Michi Manhart macht’s möglich

Neue Bergbahnen haben den Arlberg im vergangenen Jahrzehnt zum größten zusammenhängenden Skigebiet Österreichs gemacht. Das mondäne Lech ist das perfekte Basislager, um die mehr als 350 Pistenkilometer unter die Kanten zu nehmen.

7.30 Uhr, der Wecker klingelt. Das an sich ist schon eine Zumutung. Denn wir liegen nicht in den Betten einer x-beliebigen Frühstückspension, sondern in den federleichten Daunen des Lech Aurelio. Das Fünf-Sterne-Superior-Haus des russischen Oligarchen Oleg Wladimirowitsch Deripaska ist eines der drei besten Boutique-Hotels der Alpenrepublik. Punkt. Da würde man sich gern noch einmal umdrehen. Oder schon beim Frühstück stundenlang trödeln und schlemmen, bis die Skihose spannt. Aber: Wir haben dafür keine Zeit, denn wir sind auf einer Mission. Und die erfordert strenge Disziplin.

Michi Manhart ist einer der Köpfe des Erfolgs von Lech-Zürs.

Wir haben uns nämlich die Giga-Runde vorgenommen: „Run of Fame“ heißt sie, 65 Pistenkilometer ist sie lang, rund 18.000 Höhenmeter sind bei den Abfahrten zu überwinden. Auf der Ruhmes-Runde erkundet man selbst die entlegensten Ecken des Arlbergs, dem größten zusammenhängenden Skigebiet Österreichs. Es reicht von Warth-Schröcken in Vorarlberg bis nach St. Anton in Tirol: mehr als 350 Pistenkilometer, 97 Lifte und Gondeln. Vor allem aber: Es gibt jetzt keine „missing links“ mehr, die es früher notwendig machten, in den Skibus zu steigen, um zum Beispiel von der St. Antoner Seite nach Zürs und Lech zu gelangen. Die neuen Trittkopfbahnen, die Albonabahn II und vor allem die neue Flexenbahn schließen seit dem Winter 2016/17 diese Lücke. 45 Millionen Euro haben die Bergbahnbetreiber dafür in die Hand genommen. Es war das (vorerst) letzte Großprojekt am Arlberg, nachdem 2013 der Auenfeldjet bereits die Verbindung von Lech nach Warth hergestellt hatte.

Auf die Plätze, fertig, los! Direkt vom Aurelio – Ski-in, Ski-out – geht’s zur Talstation der Schlegelkopfbahn. Kurze Abfahrt zum Auenfeldjet und hinüber ins Skigebiet von Warth. Mit dem Sonnen-Jet hoch zum Saloberkopf. Sinkflug zur Karhorn-Talstation und wieder nach oben. Jetzt abfahren zum Steffisalp-Express, dem nördlichen Wendepunkt der Super-Runde. Dann geht’s im Jojo-Prinzip wieder zurück nach Lech. Wir werfen einen sehnsüchtigen Blick auf das Aurelio, dessen Sonnenterrasse am Pistenrand sehr verlockend aussieht. Eine Pause gönnen wir uns aber nicht. Wer weiß, was der Tag noch so bringen wird.

Das Aurelio gehört zu den besten Boutiquehotels ganz Österreichs.

Der Mann, dem wir unsere temporäre Unentspanntheit verdanken, heißt Michael Manhart, 79, Diplom-Ingenieur. Auf dem Kennzeichen seines SUV prangt das Kennzeichen „SKI 1“ – und genauso möchte er das auch verstanden wissen: Lech, der Arlberg, soll die Nummer eins unter den Skigebieten sein, alpenweit, am besten weltweit. Manhart ist Seilbahner mit Leib und Seele: Geschäftsführer der Skilifte Lech, der Rüfikopf-Seilbahn, der Bergbahn Lech-Oberlech, der Skilifte Schröcken Strolz GmbH sowie des Auenfeld-Jets. Aber er ist eben nicht nur angestellter Manager, sondern einer der größten Eigner dieser Gesellschaften. Vor allem: ein Innovator, ein Antreiber. Er hatte sich jahrzehntelang für die Verbindung mit Warth-Schröcken stark gemacht. Weil die acht Kilometer lange Straße von Lech nach Warth im Winter wegen Lawinengefahr gesperrt ist, waren die beiden Orte Lichtjahre voneinander getrennt, jetzt sind es nur noch wenige Gondelminuten.

