Winterstarre?

Es friert in der Bergwelt. Kurze Tage, lange Schatten. Die Wanderschuhe sind schon im Winterschlaf versunken, denn für alle, die weder Ski noch Snowboard fahren, ist die Bergsaison nun vorbei. Oder etwa nicht?

Unternehmungen in den winterlichen Alpen sind immer möglich! Ganz ohne Ski. Winterwandern steht voll im Trend, präparierte Wege erlauben sichere Aufstiege, teilweise bis hinauf in alpines Gelände. Schneeschuhe sind dafür nicht unbedingt nötig, warme Kleidung dagegen schon. Ein Spaziergang über Gebirgspässe oder sogar auf Gipfel: Winterwandern ist immer ein einzigartiges und beeindruckendes Erlebnis.

Bergsteiger, auf der Suche nach Herausforderungen müssen in der kalten Jahreszeit auch nicht die Füße stillhalten. Viele Touren sind oft bis weit in die Adventszeit machbar. Südseitig muss man dabei oftmals noch nicht einmal mit Schnee in Berührung kommen. Doch gerade der kann an den ganz kalten Tagen von Vorteil sein. Erfahrene Alpinisten schätzen den guten Trittschnee und die geringe Steinschlaggefahr in dieser Jahreszeit. 

Ausgefallene Übernachtungsmöglichkeiten sind besonders im Winter ein Highlight und oftmals schon eine Reise wert. Eine Schlittenfahrt ohne, oder noch viel spannender mit Hundegespann, lässt Kanada-Feeling aufkommen. Ein Spaziergang durch tiefe Schluchten, mit glitzernden Eiszapfen und gefrorenen Wasserfällen. Der Winter bietet so Vieles, nur nicht die Zeit für einen Winterschlaf. 

Auf den folgenden Seiten geben wir einen Einblick in verschiedene Möglichkeiten, sich aus der Winterstarre zu lösen. Dazu sei aber gesagt, dass Aktivitäten im Winter besondere Vorsicht erfordern. Einige der vorgestellten Touren sind selbst für absolute Profis und Könner ernste Bergtouren und deswegen nicht als klassische Tourenvorschläge anzusehen. Ein Erkennen und Verstehen der aktuellen Lawinensituation ist unabdingbar, denn selbst in Talnähe, oder auf scheinbar sicheren Hängen, kann man sich im Einzugsgebiet der weißen Gefahr befinden. Außerdem sind die Tage wesentlich kürzer als in den Sommermonaten. Die Sonne verschwindet schon sehr früh hinter den Bergspitzen und gerade nach klaren Tagen, wird es oft schnell empfindlich kalt. Südseitig sind ganze Gebirgskämme oft bis weit in den Winter hinein schneefrei. Nordseitig können aber erhebliche Schneemassen eine große Gefahr darstellen und die Schneequalität im Laufe der tageszeitlichen Erwärmung drastisch an Qualität verlieren. Zusatzausrüstung wie Steigeisen und Pickel sind also auch dann anzuraten, wenn der Berg auf den ersten Blick schneefrei erscheint. Die weiße Winterpracht verhindert oftmals auch ein schnelles Vorwärtskommen. Ein Vielfaches der Zeit ist dann selbst für einfachste Wegabschnitte notwendig. Das gilt vor allem für alpinistische Aktivitäten, bei denen die Schneemassen oder beispielsweise Vereisung sogar einen Abbruch der Unternehmung unumgänglich werden lassen können. Eine defensive Herangehensweise und ein ständiges Offenhalten der Rückzugsmöglichkeiten, ist im Winter also besonders ratsam.


ALLGÄUER ALPEN

Nagelfluhkette
Bis weit in den Dezember sind hier oft Wanderungen ganz ohne, oder mit nur harmlosem Schneekontakt möglich. Von der Bergstation am Mittagberg kann man einfach und sanft ansteigend bis zum Bärenkopf spazieren. Dabei darf man ein wunderschönes Panorama, bis weit über den Allgäuer Hauptkamm genießen. Wer weiter wandern möchte, kann mutig über eine lange, senkrechte Leiter bis auf den Steineberg steigen. Die Umgehung der Leiter entlang der Nordwände des Steineberges kann bei Vereisung schnell heikel werden. In diesem Fall ist der Rückweg und eine Einkehr beim Hüttenwirt am Mittaggipfel empfehlenswert. Bei sicheren Verhältnissen gelangt man problemlos weiter bis auf den Stuiben und kann von dort über die Gundalpe und die Alpe Mittelberg durchs Steigbachtal zurück nach Immenstadt. Bei einer zu hohen Schneelage lässt sich der Bärenkopf und die Umgebung aber auch wunderbar mit Schneeschuhen erkunden. Danach kann man mit geliehenen Snowbikes und Schlitten die außergewöhnlich schöne und lange Rodelpiste hinab ins Tal rauschen. Der Mittag bietet zu jeder Jahreszeit und bei fast jedem Wetter eine Möglichkeit für Outdoor-Aktivitäten mit hohem Spaß- und Genussfaktor.

