Ybers Blath

Die Erstbesteigung der Zugspitze jährt sich zum zweihundertsten Mal.

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Bayern zum Königreich ernannt. Ein wildes, unerforschtes Gebiet, mit
unzugänglichen Gebirgen und unbestiegenen Gipfeln, deren Höhe niemand genau bestimmen konnte. Für König Maximilian kein tragbarer Zustand. Alsbald erließ er den Auftrag, das Gebiet um die Märkte Garmisch und Partenkirchen, genauestens zu vermessen. 

Anfangs führt der Weg durch die dramatische Partnachklamm.

Erkundungen am Schneeferner
Sommer, 1820. Dem Vermessungsingenieur und späteren Offizier Josef Naus geht der Auftrag zu, den höchsten Gipfel des Landes zu besteigen und zu vermessen. Der 27-jährige Tiroler, damals noch Leutnant, startete seine Expedition Mitte Juni, während des alpinen Frühsommers. Fast einhundert Tage später erreichte er sein Ziel. Mit drei Begleitern, Bergführern und Messgehilfen, so stand er am 27. August auf dem Gipfel der Zugspitze, den er nach einem achtstündigen Marsch um die Mittagszeit erreichte. Ihre Route: Durchs lange Reintal übers Zugspitzplatt. Oder, wie es in eine erst vor einigen Jahren wiederentdeckte Landkarte eingetragen ist: „Ybers blath ufn Zugspitz.“

200 Jahre ist das jetzt schon her. Welche Verhältnisse damals herrschten, wie das Wetter und die Schneelage war, darüber kann heute nur spekuliert werden. Sicher aber war für Naus und seine Kameraden die Expedition ein Vorstoß in eine lebensfeindliche Umgebung, voller Gefahren, Aberglaube und Abenteuer. 

Heute ist das Bild ein anderes. Der Schneeferner ist größtenteils abgeschmolzen, Seilbahnen ziehen bis auf den Gipfel. Einzig die abweisenden Felswände, die Wetterwand östlich von Ehrwald, das tief eingeschnittene Höllental und die scharfen Zähne des Waxensteins, stachen zweifelsfrei schon vor 200 Jahren furchteinflößend in den Himmel.

Naus‘ anfängliche Explorationen am Berg fanden jedoch schnell die einzig wirkliche Schwachstelle des Massivs. Das flache Reintal, an dessen Beginn ich zwei Jahrhunderte später stehe, fest entschlossen den Spuren der Erstbegeher zu folgen.

Weit über unseren Köpfen erleuchten erste Sonnenstrahlen die Gipfel. Ein weiter Weg liegt noch vor uns.

Aktive Zugspitz Region
Zu einer der attraktivsten Urlaubsdestinationen Deutschlands ist die Region um die Zugspitze mittlerweile herangewachsen. Bergsteiger aus aller Welt erklimmen die Gipfel, Mountainbiker, Sportkletterer und Wanderer finden im Wettersteingebirge einzigartige, vor allem aber wunderschöne Tourenmöglichkeiten. 

Dieses Angebot hat seinen Preis. Erstmals spüre ich das gleich zu Beginn meiner Tour, am Eingang zur Partnachklamm. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass ich bereits hier schon nicht mehr exakt den Spuren Naus‘ folge – die Klamm war damals kaum passierbar, weswegen die Burschen einen steilen Weg westlich von ihr wählten. Trotzdem möchte ich das Naturschauspiel erleben und reihe mich in die lange Schlange vor dem Kassenhäuschen. 

Der Wartezeit folgt ein bombastisches Erlebnis. Durch Tunnels und Stollen, entlang der steilen Felswände, die sich bis weit über mir erheben, durchwandere ich die Schlucht. Eine Lebensader des Berges, die glasklares, eiskaltes Wasser führt. Aber auch von oben, wo gleißendes Licht in den Canyon fällt, fallen unzählige Wassertropfen. Zwangsläufig ein erfrischendes Erlebnis, das besonders an heißen Sommertagen genossen werden kann. 

Etwas eng wird es allerdings schon auf den schmalen Pfaden, da wird gedrängelt, um den besten Fotospot gedrückt und als mich die Schlucht im Süden wieder ausspuckt, da bin ich froh um den luftigen Platz in der Sonne. Raum für mich selbst, Ruhe und Entschleunigung. Endlich!

Die traumhaft gelegene Reintalangerhütte. 

