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Ganz normaler Vinschgau?

Der Vinschgau. Südtirols Juwel, gleich im doppelten Sinne. Überdurchschnittlich viele Sonnenstunden und intakte Natur treffen hier auf ein ausgedehntes Mountainbike-Netz, Berghütten weit über der Baumgrenze und Steillagen, die kaum zu bewirtschaften sind. Nein, normal ist das nicht. Oft aber auch alternativlos. Und besucht man die Vinschgauer, so spürt man, dass es so wie es ist, gerne auch bleiben darf.

Wolkenkratzer

Starke drei Stunden steige ich nun schon bergauf. Der Vinschger Höhenweg, im Ganzen mehr als 100 Kilometer lang, zieht sich malerisch schön über die Südhänge des Etschtales. Ich befinde mir auf der vierten Etappe. Hoch über Schlanders. Inmitten der Wolken. Die Situation: wahrhaftig aussichtslos.  


Normalerweise glänzt der Weitwanderweg mit prächtigen Ausblicken, doch heute konzentriere ich mich lieber auf die kleinen Dinge am Wegesrand. Und auch die lohnt es sich zu entdecken. Das kleine Patsch beispielsweise, heute nicht mehr als eine Ruine, wurde bereits 1325 das erste Mal urkundlich erwähnt. Gewiss ist es nicht, doch vermutlich dienten die steinernen Gemäuer Bergknappen als Unterschlupf. Lange nachdem der Erzabbau eingestellt wurde, führten Brände und extremer Wassermangel zu Auflassung des Hofs. Ein Schicksal, das sich Patsch mit Zuckbichl und Laggár teilt. Auch diesen Überbleibseln begegne ich auf meinem Weg. Wie die Nebelfetzen durch die Mauern ziehen, fällt es mir leicht, mich in die damalige Zeit zurückzuträumen. Alles wirkt so geheimnisvoll. Friedlich. Und ruhig. Weiterer Vorteil des Wetters: Ich habe den Weg, sogar die spektakuläre Hängebrücke über das wilde Fallerbachtal ganz für mich allein.


Auch wenn ich es nicht sehe, so kann ich spüren in welch extremen Gelände ich mich befinde. Selbst als ich wieder auf breitere Wege stoße, so höre ich kurz vor St. Martin im Kofel Kuhglocken, nicht weit, dafür hoch über mir, während zu meiner Rechten die Weide bodenlos ins Nichts abfällt. Normal ist das nicht. Aber irgendwo hier muss er sein. 

Af‘ Egg 35

Markus und Gertraud Kaserer bewirtschaften einen der extremsten Bergbauernhöfe Südtirols. Rings um das Haus stürzen die Wiesen bergab. Gemäht wird hier mit Steigeisen, meistens auf einem Fuß stehend, ein Knie in den Hang gestützt. Ein paar Ziegen, Schafe und drei Hochlandrinder. Mehr ist aus den Hängen nicht rauszuholen. Und dennoch hat sich Markus erst vor einem Jahr dazu entschieden, diesen Hof zu kaufen. 


Seitdem hat sich einiges verändert. In der kleinen Stube bewirtet das Paar Wanderer, einfach, aber gut. Markus Mutter ist unweit von hier aufgewachsen. Er selbst ist Bergbauer durch und durch – und stolz darauf dieser Aufgabe Herr zu werden. Beschwerlich ist das Leben hier dennoch. Im Winter, so erzählt er, könne man hier oben wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten sein. Beidseitig des Hofs ziehen dann lange Lawinenkegel ins Tal. Daran ändert auch die Straße nichts, die erst in den 80er Jahren gebaut wurde. Und selbst von einer Zeit ohne Strom kann Kaserer noch berichten. Wie ich den Ziegenkäse genieße, lausche ich den Geschichten, tauche ein in das Leben von damals, mit all seiner Härte, aber auch mit der Schönheit, die es zu finden, die es zu lieben lohnt. 


Der Hof, gelegen auf 1670 Metern, ist heute einfacher zu erreichen als noch damals. Familien mit Kindern erwandern ihn gerne in einer knappen Stunde von der Bergstation der Seilbahn in St. Martin im Kofel. Auf meinem Weiterweg dorthin, sehe ich noch einmal die Wiesen und Weiden, von denen Markus mir erzählte. Allein für diesen Anblick muss man schon schwindelfrei sein. Nein, normal ist das nicht.


Audienz beim König

Der Vinschgau zieht sich größtenteils von Ost nach West, bis nach Meran. Der weite Talgrund dient Obstbauern als fruchtbarer Boden, meist für riesige Apfelspaliere. Die außergewöhnliche Topografie geht einher mit sonnenüberfluteten Hängen im Norden und mit schattigen Wäldern südlich der Etsch. Doch der Vinschgau ist noch mehr.


Ganz im Westen erklimmt das Stilfser Joch eine Höhe von spektakulären 2758 Metern. Weit weniger hoch, dafür aber einmalig schön, ist der Reschenpass im Norden. Diese beiden Zufahrtsmöglichkeiten haben aber dennoch etwas gemein: Eine beeindruckende Sicht auf den 3905 Meter hohen Ortler. Zurecht trägt dieser Eisgigant den Beinamen „König“.


Normalerweise kann man im späten Frühjahr das Stilfser Joch unschwierig mit dem Auto erreichen. Diesen Frühling aber liegt der Schnee lange. Die Auffahrt bis zur Franzenshöhe lohnt aber dennoch, beginnen hier doch ganz wunderbare Wanderwege, mit Prachtblick zum höchsten Gipfel des Vinschgaus. Auch sollte man sich die Aussichtsterrasse am tiefergelegenen „Weißen Knott“ nicht entgehen lassen, steht hier doch ein echtes Stück Alpingeschichte. Ein steinerner Obelisk, zu Ehren der Erstbesteiger des Ortlers.

Erzherzog Johann von Österreich gab 1804 den Befehl, den Ortler, höchster Berg der Donaumonarchie, ersteigen und erforschen zu lassen. Auch wenn einige vor ihm scheiterten, so stellte der Gämsjäger Josef Pichler als erster seinen Fuß auf den höchsten Punkt des Ortlers. Er war es auch, der im Hintergrat eine zweite, schwierigere Aufstiegsmöglichkeit fand. Das „Pseierer Josele“, wie er im Volksmund genannt wurde, stand zwischen 1804 und 1834 insgesamt zehn Mal auf dem König des Vinschgaus. Normal? Nein, sicher nicht! 


Den Ausblick genießend kann ich am Weißen Knott noch ein wenig die mächtigen Gletscherschilde bestaunen, beobachte sogar, wie einige der Eismassen donnernd über eine Felswand ins Tal stürzen. Dann aber kehrt Ruhe ein. Die Dämmerung beendet gnadenlos die Audienz beim König.


(...)

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