„Wild, einsam, ursprünglich“: Skitouren im Lechtal

In allen Farben des Spektrums funkeln die hauchdünnen, zentimeter-großen Kristalle des Oberflächenreifs, als wir endlich das schattige Tal des Sommerbergbachs hinter uns lassen und nahe des Putzenjochs in die Sonne eintauchen. So langsam kehrt die Betriebstemperatur in unsere Muskulatur zurück – und die Motivation in unseren Kopf. Eigentlich haben wir noch viel vor, an diesem bitterkalten Januartag. Doch das wäre uns beinahe während der letzten Stunde Aufstiegs in diesem Kühlschrank vergangen. Schließlich wollen wir noch ganz auf den Gipfel der Namloser Wetterspitze (2553 m), einen der Parade-Skitourengipfel der Lechtaler Alpen.

„Wild“ – „Einsam“ – „Ursprünglich“ sind Schlagworte, die den eigentümlichen Reiz des Lechtals ausmachen.

Das Tiroler Lechtal, Heimat eines der letzten großen Wildflüsse Europas, wird von den Allgäuer und den Lechtaler Alpen eingerahmt, den flächenmäßig größten Gebietsgruppen der Nördlichen Kalkalpen. Auch der einzige Dreitausender der Nördlichen Kalkalpen, die 3040 Meter hohe Parseierspitze, ist in den Lechtalern zu finden. Das oberste Lechtal, das zum Bundesland Vorarlberg gehört, glänzt mit seinen Skiorten Lech und Zürs am Arlberg – die Wiege des alpinen Skisports – als weltbekannte Wintersportregion. Sie bietet all-winterlich tausenden von Skitouristen hunderte von Kilometern präparierter Pisten und Variantenabfahrten sowie ein Potpourri aus Aprés Ski und Glamour. Jäh ebbt der Rummel ab, sobald man die Tiroler Landesgrenze passiert hat und sich weiter das Tal hinabbegibt. Der größte Teil zwischen Steeg in Tirol und Füssen, wo sich der Lech nach über 70 Kilometern seinen Weg in die deutsche Voralpenlandschaft bahnt, ist noch immer touristisch wenig erschlossen. Die Ursprünglichkeit und Wildheit, die dem Tal innewohnen, locken eine andere Art von Besucher an, die Stille und Natürlichkeit dem animierten Landschaftskonsum des Arlberger Skizirkus vorziehen. Schon lange haben die Skiwanderer, Schneeschuh- und Skitourengeher dieses kleine Paradies im Winter für sich entdeckt, ganz im Sinne der „Naturparkregion Lechtal“, die auf einen „Sanften Tourismus“ setzt.

Lange Zeit galt das Lechtal als „Armenhaus Nordtirols“. In dieser strukturschwachen Region, fast ausschließlich karger Landwirtschaft und wenig ertragreicher Milchwirtschaft verschrieben, mussten Familien und Gemeinden schon immer um ihr Überleben kämpfen. Ab dem 17. Jahrhundert zogen etwa 4000 Kinder jährlich aus dem Alpenraum nach Oberschwaben aus, um dort Beschäftigung in der Landwirtschaft über den Sommer hinweg zu finden und ihre darbenden Familien zu unterstützen, darunter auch viele aus dem Lechtal – die „Schwabenkinder“. Heute erweist sich dieser Mangel gewissermaßen als Reichtum. An Natur, liebevoll gepflegtem Kulturland, unverbauter Landschaft, unerschlossener Bergregionen. Lange Zeit waren diese Naturschätze zu nichts Nutze und ungeliebt. Heute sind sie das Gründungskapital eines Sanften Tourismus, der auf Klasse statt Masse, Aktivität statt Animation, Entspannung und Achtsamkeit anstelle von Action und Aprés Ski setzt. In dieses Bild passt das Skitourengehen hervorragend hinein.

