Zwischen Fels und Freiheit

In drei Tagen quer durchs Rätikon

Für die Steilwände des Rätikon pilgern Kletterer aus der ganzen Welt in die Grenzregion zwischen Schweiz und Österreich. Während die Wände wegen ihrer legendären Routen beliebt sind, gelten die alpinen Wanderungen dazwischen als Geheimtipps. Wanderleiter Dominik Karrer kennt die Schönsten unter ihnen und nimmt uns mit auf ein Trekking durch seine Heimat. Fernab von markierten Wegen begeben wir uns auf die Suche nach der Freiheit zwischen den Felswänden.

Dominik hat ein Funkeln in den Augen. Wann immer er sich in der Natur bewegt oder über sie spricht, sprudelt mit seinen Worten pures Glück aus ihm. Dann weicht das Grinsen auch nicht aus seinem Gesicht, während er redet und es währt lange, auch wenn seine Gedanken schon weitergezogen sind.

Dieses Funkeln, diese Begeisterung ist ansteckend. Und so kommt es, dass er mich gerade an einer steil abfallenden Bergflanke entlangführt. Die Südflanke des Schollberg im Prättigau, von der Dominik ein paar Monate zuvor noch geschwärmt hat. Das war im Winter, als der Schollberg und alle umliegenden Gipfel unter einer meterhohen Schneedecke begraben lagen. „Im Sommer“, sagte Dominik und deutete mit dem Arm in die Richtung, in die wir gerade laufen, „machen wir dort hinten eine hübsche Runde“.

Dominik hält seine Versprechen. Ich ebenso.

Zwischen Gras und Fels konzentriere ich mich gerade darauf, dass jeder Schritt sitzt. Der Weg ist nicht markiert, nicht auf einer Karte, nicht auf Schildern entlang der Felsen. Sehr wohl aber im Kopf von Dominik. Er kennt ihn in und auswendig, schon lange vor dem letzten Winter, in dem er ihn in die Luft gezeichnet hat.

Wann immer sich Dominik umdreht, springt sie mich an – seine Begeisterung. „Siehst du, das geht gut hier, oder?“ Er strahlt bis über beide Ohren. Ein bisschen sicher auch deshalb, weil ich ihm bis vor ein paar Schritten noch nicht geglaubt habe, dass wir hier tatsächlich entlanglaufen können.

„Das kommt schon gut“, sagte Dominik immer wieder. 

„Der Berg ist selten so, wie er von unten ausschaut.“ Das war seine Antwort auf meinen ratlosen Blick, ein paar Stunden, einige Kilometer und ein paar Hundert Höhenmeter zuvor, als wir in der Kurve eines Karrenwegs weiter unten im Gafiental zu dieser Mehrtagestour aufgebrochen sind. Nachdem wir den ersten Grashang erklommen haben, hat Dominik immer wieder angehalten und mit ausgestrecktem Arm erklärt, wo er uns in den nächsten drei Tagen entlang führen wird. Jede Kurve hat einen neuen Winkel unserer Wanderung freigeben, Schritt für Schritt hat sie sich zusammengesetzt wie ein Puzzle. Vom ersten Gipfel aus, dem des Schollbergs, lag sie schließlich vollständig zu unseren Füßen.

„Dort laufen wir den Grat entlang“, erklärte Dominik. „Entlang der Flanke hier, über das Geröll dort hinten, durch die Schneefelder danach.“ Dominik zeichnete die komplette Route in die Luft. Wechselte den Blick dabei immer wieder – vom Berg, zu mir, zum Berg, zu mir. Um sicher zu gehen, dass ich sein Vorhaben genau verstehe. Vielleicht auch, weil in meinem Blick nach wie vor Ratlosigkeit liegt. Auch auf dem Gipfel des Schollbergs konnte ich mir noch nicht vorstellen, dass es zwischen diesen Graten, Flanken, zwischen dem Geröll und dem Schnee einen Weg geben kann, auf dem unsere Wanderschuhe Platz haben. Aus meiner Perspektive ist das Gelände nichts als steile Hänge und felsige Abgründe. „Das kommt schon gut“, sagte Dominik wieder. „Wenn du erst mal dort stehst, sieht das alles ganz anders aus, du wirst sehen. Schritt für Schritt.“

