Wo die wilden Kerle – und Mädels! – wohnen

„Wie lange noch?“, krächzt es von der Rückbank hervor. Seit Stunden sitzen die Kinder nun schon brav in ihren Sitzen, harren der Dinge, die da kommen. Aber was kommt denn da überhaupt? 

Papa fährt sicher wieder in die Berge. Und wenn er uns mitnimmt, dann passiert eigentlich immer irgendetwas richtig Cooles! 

Dass wir die österreichische Grenze passiert haben ist schon lange kein Geheimnis mehr. Auch das Schild an der letzten Abzweigung wurde lauthals kommentiert: „Ins Pitztal?“ Mit großen Augen schauten mich die Kinder an und um die Spannung noch ein klein wenig aufrecht zu erhalten, zuckte ich unwissend mit den Schultern. Jetzt kurven wir durch das enge Tal, immer der Pitze entgegen, weiter und weiter bergauf. „Papa?“ höre ich dann ganz leise von hinten, so leise, wie ein Kind nur spricht, wenn es verträumt aus dem Fenster schaut. „Papa, wo wohnen wir denn da?“ Jetzt hätte ich natürlich sagen können, dass wir auf dem Alm- & Reithof Pitztal, in einem wunderbaren, familienfreundlichen Umfeld leben werden, doch noch ein letztes Mal möchte ich die großen Augen der Kinder sehen und drehe mich um. „Wir wohnen da – da wo die wilden Kerle wohnen!“ 

Kerle? Ob da auch Platz für mich und meine kleine Schwester ist?

Wenig später springen zwei neugierige Jungs aus dem Auto, gefolgt von zwei Mädchen, die ihr Glück kaum fassen können. Mit hohen Bergen, jeder Menge Natur und dem tollen Spielplatz direkt vor dem Haus, damit haben sie vielleicht noch gerechnet. Mit zehn wunderschönen Haflingern dagegen, die so malerisch in der Szenerie stehen, als hätte sie gerade ein Pinsel dort hineingemalt, damit haben sie nicht gerechnet. Ich übrigens auch nicht. Ruhig stehen die Pferde auf ihrer Weide, direkt hinter der Rutsche, dem Klettergerüst und dem Hasenstall. 

„Hallo!“, grüßt es da plötzlich zu mir. Gisela Eiter steht strahlend in der Tür des schönen Hofes. Auch die Töchter Vanessa und Beatrix empfangen uns, zeigen uns das Gelände, das Haus und das große Appartement, wo wir unsere ganze Rasselbande problemlos unterkriegen werden. „Herzlich willkommen!“ Guten Gewissens lassen wir die Kinder noch ein wenig auf dem Spielplatz herumtoben – lange genug mussten sie jetzt stillsitzen. Innerhalb kürzester Zeit lernen die Kinder dort das ganze Hof-Team kennen. Fredl und Hermann, die Jungs Lorenz und Serafin, Oma Uschi und Opa Reinhard.

Was hat denn da Papa erzählt? So wild sind die doch gar nicht!

Am Abendessen sitzen wir gemütlich im warmen Appartement und lassen es uns gut gehen. Die Vorfreude ist groß, auch wenn der Plan für die nächsten Tage noch schwammig ist. Auf durchwachsenes Herbstwetter müssen wir uns einstellen und deswegen so spontan wie nur irgendwie möglich sein. „Wo sind denn jetzt die wilden Kerle?“, fragt mich plötzlich die Kleine so, als könnten sie sich in jeder Zimmerecke versteckt halten. „Die wilden Kerle? Aber das sind doch wir!“, kläre ich die Sache endlich auf. „Wir werden durch die Wildnis wandern, auf dem Rücken der Pferde. Wir werden wilde Wasserfälle und wunderschöne Naturjuwele besuchen. Und wir werden anderen wilden Gestalten begegnen: Gletscherfeen, Riesen und ganz besonderen Murmeltieren!“

Ob da auch wilde Mädels wohnen können, kommt es sogleich hervorgeschossen. „Aber ganz bestimmt“, beruhige ich meine Tochter, streiche ihr über ihre, vom Spielplatz noch immer fürchterlich zerzausten Haare und schaue zu, wie sie spaghettischmatzend von den Haflingern erzählt. Wilde Kerle – wilde Mädels. Glücklich bin ich, endlich entspannt. Und voller Vorfreude!