Damit gab sich der „Michi“, wie ihn seine Freunde und wohl auch seine Gegner nennen, nicht zufrieden. Er warb für den Zusammenschluss auch mit St. Anton. Das war dann doch sehr mutig, denn die beiden Bundesländer – St. Anton liegt auf Tiroler Seite, Lech-Zürs in Vorarlberg – sind sich nicht immer grün. Manhart war das egal. Um den Status des Arlbergs als Top-Destination zu erhalten, brauche es eine perfekte Infrastruktur. Und genau die finde der Gast eben nicht vor, wenn er in einen überfüllten Skibus steigen muss, um zwischen den beiden Revieren zu pendeln. Der Bau der Flexenbahn war deshalb für ihn ein logischer Schritt. Den Bedenkenträgern, die um die Exklusivität von Lech fürchteten, erteilte er eine Absage: „Das Argument musste meine Mutter schon hören, als sie damals den gemeinsamen Arlberg-Skipass einführte. Hat das Lech Gäste gekostet? Na eben!“

Nun ja, so ganz Unrecht haben die Kritiker nicht. Fakt ist: In Warth steigen seit der Fusion zahlreiche Skifahrer ins Karussell ein, für die es früher in Lech hieß: „Wir müssen draußen bleiben.“ Dazu gehören offenbar auch viele nicht gerade großzügige Schwaben. Robby Fuhrmann, der Wirt des Edel-Restaurants am Schlegelkopf, meint, einige würden die Preise auf der Karte per se abschrecken. Aber dann gäbe es auch solche Kandidaten, die beim Trinkgeld sparten. Das sei früher, als er hier die legendäre Eisbar betrieb, anders gewesen. Das Publikum sei jetzt weniger homogen.

Weiter geht’s. Rüfikopf, Schüttboden, Trittalp, Abfahrt zum Hexenboden und wieder hinauf zur neuen Flexenbahn. Doch bevor wir in die neue Vorzeige-Gondel steigen, machen wir einen Abstecher in die „Hall of Fame“, nach der die Giga-Runde benannt ist. In dem kleinen Museum feiern die Tourismusmanager all jene, die den Arlberg zur Wiege des Skifahrens machten: Johann Müller, den Pfarrer von Warth, der sich 1895 die ersten Skier aus Skandinavien schicken ließ; die Gründer des ersten Skiklubs im Arlberg-Hospiz, den Bauernbub Hannes Schneider, der die berühmte Arlberg-Skitechnik erfand und die erste Skischule gründete. Dann schweben wir mit der Flexenbahn hinüber nach Stuben. Die nervige Busfahrt über den Flexenbahn – tempi passati. Hoch mit dem Valfagehr-Sessel, dann auf dem langen Zieher weiter nach St. Anton. Rendl, Riffel I und II, endlich oben auf der Riffelscharte – und damit am südlichen Wendepunkt der Ruhmes-Runde, Luftlinie maximal weit weg von der Steffisalp im Norden.

Was wir als Zwischenstand schon mal festhalten können: Der „Run“ ist ein echter Umsatz-Killer für die Gastronomen am Berg! Denn die XL-Runde macht zwar hungrig, aber man traut sich gar nicht so recht, eine längere Pause einzulegen. Dem Manhart Michi wird’s nicht unrecht sein, wenn „seine“ Lecher“ Gäste – so wie wir – erst dann zum Einkehrschwung ansetzen, wenn sie sich auch wieder auf Lecher und Zürser Pisten befinden und sicher sein können, die Runde zu schaffen, bevor die Lifte schließen. Natürlich gilt diese Überlegung auch andersherum: Wer in Warth oder St. Anton einsteigt, wird wohl nicht schon in Lech Pause machen. Übrigens ist es nicht so schlimm, wenn während des „Runs“ die Beine schwer werden: Es gibt als Back-Up ja immer noch den Skibus über den Flexenpass. Wer schon mal in Samnaun gestrandet ist und das Auto in Ischgl geparkt hatte, dürfte diesen Service sehr zu schätzen wissen.

