Winterwunderland Reit im Winkl

Wandern mit Prädikat auf dem ersten Deutschen Premium Winterwanderweg und mit dem Rodel zu Tal rauschen, mit wippenden Schneeschuhen auf das Fellhorn, auf Tobi Angerer’s Spuren über die Loipe gleiten oder mit den Tourenskiern durch knietiefen Powder am Dürrnbachhorn – neben dem klassischen Skibetrieb auf der Steinplatte bietet Reit im Winkl noch jede Menge Winterspaß.

„Ja, so eine Hemmersuppe“, entfuhr es den Bauern aus dem Tal früher spöttisch beim Anblick der weitläufigen Alm hoch über Reit im Winkl. Ist der Hemmer oder auch Weißer Germer genannt doch ein arges Unkraut. Grün, knapp kniehoch und selbst für einen geduldigen Kuhmagen ungenießbar. Nach starken Regenfällen bilden sich in den vielen Mulden der sanft gewellten Hochalm noch dazu große Pfützen, die in Bayern gerne mit dem Ausspruch „A so a Supp’n“ bedacht werden. Damals gestattete die tägliche Mühsal der Almbauern nur selten einen schwärmerischen Blick in die paradiesische Landschaft. So wurde der Spott zum Namensstifter. Heute jedoch würden jene Unkenrufer große Augen machen. Zumal die sechs Kilometer lange Panoramarunde rund um die Hemmersuppenalm längst mit dem Gütesiegel »Erster Premium Winterwanderweg Deutschlands« ausgezeichnet wurde. Und das völlig zu Recht, wie wir feststellen durften.

Der Anstieg von der Hindenburghütte führt nur wenige Minuten durch dichten Wald. Die Tannen tragen schwer an ihren überfrachteten Schneekleidern. Auf 1250 Metern Seehöhe erreichen wir die lichte Hochfläche und stoßen gleichzeitig aus dem Wolkenmeer. Die Inversionslage macht es möglich. Der malerische Chiemgau liegt uns zu Füßen, scheint komplett in Watte gepackt. Die Bodenwellen der Hochalm wurden vom Wind kunstvoll ausmodelliert. Geländekanten wie von Zuckerbäckerhand mit verspielten Wächten verziert. Riesige Schneekristalle funkeln im Gegenlicht … Von wegen Hemmersuppe – vor uns liegt ein dreidimensionales Wintermärchen. 

Premium bedeutet: Der stets geschwungene Weg zersägt das Panorama nicht, sondern offenbart es ganz vorsichtig. Der Wanderer quittiert so viel jungfräuliches Winterwunderland mit Gänsehaut und offenem Mund. Der erste Premium Winterwanderweg Deutschlands macht seinem Namen alle Ehre. Die goldene Krone auf den Wegtafeln hat er sich verdient. Das Prädikat klingt zwar sperrig, aber bei Adelstiteln muss das scheinbar so sein.  Der Weg wird täglich mit einer Pistenraupe gewalzt. Mit festem Schuhwerk und ein paar Wanderstöcken lässt sich die Runde dadurch sogar nach massiven Neuschneefällen problemlos meistern. Und die gibt es zahlreich im »Schneeloch« Reit im Winkl. Begünstigt doch das meteorologische Phänomen der Kaltluftseen den äußersten Winkel Bayerns mit einer von vielen Luftkurorten beneideten Schneesicherheit. 

Zurück auf der Hindenburghütte zieht uns der Duft von frischem Hackbraten in Pfifferling-Sauce in die urige Stube. Spätestens nach dem leckeren Millirahmstrudel wird klar, dass die Hindenburghütte ein schlagkräftiges Argument bei der Verleihung des Wander-Oscars war. Günter Dirnhofer, ein Kleiderschrank von einem Mann, kümmert sich täglich um die Präparation des Premiumwegs. Dazwischen shuttelt er Premiumwanderer und Schneeschuhläufer, die auch gerne noch den Gipfel des Fellhorns ansteuern, mit seinem Allradbus von Reit im Winkl direkt hoch zur Hemmersuppenalm. Die Fahrstraße wird zugleich im 30 Minuten-Takt zur längsten Rodelstrecke Deutschlands. Einmal monatlich immer zum Vollmond hin veranstaltet er eine Fackelwanderung mit anschließender Hüttengaudi. Auch die verdient das Premiumsiegel. Denn Günter mit seinen Bergfex’n und einem Alphorn-Trio heizt den Gästen nicht selten bis zum Morgengrauen ein. Das hat dann allerdings nichts mehr mit Entschleunigung zu tun. 

