Wer darf was in freier Wildbahn?

Freeriden und Tourengehen boomt wie nie: Doch nicht alle, die ihre Dienste als Guide anbieten, haben auch die richtige Ausbildung dafür. Im besseren Fall ist das ärgerlich, im schlechteren Fall gefährlich. Immerhin arbeiten die verschiedenen Verbände inzwischen an Lösungen für einheitliche Standards.

Die Valluga-Nordabfahrt am Arlberg ist für ihre Steilheit und Exponiertheit bekannt. Wer die Variante ins Pazieltal und weiter nach Zürs in Angriff nehmen will, kann das nur in Begleitung eines staatlich geprüften Bergführers tun. Wer den nicht dabei hat, darf mit Skiern gar nicht erst in die Valluga II-Gondel steigen, denn auf der Nordseite wartet freies Skigelände, in dem Unerfahrene nichts verloren haben. Dennoch kam es hier im Januar 2015 zu einem schweren Unglück: Eine siebenköpfige, vorschriftsgemäß von einem Bergführer begleitete Gruppe löste eine Schneebrettlawine aus. Zwei Freerider starben, einer wurde schwer verletzt.

In den Medien hielt sich die Suche nach dem „Schuldigen“ einigermaßen in Grenzen, denn es wurden keine offiziellen Vorschriften missachtet. Vielleicht hatte die Gruppe einfach nur Pech, war zur falschen Zeit am falschen Ort. Anders wäre die Debatte vielleicht verlaufen, wenn die Freerider „nur“ von einem staatlich geprüften Skilehrer begleitet worden wären, was in früheren Zeiten in der Tat noch erlaubt war an der Valluga. Dann hätte es vermutlich zwischen den konkurrierenden Verbänden mit ihren unterschiedlich anspruchsvollen Ausbildungen gegenseitige Schuldzuweisungen gegeben. Leider geht es dabei nicht immer nur um die Sicherheit der Kunden, sondern auch um die Frage: Wer bekommt welches Stück vom wachsenden Freeride-Kuchen? Mitunter wird da mit harten Bandagen gekämpft.

Tatsächlich ist das Angebot an Ausbildungen und Guide-Qualifikationen gerade für Freeride- oder Skitouren-Einsteiger äußerst unübersichtlich. Und nicht immer wird in einer Ausschreibung auf den ersten Blick deutlich, wer denn das trendige „Freeride Camp“, das früher „Varianten-Kurs“ hieß, leiten wird.

Eine Sonderstellung nimmt der Deutsche Alpenverein (DAV) ein, der – wie der Name schon sagt – als eingetragener Verein (e.V.) keine kommerziellen Angebote machen darf. Trotzdem bieten viele Sektionen kostenpflichtige Kurse und Touren an, deren Preise sich jenen der kommerziellen Konkurrenten immer mehr annähern, sehr zum Ärger der „Profis“. Der DAV bildet seine Fachübungsleiter „Skilauf“, „Skibergsteigen“ und „Trainer B Skihochtouren“ selbst aus. „Diese können eine sogenannte Zusatzqualifikation als Freeride-Guide erwerben“, erklärt Caroline Chaillié, DAV-Ressortleiterin Ausbildung. „Das dauert zwei Wochen und läuft über weite Strecken zweigleisig: Diejenigen, die vom Skilauf her kommen, erhalten eine Schwerpunktausbildung im Bereich Lawinenbeurteilung und Führen im Gelände. Diejenigen, die vom Skibergsteigen her kommen, erhalten Nachhilfe in Skitechnik und -methodik.“ Chaillié zufolge plant der DAV derzeit aber nicht, mit anderen Verbänden gemeinsame Sache zu machen.

Michael Lentrodt, Präsident des Verbandes Deutscher Berg- und Skiführer (VdBS)

Als Freerider will man natürlich wissen: Was taugt diese Qualifikation? – Das lässt sich pauschal nur schwer beantworten. Ein staatlich geprüfter Bergführer ist formal besser ausgebildet, aber nicht immer ein Topskifahrer und ein begnadeter Pädagoge. Ein ehrenamtlicher DAV-Guide (die meisten Sektionen bezahlen eine „Aufwandsentschädigung“), der die Zusatz-Qualifikation erwirbt, beweist zumindest, dass es ihm ernst ist mit dem Freeriden. Für Neulinge und Kursteilnehmer sollte dessen Fachwissen auf jeden Fall ausreichen. Anders sieht es bei geführten Sektionstouren aus: Sind diese entsprechend anspruchsvoll, wird von den Teilnehmern erwartet, dass sie im freien Skigelände selbstständig und souverän agieren. Wer sich anmeldet, muss sich also vorher überlegen, ob er eine 45 Grad steile Rinne wirklich ohne Sturz befahren kann.