Rein ins Tal
Hier beginnt der eigentliche Anstieg. Ich lasse die vielen Touristen hinter mir. Schlagartig wird es still. Niemand ist auf dem breiten Fahrweg unterwegs und schon nach wenigen Minuten kann ich mich ganz auf den Weg und meine Schritte konzentrieren. Aber auch das Wetter muss im Auge behalten werden. Denn der wenige Himmel, den man im Reintal zwischen den Bergflanken zu sehen bekommt, verheißt nichts Gutes. Wolken türmen sich bedrohlich schnell auf, werden dunkler und dunkler. Der Weg jedoch ist noch weit. Erst die Bockhütte könnte mir einen ersten Unterschlupf gewähren. Auch wenn sie nur wenige Höhenmeter über mir liegt, so sind es noch immer knappe zwei Stunden bis dorthin. 

Weit oberhalb des tosenden Wassers der Partnachklamm führt mich der malerische Weg. Kaum zu glauben, dass damals mutige Männer dort unten mit Hilfe des Wassers Brennholz nach Partenkirchen transportierten. Eine lebensgefährliche Arbeit, wie mehrere Bildtafeln bezeugen. Naus‘, sein Bergführer Johann Georg Tauschl und sein Messgehilfe Maier, wanderten hier oben aber dennoch nicht auf gänzlich unbekannten Wegen. Denn die Bockhütte wurde schon im frühen 18. Jahrhundert auf einer gezeichneten Karte als „Pochhüttl auf den Eisen Poden“ markiert. Die grünen Grasmatten um das romantische Örtchen lassen außerdem richtig vermuten, dass das Weiderecht hier oben sogar noch weiter zurück beurkundet ist.

Kraftplatz
Sanftes Auf und Ab bringt mich immerhin langsam nach oben. Kaum zu glauben, dass ich mich gerade auf dem Aufstieg zu Deutschlands höchstem Gipfel befinde. Drei Stunden bin nun schon unterwegs – weniger als 500 Höhenmeter habe ich dabei überwunden. Die lichten Wälder aber wirken verschlafen schön, kaum jemand ist heute unterwegs. Die Wanderung ist abwechslungsreich und landschaftlich von höchster Güte. Ganz bestimmt war es ein einzigartiges Erlebnis, hier einen Weg zu suchen, ihn als Erster zu finden und Meter um Meter voranzukommen. 

Ohne auch nur das kleinste Orientierungsproblem, leitet mich heute ein angenehm zu begehender Pfad durch die ursprüngliche Natur. Nur das nahende Grollen bringt mich in Bedrängnis. Ich nehme die Beine unter die Hand, lege einen Zahn zu, bis ich die Reintalangerhütte erreiche. Dicke Tropfen und Hagelkörner fallen jetzt vom zuckenden Himmel, Blitz und Donner sind nicht mehr voneinander zu trennen. Nur Sekunden später stürzen direkt vor mir gewaltige Wasserfälle die Nordwände von Hoch- und Kleinwanner herab. Minuten vorher floss hier nicht das kleinste Rinnsal über die Klippen. Von der sicheren Hüttenterrasse aus, ist die beeindruckende Urkraft nur zu gut zu spüren, die weiter oben zweifelsohne eine lebensbedrohliche Situation darstellt. Nicht auszudenken was hätte passieren können, wäre Naus auf seiner Expedition von einem solchen Unwetter erfasst worden.

Ein Weiterweg wäre heute aber auch ohne den Wettersturz nicht mehr möglich gewesen. Es dämmert und noch immer trennen mich 1600 Höhenmeter vom Gipfel. Der Hauptgrund aber auf der Reintalangerhütte zu nächtigen, ist die Hütte selbst. Sie steht am wohl schönsten Fleck des Berges, so wild und archaisch wie nur irgendwie denkbar. Die Partnach strömt kräftig, direkt vor der Tür. Gegenüber ragen Wände mehr als einen Kilometer nahezu senkrecht hinauf. Noch lange nachdem der Regen aufhörte, krachen dort die Wasserfälle abwärts, lassen riesige Felsbrocken stürzen. Erst am nächsten Morgen, als unter einem wolkenlosen Himmel die Zugspitze erwacht, spüre ich die Stille, den Frieden und die Kraft dieses Ortes. Als Erster verlasse ich die Hütte, habe die Aura für mich allein. Noch ein Erinnerungsfoto und schon befinde ich mich auf dem langen Weg dem Gipfel entgegen. Das gelbe Schild vor der Hütte holt mich aber jäh auf den Boden der Tatsachen zurück: satte 6 Stunden Gehzeit.

Kurz vor dem Gipfel erreichen wir die Stahlseile. Unter uns liegt das Gletscherrestaurant Sonnalpin.