Hochvogel
Das markante Dreieck. Berühmt, präsent und derzeit in aller Munde. Der winterliche Weg auf den Gipfel ist für geübte Bergsteiger oft auch im Winter machbar. Gute Kondition, Erfahrung im Gehen mit Steigeisen und ein gutes Einschätzen der Schneesituation vorausgesetzt. Aber selbst dann wird eine Besteigung über das Prinz-Luitpold-Haus zu einer anspruchsvollen und langen Unternehmung. 1600 Höhenmeter sind vom Giebelhaus zu überwinden, die mit der erforderlichen Ausrüstung und je nach Schneelage sehr anstrengend werden können. Vom Prinz-Luitpold-Haus steigt man dann erst angenehm ansteigend ins schöne Obere Tal. Dann helfen Stahlseile durch Felsgelände, dass man von hier an bis zum Gipfel durchsteigt. Im oberen Bereich sind die Felsen oft abgeblasen, was ein zügiges Vorankommen ermöglicht. Am Gipfel angekommen, klafft einem ein riesiger Riss entgegen. Der Berg droht auseinanderzubrechen, weswegen Vermessungspunkte und Geräte entlang des Gipfels montiert wurden. 

Rubihorn
Auf der Fahrt nach Oberstdorf sticht einem zur Linken eine gewaltige Felsflanke ins Auge. Die Nordwand des Rubihorns. Im Sommer ein beliebter Wanderberg mit vielen Besuchern, ist der Berg im Winter ein beliebtes Ziel für Profis. Denn dann bietet die Nordwand eine kombinierte Kletterei für Spezialisten in eisigem Gelände. Der sonst brüchige Fels wird vom Frost zuverlässig zusammengehalten und die gefrorenen Graspolster, die in den Rissen wachsen, können manchmal tatsächlich dem Eispickel als Ersatz für Wassereis dienen. Dann erlebt man ein echtes Nordwandfeeling. Düster, steil und frostig.

Von der Gaisalpe steigen die Bergsteiger noch in der Nacht bis an den Schutkegel unter der Wand. Dann werden Steigeisen und Eisgeräte angelegt, bevor die ersten Seillängen im Schnee und Fels durchstiegen werden müssen. Kalte Temperaturen sind dafür zwingend notwendig, eine niedrige Schneelage hilfreich. Denn nur die erste Wandhälfte bietet Kletterei im klassischen Sinne. Die zweite Hälfte wartet mit steilen Schneefeldern und Flanken, in denen Sicherungen schwierig oder gar nicht möglich sind. Absolute Trittsicherheit und Erfahrung sind hier für die Profis notwendig. Große Schneemengen erschweren hier nach der kräftezehrenden ersten Hälfte das Vorankommen enorm und stellen eine erhebliche Lawinengefahr für den unteren Wandteil dar. Die Durchsteigung der Nordwand ist eine der wenigen guten und relativ einfachen Möglichkeiten, im Allgäu das extreme Winterbergsteigen kennenzulernen.


TIROL

Einstein und Aggenstein
Diese beliebten Wanderberge punkten durch schnelle Erreichbarkeit und südseitig ausgerichtete Anstiege. Unschwierig und gut ausgeschildert, ergeben sich oft den ganzen Winter hindurch Möglichkeiten, diese Gipfel zu besteigen. Zum Aggenstein gelangt man auf dem vielbegangenen Weg durch die Bergwälder und hinauf zur Bad Kissinger Hütte. Hat man diese passiert, helfen Stahlseile über Steilstufen. Der Gipfelgrat dort oben kann gefährlich eingeschneit sein. Dann bietet eine kleine Kanzel etwa 30 Meter unter dem Gipfel einen guten Rastplatz mit schöner Aussicht. Ein alternativer Anstieg für Kletterer ist der Hüttengrat. Gut gesichert, nie schwierig und fast immer schneefrei, gelangt man über ihn zum Gipfel.

Der Einsteingipfel ist etwas niedriger als der Aggenstein, doch das Gipfelpanorama ist mindestens genauso schön, wie das des größeren Nachbarn.