Ärgerlich: Einige gewerbliche Veranstalter von Bergreisen, die im Winter Skitouren- und Freeride-Trips anbieten, greifen ebenfalls auf die Dienste der DAV-Guides zurück, um die Kosten zu drücken. Wer Preise vergleicht, sollte das berücksichtigen. Aber auch bedenken, dass ein DAV-Führer, der bereits zum zehnten Mal eine Gruppe in der Osttürkei führt, die Lawinenlage dort genauso gut oder vielleicht sogar besser einschätzen kann als ein „richtiger“ Bergführer, der das erste Mal in dieser Region unterwegs ist.

Trotzdem gefällt Michael Lentrodt, Präsident des Verbandes Deutscher Berg- und Skiführer (VdBS), die Entwicklung nicht: „Der Freeride-Boom hat dazu geführt, dass sich naturgemäß viele berufen fühlen, hier als Führer, Guides oder Ausbilder aufzutreten.“ Man müsse jedoch bedenken, dass das Beurteilen der Lawinengefahr beim Freeriden wesentlich anspruchsvoller sei als auf Skitouren: „Beim Tourengehen erschließen sich Gelände und Lawinensituation langsam im Aufstieg. Beim Freeriden muss man dagegen unbekannte Hänge von oben beurteilen. Außerdem kommen an einem einzigen Tag wesentlich mehr Tiefschneeabfahrten zusammen, was allein schon statistisch das Risiko erhöht“, argumentiert Lentrodt. Deshalb sollten nur Profis als Freeride-Guides arbeiten. „Unsere Führer sind nicht nur wie die ehrenamtlichen Vereinsmitglieder ein oder zwei Wochen im Jahr in ihrem Urlaub in den Bergen unterwegs, sondern nahezu den ganzen Winter draußen. Sie beschäftigen sich permanent mit der Materie und können den Schneedeckenaufbau sehr gut beurteilen.“

Lentrodt weiß, dass andere hinter diesen Argumenten nur Protektionismus und Abschottung sehen. Das sei aber falsch: „Es beschwert sich doch auch niemand darüber, dass man in Deutschland eine Metzgerei nur dann betreiben darf, wenn man die dazugehörige Meisterprüfung abgelegt hat. Dies wird als selbstverständlich akzeptiert, und so sollte es auch beim Freeriden sein.“ Deshalb sei es zulässig und nicht etwa ein Verstoß gegen die Dienstleistungsfreiheit, wenn die einzelnen EU-Mitgliedsstaaten berufsreglementierende Vorschriften in gefahrengeneigten Berufen erlassen. „Die in nahezu allen Alpenländern vorhandenen Bergführergesetze sind somit keine Abschottung, sondern europarechtlich gewollte Reglementierungen zum Schutz der Bürger! Wer in diesem Bereich professionell tätig sein will, muss die ,Meisterprüfung‘ in Form der staatlichen Berg- und Skiführerprüfung ablegen. Kunden sollten sich, sofern ihnen an einem optimalen Erlebnis in Verbindung mit einem akzeptablen Restrisiko gelegen ist, ausschließlich einem staatlich geprüften Berg- und Skiführer anvertrauen.“

