WETTER STEIN GRAT

Vor mir liegen mehr als 7000 Höhenmeter. Über 70 Kilometer, im teils ausgesetzten und brüchigen Wettersteinfels. Die Zugspitze, der Blassen- und der Jubiläumsgrat und noch viel mehr. Insgesamt ist die Gesamtüberschreitung des Wettersteinmassifs eine Aneinanderreihung von sieben strammen Tagestouren.

Mein Name ist Michi Wohlleben und ich glaube, dass die Überschreitung in weniger als 35 Stunden möglich ist. 

Das Wettersteingebirge war für mich schon immer ein riesiger Spielplatz. Schon mehr als eine Erstbegehung ist mir dort gelungen. Viel Zeit habe ich dort verbracht. Besonders reizt mich, dass man dort ganz einsam sein kann, wenn man doch nur die ausgetretenen Wege verlässt. 

Betrachtet man das Wettersteingebirge von oben, sieht man ein riesiges Hufeisen. Einen Grat, mit unzähligen Gipfeln. Lange hegte ich schon den Traum, diesen Grat am Stück zu gehen, doch alles schien in weiter Ferne. Für mich war es bisher schlicht unmöglich. 

Und irgendwann gehe ich dann doch die ersten Schritte. Höre in mich hinein. Ruhe. 

Am Abend vorher konnte ich nur schlecht einschlafen. Ich lag im Bus in Schanz, westlich von Mittenwald. Ein Cocktail aus Emotionen wirbelte in meinem Kopf umher, lies mich grübeln, zweifeln, hin und her wälzen. Da war die Ruhe noch eine ganz andere. Eine erdrückende. Fast schon eine Last. Ich wusste, dass ich gut vorbereitet war. Alles was möglich war, habe ich aus mir herausgeholt. Ich war ganz oben! Und jetzt? 

Jetzt liege ich in einem kleinen Bus. Weiß, dass vor mir etwas Großes liegt. Etwas prägendes. Ich mache mir klar, dass ich ein Stück weit Lorbeeren einsammeln kann. Aber auch, dass die Möglichkeit besteht, die nächsten 40 Stunden nicht zu überleben. Warum losgehen, wenn das Leben doch so schön ist? Ich setze alles auf eine Karte. Ich habe gelernt mit diesem Druck umzugehen. Die letzten zehn Jahre gehe ich mit diesem Druck um, umso älter ich werde, umso besser kann ich damit umgehen und dieses Mal überwiegt die Neugierde, die Freude.

David ist bei mir. Zumindest für die ersten sechs Stunden. Es tut gut mitten in der Nacht einen Freund bei mir zu haben und so teilen wir gemeinsam den wenigen Fels, den unsere Stirnlampen erleuchten. Schritt für Schritt, Höhenmeter für Höhenmeter. Fast 1300 davon haben wir hinter uns gelassen, als wir auf der Oberen Wettersteinspitze stehen. Der Tag kündigt sich langsam an. Ein orangeroter Streif erscheint weit hinter dem Walchensee. Schnell etwas trinken und dann weiter Richtung Rotplattenspitze. Hinter ihr sehen wir ein kleines Licht, das durch die kühle Morgenluft zu uns hinüberscheint. Beinahe 15 Kilometern Luftlinie von uns entfernt. Die Zugspitze. Wäre doch nur unsere Strecke auch nur 15 km lang…

Als es die Sonne dann über den Horizont schafft, bringt sie die Felswände zum Glühen. Die warmen Farben, die Sonnenstrahlen auf meiner Haut spornen mich an. Die dunkle, archaische Bergwelt, sie wird bunt, beginnt zu leben. Ein wunderschöner Morgen. Und auch wenn jetzt erst einmal die Dunkelheit verschwunden ist, wird mir bald ein anderes Problem Sorgen bereiten. 

Wir schütteln die Nacht und die mystische Stimmung von uns. Und trotzdem bin ich noch immer froh, dass David mich begleitet. Wir haben uns unterhalten und abgelenkt von den Strapazen, die noch vor mir liegen. Gemeinsam stehen wir noch auf vier weiteren Gipfeln, bevor wir nach sechs Stunden die Meilerhütte erreichen. 

David gönnt sich ein Feierabend-Radler und eine Zigarette. Für mich gibt nur ein paar Gabeln Pasta. Dann trennen sich unsere Wege. 