Schritt für Schritt. So wandern wir jetzt entlang der steil abfallenden Flanke, die uns vom Schollberg Richtung Schijenflue führen soll. Während ich einen Fuß vor den anderen setze, den Blick genieße und den Duft der Alpenrosen, liegt ein anderes Gelände vor mir, als ich es mir von weiter unten vorgestellt habe. Dominik hatte Recht, natürlich hatte er Recht. Dieses Grenzmassiv hier, das die Schweiz mit Österreich verbindet, war für Dominik schon in seiner Jugend ein Abenteuerspielplatz. Er kennt die Gipfel und alle Routen dazwischen. Auch solche, die in keine Karten eingetragen sind. Seit Jahren zeichnet Dominik eigene Wege in die Landschaft. Seit Jahren findet er neue Touren, einsam, wild. So hat Dominik die Natur am liebsten.

„Nie wollt ich wo sein, wo es mehr gibt als hier“, sagt er bestimmt. Mit mehr meint er mehr Zivilisation, mehr Menschen. Mit hier meint er das urige Bergsteigerdorf St. Antönien und die umliegende Bergwelt. Die steilen Felswände ziehen Kletterer aus der ganzen Welt an, Klettersteige führen auf imposante Gipfel. Und mit unserer nächsten Etappe steuern wir direkt auf sie zu: auf die nächste große Felswand.

Die Vögel haben noch nicht zu ihrem Morgenkonzert angesetzt,
als wir am nächsten Tag unsere Rucksäcke schultern. 

Es ist genau so hell, dass wir die weißen Felswände in der Nacht schimmern sehen. Direkt vor uns: die beeindruckende Schijenflue. Ein 2.626 Meter hoher Gipfel, der, wie es scheint, aus einem einzigen, steil in den Himmel ragenden Fels besteht. Unser Ziel für diesen Morgen ist es, von seiner Spitze aus die Sonne aufgehen zu sehen.

Während wir durch die stille Morgenwelt laufen, sind wir ruhig. Der Mond ersetzt unsere Stirnlampen, wir hören einen Bach gluckern, ein paar Mal, wie Steinböcke über das Geröll klimpern. Obwohl ein heißer Tag vorhergesagt ist, ist die Luft frisch und leicht. In Serpentinen lassen wir die Vegetation hinter uns, auf einer Seite sehen wir den Nachthimmel über der Schweiz, auf der anderen den über Österreich. Wir sind irgendwo dazwischen, in einer einsamen Bergwelt, in der Grenzen sowieso keine Rolle spielen.

Als wir die steinige Rückseite der Schijenflue erreichen, fangen die Gipfel in der Ferne langsam an, Orange zu leuchten. Der Himmel über uns ist noch Dunkel, als wir Schritt für Schritt durch Felsen und über Geröll steigen. „Kann man gar nicht glauben, wenn man die steile Felswand vorne sieht, dass der Berg von hinten so flach ist, oder?“, flüstert Dominik in die Nacht. Und nein, das kann man wirklich nicht glauben. Wieder eröffnet sich hier eine neue Welt, die auf den Karten und aus der Ferne ganz anders wirkt. 

Der Sonnenaufgang auf 2.626 Metern über null ist einer dieser Momente, bei denen wir schon währenddessen wissen, dass wir sie nie wieder vergessen werden. Er ist Teil dieses großen Ganzen: dieser Wanderung ohne Wege, wild, einsam und echt. Ganz bestimmt werden wir ihn auch in Erinnerung behalten, weil es kaum etwas Magischeres gibt, als in jeder Himmelsrichtung ein Meer aus Gipfeln zu bestaunen, das seine Farbe langsam wechselt. Dunkelblau, blassgrau, violett, orange. Mit jedem Wimpernschlag, mit jedem Auslöser der Kamera, ist die Farbe eine andere. Nach und nach fangen die Gipfel an zu strahlen, die Felswände des Rätikon leuchten, und es dauert nicht lange, da erhebt sich der orange Sonnenball genau zwischen zwei Gipfeln, die am Horizont ein V bilden. 