Der nächste Tag beginnt im hinteren Pitztal unter einer dicken Wolkendecke. Hier und da fällt ein Tropfen, was die Kinder nicht daran hindert, schon vor dem Frühstück bei den Pferden zu sein. Geduldig heben sie Grasbüschel über den Zaun und manchmal holen sich die Tiere sich sogar ein paar Streicheleinheiten von ihnen ab. Zwei Tassen Kaffee und einige geschmierte Semmeln später, stehen wir vor dem Pferdestall. Beatrix hat uns hier schon erwartet und einige Vorbereitungen getroffen. Jetzt holt sie drei der schönen Haflinger von der Weide. 

Koppel! Papa, das heißt Koppel! Du weißt aber wirklich nicht viel über Pferde! 

Zugegeben, den Tieren bin ich tatsächlich noch nie sehr nahegekommen. Froh bin ich deswegen über ihre Größe, denn die Tiroler Haflinger gehören noch zu den Kleinpferdrassen. 

Hallo Suli! Mein Name ist Lia. Ich striegle dich jetzt ein wenig. Danach satteln wir dich und dann werden wir gemeinsam einen kleinen Ausflug machen, ok?

Vorsichtig streicht ihre Hand über Sulis Hals. Ganz ruhig sind die beiden geworden und wie sie da stehen, beginne ich zu glauben, dass meine achtjährige Tochter tatsächlich mehr über Pferde weiß als ich. Viel mehr!

Beatrix behält einen wunderbaren Überblick, organisiert und koordiniert und schon nach kurzer Zeit sitzen wir auf den Rücken der Tiere. Schaukelnd versuche ich die Balance zu halten, während die Kids nicht nur so tun, sondern auch so aussehen, als hätten sie in den letzten Jahren nichts anderes gemacht.


Schon bald geht es über Stock und Stein, hinab zur Pitze. Der Gebirgsfluss strömt rauschend an uns vorbei, während sich die Tiere gekonnt durch die dichte Vegetation tasten. Vorbei an gigantischen Farnen, blühenden Sträuchern und mannshohen Felsbrocken, die so wirken, als hätten Riesen sie von den Gipfeln heruntergetragen und hier abgelegt. Stundenlang sind wir so unterwegs. Auf den Pferden, die nicht nur typisch für die Region sind, sondern auch wunderbar den hiesigen Verhältnissen trotzen. Außerordentlich geschickt in steilem Gelände, robust was Kälte und Nässe angeht und bestens als Familien- und Freizeitpferde geeignet, tragen uns die starken Tiere weiter durch die Wildnis. Als hätten die Kinder das Glück der Berge nicht schon längst auf dem Rücken der Pferde gefunden, so reißt doch auch noch bald die Wolkendecke auf und gibt den Blick frei. Hinab, zum Eingang des Pitztals, wo irgendwo, eintausend Meter unter uns, der Inn fließt. Aber auch hinauf, zu den Gletschern, deren Schmelzwasser die Pitze speist. Hoch über unseren Köpfen thront der fast 3300 Meter hohe Fernerkogel, dessen hängendes Eisschild jetzt silbern in der Sonne glitzert. Das alles verbindet sich zu einem intensiven, wilden Erlebnis, das nur noch mit einem Abstecher in die Pitze gekrönt werden kann. Ja, richtig gelesen: Wir queren kurzerhand die Pitze an einer seichten Stelle, bekommen einige Wasserspritzer ab, erreichen aber trotzdem trockenen Fußes das gegenüberliegende Ufer. Glückliche Kinder strahlen mich an, hier ein lässiger Cowboy, dort eine stolze Indianerin. Und auch Beatrix merkt, dass der Ausritt ein voller Erfolg war. Kaum einen Mucks haben die Kinder in den letzten Stunden von sich gegeben, so gespannt, konzentriert und aufgeregt ritten die wilden Kids durchs wilde Pitztal. Am Abend verabschieden wir uns von den Tieren, die jetzt wieder auf ihre schöne Weide – Verzeihung: Koppel dürfen.

