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Der Wilde Wasser Weg im Stubaital vernetzt was zusammengehört: Er verknüpft das Eis der Gletscher mit dem Fluss im Tal. Er verbindet tosende Wasserfälle mit kristallklaren Seen. Und nicht zuletzt vernetzt er auch die archaische Urkraft, die heilende Wirkung und die pure Schönheit des Wassers mit uns, den Menschen, die in der gewaltigen Bergnatur nur zu gerne zu Besuch sind.

Am tosenden Grawa-Wasserfall.

Der Wilde Wasser Weg. Hier ist der Name Programm. Und das Programm ist einfach. Einfach und gut.
Geboten wird einem was da ist, was schon immer da war. Keine neuerbauten Massen-Attraktionen, sondern eine weitestgehend unberührte, naturbelassene Bergwelt – in der das Wasser schon immer eine wichtige Rolle spielte. Der Wilde Wasser Weg am hinteren Ende des schönen Stubaitals, folgt also dem Lebenselixier vom Talgrund den Berg hinauf, bietet hier und dort lohnende Alternativen und Abzweigungen und schraubt sich zuletzt sogar bis hinauf zu den Gletschern, zum vermeintlich ewigen Eis, wo das Nass, Tropfen für Tropfen, seine spannende Reise antritt. Betrachtet man das Stubaital mit seinen Gletschern und Flüssen nun von oben, aus zehn oder zwanzig Kilometern Höhe, ergibt sich ein verzweigtes Netz. Hier ist der Alpeiner Ferner unterhalb der schroffen Wildgratspitzen, der zuerst Eis-, später Wasserströme ins Oberberg- und weiter ins Stubaital schickt. Dort ist der mächtige Habicht, von dessen Flanken der Pinnisbach im gleichnamigen Pinnistal gespeist wird. Und natürlich sind da auch die gleißenden Eispanzer von Zuckerhütl, Wildem Freiger und Wildem Pfaff. Ihre Ströme verbinden sich früher oder später, erst als scheinbar starres Eis, dann als plätscherndes, glucksendes Wasser, zwischendrin sogar als donnernder Wasserfall und am Ende münden sie, wie alle anderen Flüsse des Stubaitals in der Ruetz, die sich im Wipptal zusammen mit der Sill und später bei Innsbruck mit dem Inn verbindet. All das ist ein gigantisches Netz!

Etappe 1
Einen Teilabschnitt der ersten Etappe lernen wir noch am verregneten Anreisetag kennen. Von der Wilden Wasser Arena aus, wo wir uns noch über die Bedeutung des Wasser für das Stubaital informieren können, gehen wir taleinwärts und hören schon bald die Wassermassen krachen. Der Weg aber bleibt einfach und ist sogar barrierefrei. Schon noch wenigen Minuten erreichen wir so den Katarakt der Ruetz, wie eine durch Blöcke und Felsriegel gegliederte Stromschnelle genannt wird. Das schlechte Wetter spielt plötzlich überhaupt keine Rolle mehr, denn die Wassermassen unter unseren Füße lassen die wenigen Tropfen vom Himmel gerade zu lächerlich erscheinen. Über hübsche Brücken und hilfreiche Holzkonstruktionen gelangen wir unschwierig weiter bergauf und fühlen uns schon bald wie in unberührter, menschenleerer Wildnis – weit weg vom Alltag, dem Trubel und dem Talverkehr hinter uns. Tatsächlich aber befinden wir uns die meiste Zeit nur wenige hundert Meter neben der Straße. Der dichte Wald und die tosenden Wassermassen lassen uns davon aber rein gar nichts spüren. Erst als sich das Wasser etwas zu beruhigen scheint, als das Gelände flacher und einfacher begehbar wird, gelangen wir zur Straße zurück. Das hat gleich mehrere Vorteile: Hier kann man nicht nur unschwierig seinen Wagen parken, oder die Etappe unterbrechen, sondern auch auf den öffentlichen Verkehrsbus zurückgreifen, der gerade hier, direkt vor der Tschangelair Alm, Wanderer in die Natur entlässt. 

Der Wilde Waser Weg macht seinem Namen alle Ehre.

Die Tschangelair Alm ist nicht nur dank ihrer hervorragenden Erreichbarkeit ein lohnendes Ziel. Sie ist auch mit 1410 Metern eine der höchsten Forellenzuchten der Alpen. In den umliegenden, naturbelassenen Teichen kann man sich von der Frische und tierwohlorientierten Haltung selbst überzeugen. Geschmacklich überragend, lassen wir so den Anreisetag enden und beschließen, die folgenden Etappen des Wilden Wasser Weges am morgigen Tag im Abstieg zu bewältigen.

Etappe 3
So starten wir am folgenden Morgen an der Talstation der Eisgratbahn, also ganz am Ende des Tales, von wo wir bis zur Mittelstation nahe der Dresdner Hütte hinaufschweben. Nur knapp unter der Wolkendecke stehen wir dort oben zwischen den Welten. Ein Blick zum Peiljoch, welches wir überschreiten wollen, verheißt aber nichts Gutes: Trüb verschleiert ist es kaum zu erkennen und so sind wir froh um unseren Bergführer Harald, der die Gegend seit mehr als 50 Jahren, jeden Stein und jeden noch so kleinen Pfad hier oben kennt. 