„Auch für mich ist die Panoramaloipe oben auf der Hemmersuppenalm eine der attraktivsten Strecken überhaupt,“ bekennt Tobias Angerer, mehrfacher Weltcup-Gesamtsieger und Silbermedaillengewinner und ein waschechtes Chiemgauer Kindl. „Ja, und die Chiemgau-Marathonloipe ist ebenfalls ein Gedicht, da gefällt mir vor allem der Abschnitt zwischen dem Löden-, Mitter- und Weitsee, dem sogenannten Drei-Seen-Land, besonders gut. Da fühlst du dich manchmal tatsächlich wie in Kanada oder Alaska“, plaudert er aus dem Nähkästchen. Wenn das Wetter mal nicht so passt oder andere Termine dazwischenkommen, laufe ich auch mal bei Flutlicht im Stadion. Ansonsten trainiere ich auch gerne drüben auf der Winklmoos-Alm. Dann skate ich die steilen sechs Kilometer von Seegatterl aus hoch und kehre in der Traunsteiner Hütte ein. Da herrscht auch eine echt urige Atmosphäre. Und der Kaiserschmarrn von Hüttenwirtin, Jeanette Lorenz, schmeckt legendär.“

Das lassen wir uns nicht zweimal sagen, seit Rosi Mittermaier 1976 bei der Olympiade in Innsbruck jede Menge Edelmetall abräumte, sind die Winklmoosalm und Reit im Winkl ohnehin ein stehender Begriff im Wintersport. Allerdings tauschen wir die dünnen Latten mit den extra-
breiten Tourenskiern und peilen das 1776 Meter hohe Dürrnbachhorn, das genau dahinter aufragt, an. 

Leicht ansteigend spuren wir an den letzten Höfen vorbei. Auf den Heustadeln formiert sich die weiße Pracht zu märchenhaften Wattebäuschen. Wo der Wind ein wenig modellieren durfte, haben sich gar regelrechte Elvis-Tollen aus reinweißem Pulver gebildet. Wir passieren den nostalgischen 1er-Sessellift. Zum Glück läuft er nur im Sommer, sonst wäre unser Hang garantiert bald entweiht. Die tiefverschneiten Tannen mit ihren ausladenden Ästen sehen aus wie Michelin-Männchen im Wintermantel. Die ersten Sonnenstrahlen irrlichtern durch das Dickicht und zeichnen wilde Schatten auf den glitzernden Schnee. Das Spuren im knietiefen Neuschnee kostet Körner. Wir winden uns um ein paar letzte Baumgruppen und schon lächelt uns das hölzerne Gipfelkreuz entgegen.  

Nix wie Felle runter und Reißverschlüsse bis zum Anschlag hoch, solange der Gipfelhang noch jungfräulich ist. Rein in das Sahnehäubchen aus satten 600 Höhenmetern makellosem Pulver. Die Glückshormone jubilieren. Der Schneestaub wandert über die Funktionsklamotten hoch zum Gesicht, beißt frostig ins Gesicht und erhöht den Endorphinausstoß. Erst unten im Kessel endet der weiße Rausch. Mit brennenden Schenkeln fallen wir in der nahen Traunsteiner Hütte ein. Hmmm, der wohlduftende Kaiserschmarrn von Hüttenwirtin Jeanette zergeht fluffig auf der Zunge. Tobi Angerer hat nicht zuviel versprochen. 

Nähere Infos zur Region gibt es unter: 
www.reitimwinkl.de


Text und Bilder: Norbert Eisele-Hein

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