Gipfelsturm – damals und heute
Anfangs, ja endlich wird es steiler! Erstmals kommt das Gefühl des wirklichen Steigens auf, bei dem die Höhenmeter nur so an mir vorbeifallen. Über eine 500 Meter hohe Geländestufe erreiche ich das sogenannte Zugspitzplatt, die endlose Geröllhalde, eine fast wüstenartige Öde. Rechts über mir zieht schon seit einiger Zeit der Jubiläumsgrat dem Gipfel entgegen, der höchste Punkt, der sich auf meiner gesamten Tour bisher noch kein einziges Mal blicken ließ. Links von mir stechen die kompakten Plattspitzen ins Auge. Hermann von Barth, echten Bergfreunden wird sein Name von Bedeutung sein, war auch hier einmal mehr der Erste. Er überquerte auf etwa 2000 Metern das Platt in südliche Richtung, was seinen Aufschrieben nach damals schon ohne Gletscherkontakt möglich war. 1874 schrieb er dann in seinem Werk Aus den nördlichen Kalkalpen: „Wer, der das Platt und seinen Ferner betrat, hätte nicht ehrfurchtsvoll hinübergeblickt nach den Gipfel in seinem Südrande, mit ihren abgeschliffenen, mehrere Morgen grossen Plattentafeln; auf den Gipfel der Wetterschrofen, der mächtig sie beherrscht, an Höhe wie an Reine seines Plattenpanzers ihnen allen es zuvor thut?“ Barths sicherer Schritt führte ihn 1871 auf diesen Gipfel – 51 Jahre nach der Erstbesteigung der Zugspitze.

Für mich ist der schönste Teil der Zugspitzbesteigung allerdings bald schon vorbei. Hinter der gemütlichen Knorrhütte, auf der ich nur eines kühlen Getränkes wegen einkehre, ist nichts mehr von saftigen Wiesen, dem plätschernden Nass, oder von grünen Wäldern zu sehen. Der Kontrast ist krass, fast schon trostlos. Das Zugspitzplatt, im Winter ein gut besuchtes Skigebiet, ist übersät mit den Gerippen der Liftanlagen und Seilbahnen. Mittendrin: das sogenannte Gletscherrestaurant und Tagungszentrum Sonnalpin. Vom Gletscher allerdings ist nicht mehr viel zu sehen. Seine letzten, harrenden Überreste, teils unter weißen Planen vor der Hitze geschützt, können über den Klimawandel nicht hinwegtäuschen. 

Der Blick vom Gipfel ins Höllental. Über den Gletscher und Klettersteige führt dieser Weg anspruchsvoll zum Gipfel.

Alte Karte – neue Indizien
„Ybers blath“. So steht es auf einer uralten Landkarte, von deren Existenz man zwar immer wieder berichtete, sie aber lange niemand mehr zu Gesicht bekam. 2006 dann wurde sie in den Archiven des Deutschen Alpenvereines wiedergefunden. Auf ihr abgebildet: „Das Rheintal im Landgericht Werdenfels.“ Noch dazu ist ein Pfad markiert, durchs Reintal, hinauf aufs Platt, über den Gipfel und von dort wieder hinab zum Eibsee, versehen mit erstaunlich passgenauen Zeitangaben. Das eigentlich Erstaunliche daran: Die Karte stammt aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, lange bevor Naus den Gipfel betrat. War er vielleicht gar nicht der Erste am Gipfel? Die Karte lässt Zweifel daran aufkommen, liefert letztlich aber weder einen Beweis für noch gegen Naus‘ Erstbesteigung.  

Weiter oben führt mich der Pfad schließlich noch über eine kräftezehrende Geröll-
flanke. Zwei Schritte hinauf, einen wieder hinunter, so wühle ich mich an der Umweltforschungsstation Schneeferner Haus vorbei, bis ich die ersten Stahlseile erreiche. Ihnen folgend gelange ich schon bald zum sogenannten Gipfel. Mit Metallstufen und Betonplatten unter meinen Bergschuhen, lasse ich die Souvenirshops und Currywurstbuden links liegen, drängle mich durch, bis ich am anderen Ende der Gipfelplattform angelange. Von hier habe ich einen Blick auf den eigentlichen, den wahren Gipfel. Den höchsten Punkt des gesamten Bergstocks. Eine lange Menschenkette überzieht diesen letzten, kurzen Gratanstieg. Profis, aber auch überforderte Anfänger. Ausgesetzte und anspruchsvolle Meter, die lange Wartezeiten und haarsträubende Überholmanöver auslösen.  Nur kurz bleibe ich auf dem Gipfel, erringe einen stillen Moment und versuche mich an Naus und von Barth zu erinnern. Es fällt mir schwer. Aber es gelingt. 

Autor und Fotograf: Benni Sauer

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