Je höher wir steigen, desto schlechter wird die Sicht. Schließlich gesellen sich zu den Schweißtropfen auch die ersten Regentropfen des Tages. Erst als wir das verschneite 2672 Meter hohe Peiljoch mit seinen unzähligen Steinmännern hinter uns gebracht haben, gelangen wir wieder an die Untergrenze der Wolkendecke. So erreichen wir den Sulzenausee, der in älteren Karten noch gar nicht verzeichnet ist. Warum das so ist, weiß Harald aus eigener Erfahrung: Vor 50 Jahren war das Eis hier noch 80 Meter dick. Heute schwimmen im milchigen Wasser neben bizarr aufgehäuften Sandbänken und glattgeschliffenem Urgestein mächtige Eisschollen. Hier befindet sich das offizielle Ende des Weges. Nicht ohne Grund: Ein eventueller Weiterweg führt über steiles, stark vergletschertes und hochalpines Gelände. Für Unerfahrene ohne Bergführer geht es schlicht nicht weiter. Aber auch wenn wir uns in Haralds Händen bestens aufgehoben fühlen, die Wolkendecke ist zu dicht und wir entscheiden uns für den Abstieg entlang des Wilden Wasser Weges. Zuvor aber fordert uns eine der Infotafeln zum Raten auf: Wie lange braucht wohl eine Schneeflocke vom Gipfel des Zuckerhütl, bis hierher zur Gletscherzunge, wo sie sich zum Wassertröpfchen verwandelt und ihre Weiterreise antritt? Große Augen machen wir alle, als wir die Tafel wenden und die Antwort erfahren – eines sei gesagt, wir haben uns allesamt gehörig getäuscht!

Blick vom Sulzenausee hinab zur Blauen Lacke.

Der Weiterweg Richtung Etappe 2 führt uns über glattgeschliffene Felsen, vorbei am krachenden Wasserstrom, der vom Sulzenausee hinabfällt. Wie schon oben am See, fühlen wir uns fast schon wie in Island. Zwischen dem grünen, saftigen Gras, den tosenden Wasserfällen und der mystischen Nebelstimmung in Kombination mit den Eisbergen, fällt mir das Träumen nur zu leicht. Harald ist es schließlich, der mich auf den Tiroler Boden zurückholt und mit dem Finger talauswärts deutet. Jetzt zeigt sich endlich auch die Blaue Lacke, ein echtes Juwel, ein traumhafter See, noch über der Baumgrenze, quasi ein Produkt der sich zurückziehenden Gletscher. Kurzerhand beschließen wir einen Abstecher einzubauen und stehen schon bald vor dem trotz des grauen Himmels farbenfroh schimmernden Wasserspiegel. Was für ein magischer Ort!

Etappe 2
An der Sulzenauhütte angelangt, sitzen wir die nächste Regenphase mit einem deftigen Mittagessen aus. Die Geschichten von Pächter Sigmar und Bergführer Harald ergänzen sich, während die gigantisch guten Spinat- und Kaspressknödel der Atmosphäre die Krone aufsetzen.

Als es das Wetter wieder zulässt, verabschieden wir uns von der sympathischen Pächterfamilie und steigen die steilen Felsen hinab bis zur Sulzenaualm. 350 Höhenmeter trennen die zwei Hütten voneinander und auf dem Weg kommt man einmal mehr der Kraft des Wassers ganz urplötzlich so nah, dass man den Luftstrom des Wasserfalls respekteinflößend zu spüren bekommt. 

Der Sulzenausee liegt mit seinen Eisschollen unter einer schweren Wolkendecke.

Nur Minuten später breiten sich die Wassermassen dann aus: Fächerförmig strömen über das Hochplateau an der Sulzenaualm mehrere Bachläufe, nicht einmal knietief, verspielt mit einen lieblichen Glucksen. Würde man es von hier aus nicht mit eigenen Augen sehen, niemand würde glauben, welche Wucht das Wasser noch vor wenigen Sekunden in sich trug. Diese Kontraste sind letztendlich, was den Wilde Wasser Weg so spannend werden lässt. Sicher sind es auch die wenigen, ausgesprochen informativen Tafeln, die zum Raten, Spekulieren und Nachdenken einladen. Sicher sind es auch die Ausblicke und Gipfel, die man mitnehmen kann. Doch am Ende ist es nichts als die Natur die uns berührt. Für uns ist dieses Ende irgendwo zwischen Etappe 1 und 2, wo der mächtige Grawa-Wasserfall 180 Meter tief ins Tal stürzt. Sein eigentlicher Reiz ist dabei nicht einmal seine Höhe, sondern vielmehr die Breite: Mit etwa 85 Metern ist er der breiteste Wasserfall der gesamten Ostalpen und aufgrund seiner vielen Felsbänder, zerstäubt er sein Wasser eindrucksvoll und bildgewaltig. 

Wir haben den Wilde Wasser Weg hinter uns gebracht. Sicher nicht zum letzten Mal. Zu viele Alternativen sind uns unterwegs so reizvoll erschienen. Und nicht zuletzt setzten wir sicher einmal einen Fuß auf den Sulzenauferner, wenn wir an einem weniger wolkenverhangenen Tag den Gipfel des Zuckerhütl in Angriff nehmen. Dort wo die Schneeflocken fallen, die viele Jahre später zu Wasser geworden im schwarzen Meer enden. Für heute aber machen wir es uns auf den Holzliegen unterhalb des Grawa-Wasserfalls bequem und lassen uns von seiner Naturgewalt, seinem Anblick und seiner wohltuenden Wirkung berauschen. Wie gut das doch tut!

Text: Benni Sauer

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