Die Höhenlage der Orte am Arlberg garantiert Schneesicherheit.

Eine gute Infrastruktur ist für Michael Manhart –  neben Exklusivität und Schneesicherheit – eben das A und O eines erfolgreichen Skigebietes. Für genügend Schnee auf den Pisten hat er stets selbst gesorgt, um die „Firma Lech“ (8.300 Gästebetten, 350 bis 400 Millionen Euro Umsatz pro Winter, 3.500 Jobs) am Laufen zu halten: Bereits 1972 entwickelte er eine Pistenfräse, die Eisplatten zu Schnee macht und pulverisiert. Er hätte diese Erfindung damals gern zum Patent angemeldet, hatte aber kein Geld und musste anderen den Vortritt lassen. Heute ist die Fräse überall Standard. Auch der Arlberg-Jet, die erste Schneekanone, die bei den Olympischen Spielen in Calgary 1988 zum Einsatz kam, entstand auf Manharts Skizzenblock. Sein Warnruf lautet: „Ein Winter ohne Schnee und Lech ist platt!“ Das gelte es unter allen Umständen zu vermeiden. Weshalb derzeit mehr als 400 Schneekanonen im Einsatz sind, um die Hälfte der Pisten rund um Lech und Zürs zu beschneien. Die weltweit erste Sitzheizung für Bergbahnen geht ebenfalls auf seine Initiative zurück. Und er ist Miterfinder und -entwickler der „Lawinenorgel“, des ersten fernsteuerbaren Sprengstoffwerfers zum Auslösen von Lawinen. Österreichs Bundespräsident hat ihm unter anderem für diese Erfindungen 1993 den Titel „Technischer Rat“ verliehen. Sein neuestes Projekt: Er möchte die künstliche Beschneiung automatisieren, die Kanonen per Funk ferngesteuert betreiben. Niemand in Lech hat Zweifel, dass ihm das gelingen wird.

Manhart hat ja auch hingekriegt, dass Lech – trotz des Pistenverbundes – ein exklusives Pflaster bleibt. Er sagt: „Unsere Gäste freuen sich im Frühjahr dank des Auenfeld-Jets über die meist noch schneereichen Nordhänge in Warth-Schröcken.“ Dafür nehme er gern in Kauf, dass einige Skifahrer auch von Warth nach Lech kämen. Immerhin verstopfen sie nicht den Ort, denn das Auto können sie ja nicht mitbringen. Und auch von jenseits des Flexenpasses dürfen nicht beliebig viele Skifahrer mit dem Pkw nach Lech: Um die von der Landesregierung geforderte Verkehrsberuhigung umzusetzen, hatte Manhart die Idee, die Zahl der Tagesgäste zu begrenzen. Maximal 14.000 dürfen es sein. Kritiker hatten Zweifel an der Zählung, doch Manhart überzeugte die Politiker mit einem zuverlässigen Registrier-System an den Drehkreuzen. Ist die maximale Zahl an Tagesgästen erreicht, werden Reisende via Verkehrsfunk und Schilder an den Zufahrtsstraßen darüber informiert, dass der Verkauf von Tageskarten beendet ist. Im vergangenen Corona-Winter war das freilich kein Thema, weil ja nur Einheimische Skifahren durften.

Der Arlberg ist natürlich auch ein Paradies für Freerider.