Matthias Zachmann, Rechtsanwalt für Sportrecht

Immerhin war der Verband zu Konzessionen bereit: Der VdBS bietet seit einigen Jahren staatlich geprüften Ski- und Snowboardlehrern (und nur diesen!) eine Zusatzqualifikation zum Freeride-Guide an. Mit dieser Ausbildung dürfen die Skilehrer Freeride-Führungen im Rahmen einer Bergschulveranstaltung durchführen. VdBS, Deutscher Skilehrerverband (DSLV), die Technische Universität München und das bayerische Kultusministerium haben hier halbwegs konstruktiv zusammengearbeitet und klare, wenngleich komplizierte Regeln aufgestellt, wer was wo darf. Sind staatlich geprüfte Schneesportlehrer allein mit Kunden in der freien Wildbahn unterwegs, dürfen sie Varianten, aber zum Beispiel nicht absturzgefährdetes Gelände befahren. Auch Gletscher sind tabu, dito der „freie Skiraum außerhalb des Einzugsbereichs von Pisten oder Seilbahnen, d.h. der Skitourenbereich. Ein Aufstieg im Sinne einer Skitour ist nicht von der Ausbildung und damit nicht vom Berechtigungsumfang des Staatlich geprüften Schneesportlehrers erfasst“, heißt es in bestem Beamtendeutsch in den Richtlinien. Das Ministerium stellt aber klar, dass auch der „Staatlich Geprüfte“ Felle mit sich führen darf, um beispielsweise im Notfall aufsteigen zu können. Er kann jedoch nicht dort führen, wo „seil- und sicherungstechnische Maßnahmen erforderlich sind.“

Klingt kompliziert? Ist es auch. Nicht immer ist es zum Beispiel eindeutig, wann ein Führer das Seil auspacken muss. Die eine Gruppe kraxelt ohne Probleme zu einer Scharte hinauf, hinter der die traumhafte Freeride-Abfahrt wartet. Die andere Gruppe macht sich fast in die Hose.

Der DSLV hat deshalb einen Leitfaden („Entscheidungsstrang“) für seine am höchsten qualifizierten Lehrer entwickelt. In diesem erkennt man, dass zum Beispiel der unterhalb dem „Staatlichen“ angesiedelte Level-3-Lehrer mit Kunden oder Schülern nur dann ins Gelände darf, wenn er die Variante jederzeit zur Piste hin verlassen kann. Allerdings will sich der DSLV mit dem am Runden Tisch erarbeiteten Kompromiss nicht dauerhaft zufrieden geben. Er vertritt die Meinung, „dass bei entsprechender Weiterqualifikation des Schneesportlehrers dieser auch eigenverantwortlich Kursangebote entsprechend seiner Ausbildung anbieten darf. In Österreich ist dies schon heute mit der Ausbildung zum Skiführer möglich. Dieser ist ein Guide, der alles das können muss, was auch ein Bergführer im Winter beherrschen muss, quasi ein halber Bergführer. Er muss zum Beispiel nicht im siebten Grad Felsklettern können oder alle aktuellen Sicherungstechniken beherrschen, aber natürlich absolut fit im Beurteilen der Lawinengefahr sein und die neuesten Risiko-Management-Tools kennen. Skiführer dürfen die Valluga-Nordabfahrt deshalb mit Gästen befahren.

Der Mann, der sich im Namen des DSLV für den Skiführer stark macht, heißt Matthias Zachmann und ist Rechtsanwalt. Wenn einer wirklich behaupten kann, er sei „vom Fach“, dann ist es Zachmann. Der begeisterte Bergsportler und Snowboardfahrer hat Sportrecht studiert, ist Fachsportlehrer und staatlich geprüfter Snowboardlehrer. Seit 2013 steht er dem DSLV-Bezirk München vor, er ist Mitglied des DSLV-Aufsichtsrats und gehört seit 2008 der Vorstandskommission „Profi-Schule“ sowie dem Kompetenzteam Recht und Steuern an.

Der Mann, der sich mit Big Turns und Paragrafen gleichermaßen auskennt, formuliert für den DSLV ein klares Ziel: Er will den vom Bergführerverband zertifizierten „Freeride-Guide“ für staatlich geprüfte Skilehrer zum „Winterbergführer“, also zum österreichischen Skiführer ausbauen. Er selbst hat diese Ausbildung in Felix Austria absolviert und darf dort jetzt als Ein-Mann-Unternehmen entsprechende Touren anbieten; aber eben nur in Österreich und nicht hierzulande – weil die Anerkennung noch aussteht. „Die Ausbildung wird bei unseren Nachbarn in der Alpenrepublik stark nachgefragt und ist auch richtig gut gemacht“, lobt Zachmann. Er hofft deshalb, dass die Gerichte diesen Winter den Klägern grünes Licht geben werden und nicht auf dem Standpunkt beharren: Was es bei uns nicht gibt, können wir auch nicht anerkennen.

