem Aufstehen nur noch anziehen, die Zähne putzen und den Rucksack schnappen müssen. „Unsere Bike-Backpacks tun’s bestimmt auch“, denken wir optimistisch und packen ihn voll bis obenhin mit Wasser, Snacks, Sonnencreme und -brille, Erste Hilfe Set, Zweit-shirts, Cap und Kamera. Dass der Platz nur sehr knapp ausreicht, wenn wir unsere Jacken nach dem Sonnenaufgang ausziehen, wird uns erst später bewusst.

Auf der Jagd nach dem Sonnenaufgang und der tickenden Uhr im Nacken starten wir um 02:30 Uhr beim Parkplatz in Lengau Richtung Spieleckkogel. Der Vollmond in dieser Nacht leuchtet uns den 3,5 km langen Aufstieg bis er gegen 04:30 Uhr hinter den Bergen verschwindet. Wir schweigen uns an. Aber nicht, weil wir Morgenmuffel sind, sondern weil dieser Mond uns ins Staunen versetzt, während wir uns – begleitet von Feldhasen, Murmeltieren und den beruhigenden Glocken des Weideviehs – gen Gipfel bewegen. Kurz nachdem der Mond verschwunden ist und die Morgendämmerung bereits die ersten Bergspitzen erhellt, kommen wir am Spieleckkogel an, schauen in die Ferne und feiern – bereits bevor die meisten Menschen im Tal ihre Federn verlassen – unseren ersten Erfolg. Wir setzen uns in das noch vom Morgentau feuchte Gras, lassen unsere Blicke über die Bergsilhouetten schweifen und warten auf den Sonnenaufgang, der uns mit voller Wucht die Sprache verschlägt. Wir sind hier aufgewachsen. Und dennoch verlieben wir uns bei so einem Anblick immer wieder aufs Neue in unsere Heimat. Von der frühmorgendlichen schlechten Laune ist spätestens jetzt keine Spur mehr. 

Nachdem wir unser Frühstück – oder besser gesagt unseren ersten Müsliriegel – am Spieleckkogel genüsslich verdrückt haben, machen wir uns auf dem Weg Richtung Sonnspitz. Ein schmaler 2 km langer Pfad mit anspruchsvollen Auf- und Abstiegen führt uns entlang eindrucksvoller Felsformationen und kleiner Bergseen am Kamm entlang zum nächsten Gipfel und wieder hinunter zum Henlabjoch. Hier legen wir nach insgesamt 6,5 km in den Beinen und 3:30 Stunden reiner Gehzeit eine Mittagspause ein – auch um unsere Rucksäcke ein wenig zu erleichtern.

Von hier sind es nochmal rund 2 km bis zu unserem letzten Gipfelsieg am Staffkogel. Der Weg führt an der Rückseite der beeindruckenden Bergspitze vorbei entlang des Wanderweges und erfordert Trittsicherheit. Wir befinden uns hier nicht nur im Talschluss von Saalbach Hinterglemm, sondern auch an der Landesgrenze zu Tirol, und blicken zu unseren Kollegen im benachbarten Bundesland, bevor wir uns beim Gipfelkreuz auf 2.115 Höhenmeter dem Glemmtal zuwenden. 

Jetzt liegen wir da, im warmen Gras, und hätten als Actionsportler vor einem Jahr noch nicht einmal daran gedacht, dass uns eine Wanderung so viel Freude und Gelassenheit bereiten würde. Dass wir auf 2.000 Metern Höhe auf freundliche Locals aus den Nachbartälern treffen, die diese Gegend schon sehr viel länger kennen als wir. Dass wir sofort in nette Gespräche verwickelt werden, weil „unsere Generation sowas für gewöhnlich ja nicht macht“ und sie „noch nie tätowierte Wanderer getroffen haben“. Glückseligkeit. Wir lieben unser Zuhause!

Nun wird es allmählich sehr warm am Staffkogel und wir können alle nur noch an Kasnocken denken, also machen wir uns auf den Weg zurück ins Tal und kommen hier zur willkommenen Abkühlung noch an einem Wasserfall vorbei. Insgesamt 13 Kilometer, 1400 Höhenmeter bergauf und 1000 Höhenmeter bergab später schaufeln wir – selbstverständlich jeder eine eigene Pfanne für sich – im Rekordtempo Kasnocken in uns hinein und verfallen danach in einen angenehmen Trägheitszustand, der uns geradezu zwingt noch länger auf der Hütte zu verweilen. 

Die Wanderung zusammengefasst:
Vom Parkplatz Lengau bergauf zum Spieleckkogel, den Kamm entlang zur Sonnspitze, über Henlabjoch zum Staffkogel und talwärts Richtung Ossmannalm und Lindlingalm bishin zurück zum Ausgangspunkt.

Länge: 16,5 km
Höhenmeter hoch: 1.340 m 
Höhenmeter runter: 1.340 m
Zeit: ca. 6:30 h ohne Pausen

Alternativ kannst du auch mit der Reiterkogelbahn ab 09:00 Uhr auffahren. Dadurch sparst du dir zwar knapp 300 Höhenmeter bergauf, verpasst dafür aber den Sonnenaufgang und hast mit insgesamt 19 km Länge einen weiteren Weg.

saalbach.com

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