Bernhardseck Hütte
Von Elbigenalp führt der Forstweg hinauf zum Bernhardseck, bis auf über 1800 Meter. Eine Höhe, die für viele Sommerwanderer im Winter nur schwer erreichbar ist. Der Aufstieg ist aber denkbar einfach und nur eine konditionelle Herausforderung. Mit zweieinhalb Stunden ist zu rechnen. Dann hat man das malerische Almdörfchen erreicht und kann ein gigantisches Winterpanorama genießen. Auf der Hütte kann man es sich ausgesprochen gut gehen lassen, doch erst die ausgefallenen Schlafideen lassen Bergromantik aufkommen. In runden Holzfässern kann man eine Winternacht in der verschneiten Bergwelt verbringen. Die beheizten Unterkünfte bieten dabei genug Raum für bis zu vier Personen, ein Panoramafenster und sogar Strom! Eine Übernachtung in einem solchen Fass ist eine ganz besondere Bergerfahrung für Jung und Alt. 


WETTERSTEIN

@ GaPa Partnachklamm | GaPa Tourismus | Martin Gulbe

Partnachklamm
Die Partnach fraß sich im Laufe von Millionen von Jahren durch den weichen Kalkstein am Fuße der Zugspitze. Über eine Länge von 700 Metern entstand eine enge, bis zu 80 Meter tiefe Schlucht. Im Sommer tobt hier der Wildbach wunderschön rauschend hinab. Im Winter ist es nicht weniger bezaubernd, wenn meterlange Eiszapfen von den Wänden hängen. Über die gesicherten Wege ist auch in der kalten Jahreszeit eine Begehung möglich, die man sich in aller Regel mit vielen anderen Naturfreunden teilen muss. Denn die Partnachklamm ist kein Geheimtipp mehr und einer der wenigen Canyons, der im Winter für Besucher geöffnet ist.

@ Hans Beggel

Jubiläumsgrat
Vom höchsten Berg Deutschlands zieht ein langer Grat hinüber bis zur Alpspitze. Wer sich auf diese lange, alpine Gratkletterei einlässt, muss konditionell stark sein und eine gehörige Portion Bergerfahrung mitbringen. Ganz besonders im Winter. Der Grat wartet mit gigantischen acht Kilometern Kletterlänge und Schwierigkeiten, die den dritten Grad ankratzen. Auch wenn manche Passagen seilversichert sind, ist der Grat nicht als Klettersteig anzusehen. Großteils befindet man sich in ungesichertem, steilen Absturzgelände und das über viele Stunden hinweg. Gute Bergsteiger benötigen für den Jubiläumsgrat sechs bis acht Stunden. Im Winter kann sich diese Zeit schnell um viele Stunden erhöhen. Für Notfälle steht deswegen eine kleine Biwakschachtel zur Verfügung. Für viele Alpinisten ist der Jubigrat ein großes Ziel und eine Durchsteigung im Winter die Feuertaufe schlechthin.


VORARLBERG

@ Markus Gmeiner | Vorarlberg Tourismus GmbH

Husky Toni
Eine Winteraktivität der ganz anderen Art erwartet Schneefans in Vorarlberg. Besonders Freunde von Vierbeinern kommen beim Husky Camp von Toni Kuttner auf ihre Kosten. Unweit von Bludenz kann man den kuscheligen Hunden ganz nahe kommen. Toni erzählt dabei gerne Wissenswertes über die Tiere. Die Aufregung steigt aber erst, wenn zehn Huskys vor den Schlitten gespannt werden. Denn wenig später rauscht das Gespann durch die Winterlandschaft und sogar das Fahren des Schlittens kann hier selbst erlernt werden. In der sogenannten Schlittenhundefahrschule lernen Anfänger alle Tricks und Kniffe, um wenig später selbstständig eine kleine Runde drehen zu können. Eine wertvolle Erinnerung, mit der Garantie für einmalige Fotos!

Die Huskys begleiten aber auch Gäste auf Schneeschuhwanderungen. Jedem Wanderer wird ein Hund zugewiesen, mit dem er über einen Bauchgurt und eine Leine verbunden ist. Das sind ganz besonders intensive Erlebnisse zwischen Mensch, Hund und Natur. In der Dämmerung und nachts verstärken sich diese Erfahrungen noch einmal und ein Vielfaches. Eine Huskywanderung durch die Nacht ist für viele unvergesslich schön und ein Winterhighlight der Extraklasse.