Diese Magie zieht sich durch den Wandertag, als wir von der Schijenflue zur Wiss Platte queren. Durch ein zerfurchtes Felsgelände, das die Geschichte eines Gletschers erzählt, der sich mit gewaltiger Kraft ins Tal geschoben hat. Die Felsen sind groß wie Autos, manche ganz weich, rund, wellenförmig. Andere scharf und spitz wie eine Klinge. Die Magie hält an, als wir in der Mittagshitze auf der Wiss Platte stehen und auch dann, als wir von blanken Felsen in ein Meer aus Alpenrosen wechseln.

Kurz bevor wir unser Tagesziel erreichen, die Carschinahütte des Schweizer Alpen-Clubs, fällt mir auf, dass wir nur zweimal für einen kurzen Moment anderen Wanderern begegnet sind.

„Wie ich’s versprochen hab“, sagt Dominik mit einem Zwinkern. 

Auf diesen letzten Metern erzählt er, dass er genau das schon immer gesucht habe: die wilde Natur und ihre Einsamkeit. Dass er in Kanada sein Lieblingsland gefunden hat und davon nicht genug bekommen kann. Und auch, dass er sich genau deswegen nie vorstellen könnte, anderswo in der Schweiz zu leben. Und so langsam dämmert mir, was er damit meint. Das Gespräch über die wilde Natur ist längst nicht zu Ende, als die Sonne an diesem Tag wieder unter geht. Die Schijenflu sehen wir dieses Mal von ihrer Vorderseite, und auch die berüchtigten Gipfel der Drii Türm, das Schweizer Tor und die Schesaplana strahlen im warmen Sommer-Sonnenuntergang.

Wir sitzen auf der Terrasse der Hütte und Dominik erzählt von Routen, die ihm schon länger im Kopf herumgeistern. Er deutet nicht länger auf die, die er kennt, sondern malt Wege in die Luft, die er ausprobieren möchte. Es gibt einige, vielleicht ändert sich unterwegs aber auch alles. „Das ist das Wichtigste, wenn wir uns eigene Wege im alpinen Gelände suchen“, sagt Dominik.

„Wir müssen verstehen, dass die Natur die Routen vorgibt.“

Sobald er die Welt der Berge betritt, handelt Dominik intuitiv, er passt sich an das an, was ihm der Berg vorgibt. Am Ende nämlich spielt es keine Rolle, wo genau wir laufen, ob wir die Wege in- und auswendig kennen. Oder noch nie gesehen haben. Die Berge schreiben immer neue Geschichten für die, die genau hinsehen. Die den Blick haben für die kleinen Wunder am Wegesrand.

Dominik hat ihn, diesen Blick. Am letzten Tag unserer Wanderung beobachtet er eine Murmeltier-Familie, bevor ich überhaupt wahrgenommen habe, dass wir in ihrer Gesellschaft laufen. Er sieht Hummeln, die höher fliegen als üblich und riecht die Alpenrosen, bevor sie hinter der nächsten Kurve auftauchen. In all diesen Momenten funkeln seine Augen, Glück breitet sich auf seinem Gesicht aus. Und auch auf meinem. Weil ich abseits der Wege in eine neue Bergwelt eintauche. Und weil wir sie gefunden haben. Die Freiheit zwischen den Felsen.

Text: Franziska Consolati
Fotos: Franziska Consolati & Michèle Grun

ZUM NACHWANDERN

Übernachtung & Verpflegung
Das Bergsteigerdorf St. Antönien ist das Tor zum Rätikon auf Schweizer Seite und ein guter Ausgangspunkt für Wanderungen. Die Berghäuser Sulzfluh und Alpenrösli auf der Alp Partnun sind gute Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten für Mehrtagestouren. Außerdem die weiter oben gelegene Carschinahütte des Schweizer Alpen-Clubs. Wer weiter wandern möchte, kann von dort aus zur Schesaplanahütte laufen.

Geführte Touren
Wer die Bergwelt des Rätikon abseits der markierten Wege, aber in Beisein eines Wanderleiters erkunden möchte, kann zu Dominik Karrer über seine Website http://www.2000plus.ch Kontakt aufnehmen. 

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