Zachmann findet, dass die beiden großen Trends im Skisport – Skibergsteigen und Freeriden – nicht nur von ein und derselben Berufsgruppe beackert werden können: „Viele Freerider wollen die Tipps der staatlich geprüften Schneesportlehrer.“ Ihm gefällt deshalb das kanadische Modell, das neben dem international anerkannten, staatlich geprüften UIAGM-Bergführer weitere offizielle Sparten-Ausbildungen kennt: für Fels, Eis, Schnee und Wandern. Level-III-Snow-Guides, die oftmals von kanadischen Heliski-Veranstaltern eingesetzt werden, stünden einem österreichischen Skiführer in nichts nach.

Grundsätzlich findet es Zachmann wichtig, dass Freeride-Kunden über das Restrisiko aufgeklärt werden, siehe Valluga. Und: „Ein seriöser Veranstalter hat immer beide Berufsträger in seinem Team und engagiert für anspruchsvolle Touren ohnehin einen Bergführer.“ Kunden empfiehlt er, sich Zeit zu nehmen für die Suche nach dem richtigen Anbieter (Skischule oder Bergschule?) und noch vor der Anmeldung zu einem Kurs oder einer Tour die richtigen Fragen zu stellen: Wer trifft Entscheidungen: der Guide allein, oder die Gruppe gemeinsam? Reisen die Führer von zuhause mit an, oder sind das Locals? Wer ist sonst noch in der Gruppe und wie groß und homogen ist diese? Sind alle mit Lawinen-Airbags ausgerüstet?

Ach ja, um es noch komplexer zu machen: Auch der Deutsche Skiverband (DSV), der mit dem DSLV nicht gerade eng befreundet ist, bietet eine Ausbildung zum Freeride-Guide an. Sie dauert derzeit zwei volle Wochen.

Den Nicht-Juristen unter den Freeridern würden die Verbände vermutlich einen großen Gefallen tun, wenn sie ihre Ausbildungen endlich vereinheitlichen. In einem zweiten Schritt müssten sich dann die Alpenländer untereinander verständigen. Doch das bleibt vermutlich Wunschdenken. Warum sollte beim Freeriden gelingen, was schon bei etablierten Skischul-Aktivitäten nicht funktioniert?

Ein schönes Beispiel für gelebten Protektionismus ist das Tiroler Skischulgesetz. Wollen ausländische Skischulen mit einer Gruppe für den Unterricht nach Österreich reisen, müssen sie ziemlich viele Dokumente vorlegen: Haftpflichtversicherung, Personalausweise, vor allem: den Geldbeutel öffnen für Gebühren aller Art. „Bis zu 150 Euro pro Lehrer werden da fällig, sagt DSLV-Hauptgeschäftsführer Peter Hennekes: „Die Tiroler versuchen, den Ausflugsverkehr möglichst gering zu halten.“ In Vorarlberg oder in Südtirol sei die Situation kaum besser.

Wider Erwarten besser haben es ausländische Schneesportlehrer bei den Eidgenossen. Schweizer Skischulen zahlen gut und erkennen Lizenzen meist ohne Probleme an. Das wiederum stinkt natürlich den Einheimischen.

Besonders eigen und protektionistisch sind, wer hätte es gedacht, die Franzosen. Sie sind wahre Meister im Erfinden bürokratischer Hürden, eigentlich ein Unding in einem Binnenmarkt. Für besonders viel Aufsehen sorgte der Fall des Briten Simon Butler. Er wurde im Wintersportort Megève von Polizisten abgepasst, als er im Sessellift saß. Die Gendarmen nahmen ihn fest, verhörten den 51-Jährigen neun Stunden lang auf dem Präsidium und steckten ihn in eine kalte und dunkle Zelle. Erst am folgenden Morgen kam er frei, doch die Staatsanwaltschaft klagte ihn an und drohte ihm mit einem Jahr Gefängnis. Der Vorwurf: Er soll ohne eine gültige französische Lizenz Ski-Unterricht gegeben haben.

Text: Günter Kast
Fotos: DSLV, VdBS, Günter Kast

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