@ Markus Gmeiner | Vorarlberg Tourismus

Iglunacht Silvretta Montafon
Auf 2000 Metern über dem Meer herrschen in Winternächten eisige Temperaturen. Eine Nacht dort oben im Schnee zu verbringen erscheint auf den ersten Blick nicht als schöne und erholsame Idee. Doch genau das ist es! Nach einem deftigen Käsefondue führt der Weg vom Restaurant an der Bergstation der Valiserabahn zu den Schlafplätzen. Hier kann man noch einmal am Lagerfeuer den Abend ausklingen lassen, bevor die Betten bezogen werden. Die Iglus isolieren mit ihren dicken Wänden gut gegen die Kälte und der Schlafsack hält kuschelig warm. Die Nacht ist unglaublich still hier oben, denn auch die leisesten Geräusche werden noch durch die Schneeschicht wirkungsvoll abgedämpft. Am nächsten Morgen wartet dann ein warmer Sonnenaufgang und ein herzhaftes Frühstück auf die Outdoor-Schläfer. Die perfekte Erlebnisübernachtung für Berg- und Winterfreunde!


NATIONALPARK BERCHTESGADEN

Königssee
Die wilde Natur im einzigen Alpen-Nationalpark Deutschlands ist umwerfend schön. Alles wirkt wie unberührt, als wäre noch nie jemand hier gewesen, besonders im Winter. Das beliebte Ausflugsziel am Königssee St. Bartholomä ist auch im Winter einen Besuch wert. Die Schiffe fahren von Schönau auch im Winter, solange es das Wetter zulässt und der See nicht gefroren ist. Das ist nur selten der Fall, denn der See friert nur in sehr kalten Wintern komplett zu. Dann wird ein Wanderweg hinüber nach St. Bartholomä ausgeschildert, von dem man nicht abweichen darf. Denn das Eis ist nicht überall gleich dick. Auf dem Grund des 180 Meter tiefen Sees liegt sogar das Wrack eines VW Käfers, der in den 50ern bei einer unerlaubten Überfahrt durch das Eis brach.
Ein Spaziergang auf der Halbinsel, unter der monströsen Ostwand des Watzmanns, entschleunigt und entspannt. Abgeschottet von der Außenwelt, ist der Ort ein wahrer Ruhepol, wenn man sich nur wenige Meter abseits des Touristentrubels bewegt.

Hintersee
Der Hintersee liegt unweit von Ramsau im schönen Klausbachtal. Der See bietet zu jeder Jahreszeit eine eindrucksvolle Kulisse für Fotografen. Selbst im Winter und bei schlechtem Wetter. Was heute die Fotografen sind, waren früher Maler. Beim Rundweg um den See lernt man viel über die Künstler vergangener Tage und zu verstehen, was die Menschen damals wie heute hierher lockt. Viele Wanderungen beginnen und enden an diesem schönen Fleckchen Erde. Die Chancen einen der wenigen Steinadler im eindrucksvollen Klausbachtal zu sehen, sind übrigens ausgesprochen hoch!


SÜDTIROL

Cirspitzen
Der Zackengrat der Cirspitzen am Grödnerjoch steht bedrohlich über den sanften Skipisten. Doch die Südwände bleiben oft lange schneefrei und erlauben so Bergsteigern eine kurze, aber ernsthafte Besteigung. Die große Cirspitze ist mit Kletterei im zweiten Grad für Geübte gut zu meistern, denn der Anstieg ist nicht so ausgesetzt, wie es von unten erscheinen mag. Teilweise verstecken sich hier aber auch größere Schneemengen, die vom Joch aus nicht zu sehen sind. Auf die kleine Cirspitze führt ein Klettersteig mit einer Bewertung von B/C. Der Einstieg der Kletterei ist ähnlich schnell wie bei der großen Schwester in weniger als einer Stunde erreicht. Von hier sind es nur wenige hundert Höhenmeter, die immer wieder spannende Tiefblicke bieten. Vom Gipfel aber erlebt man umwerfendes Panorama über ganz Südtirol. Die Cirspitzen sind äußerst lohnende, kleine, aber feine Leckerbissen für erprobte Winterbergsteiger. 

Seceda
Einer der beliebtesten Fotospots Südtirols: Der Blick von der Seceda auf die Geislerspitzen. Wie Haifischzähne reihen sich die Spitzen hintereinander, die verschneiten Wände wirken barsch und abweisend. Das warme Licht des Sonnenaufgangs steht dem in einem krassen Kontrast gegenüber. Im Winter geht die Sonne rechts der Gipfelgruppe auf und taucht die Südwände schnell in ein tolles Licht.

Der Aufstieg bis hier oben ist auch nachts zu finden, denn man kann von Gröden direkt über die Piste aufsteigen. Trotzdem sind über 1000 Höhenmeter zu bewältigen. Die Anstrengungen lohnen sich aber allemal, denn ein Sonnenaufgang in der malerischen Bergwelt der Dolomiten ist ein unvergessliches Abenteuer. Ganz besonders im Winter!

Text: Benni Sauer

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