Danke Suli! Morgen, wenn die Sonne wieder aufgeht, dann pflücke ich dir wieder deine Lieblingskräuter. Gute Nacht!

Der nächste Morgen beginnt, wie versprochen, mit einer Fütterung der Pferde. Bis in die späten Vormittagsstunden lassen wir gemeinsam die Zeit vergehen, kuscheln mit den Hasen und Meerschweinchen, lernen noch mehr über die Haflinger und die Bergwelt um uns herum. Einen ganz besonderen Weg, so erfahren wir, soll es hier noch geben. Voller spannender Geschichten und mysteriösen Ereignissen. Der Pitztaler Sagenweg hat schnell unser aller Interesse geweckt und nur einige Autominuten später wandern wir ihn gemächlich bergauf. Von Mittelberg, der letzten kleinen Ortschaft im Tal, stoßen wir so in die mächtige Bergwelt hervor, lassen Autos, Straßen, Lärm, ja die gesamte Zivilisation weit hinter uns. Der Sagenweg schlängelt sich bald schon hübsch durch den Hang. Selbst der Kleinste, gerade erst drei Jahre jung, kommt hier gut zurecht und wenige Augenblicke später ist die erste Tafel erreicht. Sie erzählt von den Saligen, feenhaften Frauengestalten, die einst hier im Tal lebten. Die gutmütigen Wesen halfen den Menschen, wo immer sie konnten. Doch wehe die Menschen meinten es nicht gut mit den Tieren, ganz gleich ob Vieh im Stall oder Wild am Berg. Dann nämlich zogen sie als wilde Rachegeister durch das Tal und urteilten über die Täter.

Mehreren solcher Tafeln begegnet man auf dem Sagenweg. Da ist die Rede von einem Riesen, der in den Tirolern Bergen gelebt haben soll. Auch er machte sich gerne mit seiner Kraft bei den Menschen nützlich. Doch als zwei freche Burschen ihn zu sehr neckten, warf er mit schweren Felsbrocken und verschwand auf Nimmerwiedersehen. 

Jetzt weiß ich also, woher die großen Steinbrocken unten im Tal kommen. Ob er vielleicht mal wieder vorbeikommt?

Weiter oben öffnet sich dann der Blick in das wilde Tal, wo man deutlich sehen kann, welche Arbeit der einstige Gletscher hier verrichtet hat. Schon möchte ich meinen Finger heben, doch ich beschließe, den Kindern heute einmal nicht zu erklären, warum die Felswände hier so glatt sind, wer die meterhohen Moränen geschaffen und die tonnenschweren Findlinge tatsächlich ins Tal transportiert hat. 

An der Gletscherstube, dem Zielpunkt des Sagenweges angekommen, hören wir das schrille Pfeifen der Murmeltiere. Eifrig suchen die Kinder die Wiesen ab, doch die putzigen Tiere tarnen sich einfach zu gut. Auf der sonnigen Panoramaterrasse erkläre ich den Kindern, warum die Tiere nicht zu sehen sind. Dafür erzähle ich die Geschichte einer weiteren Sagen-Tafel, welche die Kinder am Wegesrand übersehen haben. Sie handelt von den Murmeltieren und einem rauen Zwergenvolk, das in diesem Tal tief unter der Erde lebt.

Das sind sie also! Hier wohnen sie! Die wilden Kerle!

Text & Bilder: Benni Sauer

Kommentar verfassen