Allein steige ich weiter. Im zweiten bis dritten Grad, immer auf der Schneide. Aber die Sonne brennt. Früh fängt sie damit an, mich gnadenlos schwitzen zu lassen. Ich teile meine Kraftreserven ein, reduziere das Tempo ein wenig. Jetzt ist Gespür für meinen Körper und Vertrauen in mein eigenes Können gefragt, um nicht zu viele Körner zu verbraten. Niemand lenkt mich mehr ab. Es gibt nur mich und den Fels. Viel Fels.

Signalkuppe. Die Dreitorspitzen. Scharnitzspitze. Oberreintalschrofen. Hundstallkopf. 

Aber irgendwann kommt dann doch meine mentale Stütze in Sichtweite. Bezi erwartet mich. Es tut gut seine Hand zu schütteln, denn ich weiß, dass die nächsten Kilometer es in sich haben werden. Auch wenn Bezis Hauptaufgabe es ist, eine Kamera auf mich zu richten, profitiere ich unheimlich von seiner Anwesenheit. Wir reden viel miteinander, während wir uns durch den Schotter hinunter und später wieder hinauf kämpfen. Zum Beginn des Teufelsgrates. Eine der psychischen Schlüsselstellen der Monster-Tour. Der letzte große Grat bevor das Gatterl kommt. Nach drei Stunden trennt sich Bezi wieder von mir.

Drei Kilometer Luftlinie ist dieses Wegstück lang. Es besteht aus unzählig vielen Türmen und Spitzen, die über- oder umklettert werden müssen. Links wie rechts ist das Gestein bröselig und brüchig, ausgesetzt, erreicht den dritten Grad. Zum ersten Mal merke ich, wie stark meine Psyche belastet wird. Ich bin gestresst, doch der Grat zieht sich mehr und mehr in die Länge. Die Hitze. Der Fels. Noch mehr Fels. Es nimmt kein Ende. Zweifel.

Seit mehr als 15 Stunden bin ich auf den Beinen. Aber das Wetter scheint es noch einmal gut mit mir zu meinen. Quellwolken verdecken die Sonne. Es wird kühler. Ich kann wieder Gas geben, beschleunige meine Schritte und kann endlich wieder so unterwegs sein, wie ich es am meisten mag: Schnell!

Hochwanner. Kleiner Wanner. Hoher Kamm. Gutmütiges Gelände. Es lässt mich rasch vorankommen. Bis zum Gatterl, wo ich auf einer grünen, saftigen Wiese stehe. Kühe weiden hier oben, die Wege sind breit und ausgetreten. Ein guter Ort um mentale Stärke zu tanken. Hier treffe ich auf Alex, meinen Trainer. Beinahe zwanzig Stunden und über 4000 Höhenmeter habe ich bis hierher zurückgelegt. Ich setze mich ins Gras, zwischen die Blumen. Mein Physiotherapeut Klaus Isele ist auch da. Er drückt ein wenig auf mir herum, dreht und beugt meine Gelenke. Er lacht: „Ist ja langweilig! Der Junge ist fit!“

Alex wird mich die nächsten Stunden über begleiten. Mit ihm habe ich in den vergangenen Monaten sehr viel Zeit verbracht. Er organisierte und koordinierte mein Training. Begonnen habe ich damals mit einen sechswöchigen Grundlagenblock. Wir steigerten das Pensum danach drei Monate lang. Später kam zu diesem Pensum noch wöchentlich eine 15-Stunden-Einheit am Grat dazu. 600 Stunden Training insgesamt. Alex passte alles genau auf mich und mein Vorhaben an. Es gab gute Tage und es gab saumäßig schlechte Tage. Ich war komplett ausgelastet. Ich biss die Zähne zusammen. Machte immer weiter. 

Am Gatterl ziehen wir uns die Klettergurte an und steigen in die Dämmerung. Ich kenne das Klettern in der Nacht gut. Trotzdem sind es immer wieder die letzten Momente vor der völligen Dunkelheit, in denen man noch schnell versucht, möglichst viel herauszuholen. Und als die Nacht über uns alles Licht verschluckt hat, ist sie plötzlich wieder da. Die Ruhe. Wieder wiegt sie schwer auf meinen Schultern. Sie drückt und zerrt diesmal scheußlich an mir, denn sie hat nichts Gutes im Gepäck. Immer wieder zucken helle Blitze durch sie hindurch. Wir laufen nachts über einen exponierten Grat, auf fast 3000 Metern Höhe, direkt in ein Gewitter hinein. Angst!