Dabei sind die Berge im Lechtal sind nicht gerade „skitourenfreundlich“, wie etwa die Kitzbühler Alpen oder die Niederen Tauern. Schroffe Formen, felsige Wände und steile Hänge dominieren den Großteil der Allgäuer und Lechtaler Alpen. Viele Skirouten eignen sich nur für erfahrene Könner, beinhalten einen längeren Talzustieg oder eine ausgeprägte Wald- und Krummholzstufe. Wer hier nach Ideal-Skigelände sucht, wird vielfach enttäuscht werden. Worin liegt dann aber der Reiz dieser Berge? Es gibt viele anspruchsvolle Ziele in den Lechtalern und viele davon werden kaum begangen. Tatsächlich sind in der Landkarte der Lechtaler Alpen über 600 benannte, mit Höhenkote versehene Gipfel verzeichnet. Noch einmal auf dieselbe Zahl trifft man in den Allgäuer Alpen.

Dennoch finden sich für konditionsstarke Genießer auch einige nahezu perfekte Skitourenziele. Zum Beispiel das 2.109 Meter hohe Galtjoch vom kleinen Weiler Rinnen aus, das beliebt und technisch relativ einfach ist, zudem eine der Unternehmungen in den Lechtaler Alpen, die man auch bei nicht ganz optimalen Verhältnissen angehen kann. Die Tour verlangt knapp über 1.000 Höhenmeter und bietet besonders im oberen Teil schöne, sanfte und weitläufige Hänge. Oder der 2.210 Meter hohe Hahnleskopf, der mit einem, für Lechtaler Verhältnisse, untypisch kurzem Zustieg aufwartet. Als „Hausberg“ des Edelweiss-Hauses, erhebt er sich gleich oberhalb der Ortschaft Kaisers und führt mit 700 Höhenmetern über eine sonnenverwöhnte Südwestflanke und -rücken auf einen wahrhaft paradiesischen Aussichtsgipfel hinauf. Die Namloser Wetterspitze (2.553m) zählt zu den Renommierzielen in den Lechtaler Alpen und fällt durch ihre ebenmäßige Pyramidenform auch von weiter entfernten Gipfeln auf. Eine gute Kondition und sichere Lawinenverhältnisse sind Voraussetzung für die Unternehmung. Vom Parkplatz geht es zunächst auf einer Fahrstraße hinauf nach Fallerschein, einer idyllischen, malerischen Siedlung mit ca. 40 Blockhütten. Sie gilt als eines der größten Almdörfer Tirols. Weiter steigt man taleinwärts und linkshaltend zum Putzenjoch hinauf, bevor über schönes, freies Skigelände und die riesige Westflanke der Gipfel erreicht wird.

Auch wenn das Lechtal nach wie vor als „nicht überlaufen“ gilt, ist es nicht mehr so ruhig wie noch vor 20 Jahren. Gerade an den Ausgangspunkten beliebter Skitouren im Winter sind die Parkplätze regelmäßig an den Wochenenden überfüllt. Die gestiegene Popularität bringt natürlich Konsequenzen für den Lebensraum Lechtal mit sich. Eines der großen Probleme im Lechtal ist tatsächlich der Verkehr.  Erst vor kurzem wurden Motorräder mit mehr als 95 Dezibel Standgeräusch im Lechtal ausgeschlossen, weil es den Anwohnern allmählich reichte. Leider sind auch die meisten Skitouren Motorsportveranstaltungen, da die Anreise meist mit dem Auto erfolgt, gerade in einem Tal wie dem Lechtal ohne Zugverbindung. Das Problem beschränkt sich nicht nur auf den entstehenden Lärm. Anwohner in Kelmen beschweren sich darüber, dass die Tore zum Wertstoffhof und zur Garage des Loipenspurgeräts jedes Wochenende zugeparkt werden. Die wenigen Parkplätze am Ausgangspunkt zu beliebten Touren, wie Galtjoch oder Hintere Steinkarspitze genügen schon lange nicht mehr dem allwöchentlichen Ansturm der Skitourengeher in den Wintermonaten. Es wird wild irgendwo am Straßenrand der engräumigen Passstraße geparkt – nicht selten ein Verkehrsrisiko für die von oder nach Namlos und Berwang fahrenden Fahrzeuge.