Eine halbe Stunde später ist das Gewitter da. Wir fliehen weiter nach vorne, schauen uns um und hoffen. In der Dunkelheit finden wir dann doch noch irgendwie eine kleine Höhle, 50 Meter unter dem Grat, gerade so groß, dass wir unsere Beine unter den Überhang ziehen können. Ohnmächtig sitzen wir in der Falle. Sieben nicht enden wollende Stunden lang.

In dieser Zeit stirbt das Projekt für mich. Es gibt keine Chance mehr, den Grat in weniger als 35 Stunden zu gehen. Es ist vorbei. Alles ist vorbei. Es hagelt.

Wir haben nicht genug Wasser und Proviant um sieben Stunden in einer Höhle zu sitzen. Es ist kalt, an Schlaf ist nicht zu denken. Meine frierenden Muskeln rebellieren. Um 2 Uhr nachts denken wir darüber nach, unsere Höhle zu verlassen. Doch der Fels ist klatschnass und so warten wir zwei weitere lange Stunden. Im ersten Licht kriechen wir dann wie zwei Bären nach dem Winterschlaf hinaus. Alles läuft schrecklich langsam, kostet unendlich viel Kraft. Mit der Enttäuschung und der verloren Zeit zurecht zu kommen ist schwierig und raubt mir noch mehr Energie.

Ein Schutthaufen liegt vor uns. Steil, brüchig, kurz vor dem einstürzen. Weit entfernt vom Genussklettern steigen wir durch letzte Regenwolken. Doch genau die nötige Konzentration, die für dieses Gelände nötig ist, erdet uns. Wir finden unseren Fokus wieder. Meter für Meter werden wir wieder schneller und finden neue Lebensgeister. 

Die Plattspitzen. Wetterwandeck. Wetterspitzen. Schneefernerkopf. Und nach 32 Stunden Gehzeit die Zugspitze.

Wir brechen ein, in das Chaos und die Zivilisation hier oben. Menschen, Metallstufen und Leitern. Im dichten Nebel ist trotzdem viel los. Ein Stück Kuchen, eine heiße Tasse Kaffee. Und schnell wieder raus in die Suppe, durch die Menschenmassen, hinaus auf den Jubiläumsgrat. Acht Kilometer. Für die meisten eine anstrengende Tagestour. Für uns nur ein kurzer, aber guter Start in den Tag. Schnell kommen wir über die Höllentalspitzen und vorbei an der roten Biwakschachtel. Und trotzdem: Meine Muskeln sind müde. Schwierige Passagen müssen abgeklettert werden. Langsam stehe ich neben mir, ohne es zu merken.

Ich weiß, dass ich auch nach einer so langen Belastung noch gut funktioniere und das ist ab sofort auch alles worauf ich vertrauen kann. Stunde für Stunde vergeht. Es gibt keine Motivation mehr. Nur noch Funktion. Der Blassengrat, der sich direkt an den Jubigrat anschließt, kommt mir vor wie ein kurzer Gang zum Bäcker. Das Denken funktioniert nicht mehr gut, das Klettern aber schon. Ich höre einfach nicht auf. Nicht aufhören! Jetzt nicht mehr! Ich bring´ das Ding nach Hause!

WETTERSTEINGRAT
7000 Höhenmeter, 70 Kilometer, 40 Stunden

„Ich stelle mir oft die Frage warum ich das mache. Ob das sein muss. Ob es das wert ist. Eine richtige Antwort auf diese Frage habe ich noch nicht gefunden. Alles was ich weiß ist, dass ich nicht wieder gehen würde, wenn es mir nicht auch extrem viel geben würde. Wenn ich irgendwann einmal die Antwort kenne, werde ich vielleicht auch nicht mehr gehen.

Aber ich bin davon überzeugt, dass man den Grat auch in weniger als 24 Stunden gehen kann…“

Michael Wohlleben

Text: Benni Sauer
Bilder: Alexander Fuchs (Fuxografie) & Whiteroom Productions

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