Was tun, um dieses Problem zu lösen? Beispielsweise Fahrgemeinschaften bilden oder auch einmal ein paar Meter mehr zum Beginn der Skitour zu laufen, wenn der Parkplatz bereits voll ist. Die lokale Infrastruktur nutzen, ein Wochenende im Hotel zu verbringen oder nach der Tour im Gasthof einkehren, anstatt nur zu einer Tagesunternehmung hinein- und wieder hinauszudüsen. Wir als Wintersportler müssen die örtliche Bevölkerung davon überzeugen, dass wir tatsächlich zum „Sanften Tourismus“ dazugehören und sie auch ökonomisch etwas von uns hat – und nicht nur kommen, um Landschaft zu konsumieren, Probleme zu verursachen und Dreck dazulassen. Dann werden wir als Skitourengeher auch in Zukunft noch im Lechtal willkommen sein und nicht ausgesperrt werden, wie die Motorradfahrer! Die Wetterspitze jedenfalls ist uns für den Rest des Tages wohlgesonnen. Dank der Kälte ist der Schnee auch in der Sonne noch schön locker geblieben und stiebender Pulverschnee hüllt uns in kleine weiße Wolken, als wir jauchzend die steilen Gipfelhänge hinunterjagen.

Text & Bilder: Alix von Melle

Tourenvorschläge (Tourengebiete): 
Leicht: Galtjoch (Berwanger Tal), Hahnleskopf (Kaisers)
Mittel: Hintere Steinkarspitze (Namloser Tal), Schwarzer Kranz (Kaisers)
Anspruchsvoll: Namloser Wetterspitze (Namloser Tal), Feuerspitze (Kaisers)

Anreise:
Das Lechtal erstreckt sich von Lech am Arlberg bis Füssen. Anreise mit der Bahn über Reutte und Füssen. Anreise mit dem Auto über Reutte oder das Tannheimer Tal / Weißenbach. Die Verbindungen Lech-Warth sowie die Hahntennjochpass-Straße nach Imst sind in den Wintermonaten gesperrt und können nicht befahren werden.

Infos:
Lechtal Tourismus
www.lechtal.at | info@lechtal.at

Orientierung:
Kompass-Karte: 24 Lechtaler Alpen – Hornbachkette, 1:50.000, Detailkarten 1:25.000
AV-Karten: BY4 Allgäuer Hochalpen, 2/2 Allgäuer-Lechtaler Alpen Ost, 3/2 Lechtaler Alpen – Arlberggebiet, 3/3 Lechtaler Alpen – Parseierspitze, 3/4 Lechtaler Alpen – Heiterwand, 4/1 Wetterstein und Mieminger (jew. Weg/Ski-Ausgabe, alle 1:25.000) Skitourenführer: Lechtaler Alpen, D. Elsner und M. Seifert, Panico Verlag 2019

Lawinenlagebericht:
Tirol/Vorarlberg: www.lawine.at

Wetterbericht:
www.alpenverein.de
www.zamg.ac.at
www.vol.at/wetter (Vorarlberg, sehr gut auch für die Lechtaler Alpen)

Webcams:
www.lechtal.at/naturparkregion-lechtal/webcams

Stützpunkte / Übernachtungen:
Im gesamten Lechtal gibt es Zimmer, Pensionen, Hotels und Ferienwohnungen. Auch in den kleinen Orten der Seitentäler sind Unterkünfte zu haben. Unter http://www.lechtal.at sind alle Verkehrsämter mit Telefonnummern und E-Mail-Adresse zu finden. Die einzige ganzjährig geöffnete Alpenvereinshütte ist das Edelweißhaus in Kaisers (www.dav-edelweisshaus.at).

Alle anderen AV-Hütten sind im Winter und Frühjahr geschlossen. Die angegebenen Touren sind an einem Tag vom Tal aus zu bewältigen.

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