Allmählich zieht es doch ein bisschen in den Oberschenkeln. Beim Rückweg von St. Anton (Galzigbahn, Tanzböden, Schindlergrat) kommen noch einmal ordentlich Höhenmeter zusammen. Hinab zur Alpe Rauz, dann zum zweiten Mal in die Flexenbahn. Vom Trittkopf nach Zürs, wieder hoch zum Madloch-Joch, und auf dem „Weißen Ring“, der berühmten Klassik-Runde von Zürs und Lech, nach Zug. Weil es seit drei Wochen nicht ordentlich geschneit hat und hier Gott und die Welt unterwegs sind, ist die Abfahrt in einem miserablen Zustand: Steine wechseln sich mit Eisplatten ab, da helfen anscheinend auch Herrn Manharts Erfindungen nichts. Uns soll’s egal sein, denn wir wissen: Den „Run of Fame“ haben wir so gut wie in der Tasche. Noch einmal Lift fahren, hinauf zur Balmalp, und dann geht’s nur noch bergab. Es wird aber auch Zeit, die Zeiger der Uhr stehen bereits auf halb vier. Ziemlich genau um 16 Uhr schnallen wir vor dem Aurelio die Ski ab. Eine Punktlandung. Und noch jede Menge Zeit, um den Luxus des Hotels ausgiebig zu genießen.

Autor: Günter Kast
Fotos: TVB Lech-Zürs, Hotel Aurelio Lech

INFO LECH-ZÜRS / ARLBERG

Gut verbunden:
Im Epizentrum des XXL-Skigebietes

„Der Weiße Ring“, der „Weiße Rausch“ – der Arlberg ist ein Synonym für berühmte Ski-Safaris und Rennen. Der „Run of Fame“ kam im Winter 2016/2017 dazu, dank der neuen Flexenbahn. Sie verbessert die Mobilität zwischen den einzelnen Sektoren ganz erheblich, Skifahrer können die abwechslungsreichen Pisten noch besser nutzen. Die Routenführung des „Run of Fame“ gibt es hier zum Download: http://www.flexenbahn.ski/en/run-of-fame.html

Allgemeine Infos
www.lech-zuers.at

Anreise
Mit dem Flugzeug bis Innsbruck, Memmingen oder Friedrichshafen; mit der Bahn (www.oebb.at) bis Langen am Arlberg, weiter mit Taxi oder Bus (Linie 91, ca. 20 Min.); mit dem Pkw via Arlbergtunnel (Maut)! oder Bregenz (Vignettenpflicht). Achtung: Die Straße Lech-Warth ist im Winter gesperrt. Für die Fahrt über den Flexenpass sollte man Schneeketten mitführen.

Wohnen
Man sollte sich ein oder zwei Nächte im Fünf-Sterne-Superior-Hotel „Aurelio Lech“ (www.aureliolech.com) gönnen. Von außen wirken die drei Chalets im Vorarlberger Stil (geschätzte Baukosten: 30 Millionen Euro) eher unscheinbar, im Haus ist die Atmosphäre privat, es gibt nur 19 Zimmer und Suiten, die der französische Innenarchitekt Tino Zervudachi individuell eingerichtet hat. Gegessen wird im mit vier Hauben von Gault-Millau dekorierten Restaurant „Aurelio’s“. Hier trifft man schon mal Star-Regisseur Roland Emmerich beim Dinner. Verwöhnte Gourmets sollten das große „Natural Art Cuisine“-Menü von Chefkoch Christian Rescher mit Getränkebegleitung probieren – und mindestens zwei bis drei Stunden Zeit mitbringen!

Geschäftsführer des Boutiquehotels ist Axel Pfefferkorn, Spross einer bekannten Lecher Gastronomen-Familie. Ihm ist es gelungen, die Lecher auf seine Seite zu ziehen, denn nach der Eröffnung 2008 war das „Russen-Hotel“ des Oligarchen Deripaska zuerst nicht sehr beliebt. Inzwischen räumen aber alle ein, dass das Haus eine Bereicherung für den Ort ist, in dem sich auch die Einheimischen wohlfühlen.

Restaurants
Ein neues gastronomisches Highlight ist das Restaurant an der Bergstation der Schlegelkopfbahn (www.schlegelkopf.at).

Das von Robby Fuhrmann geführte Lokal feiert die Städtepartnerschaft von Lech mit Hakuba (Japan), Beaver Creek (Colorado, USA) und Kampen auf Sylt. Auf den Tisch kommen deshalb unter anderem Sushi & Sashimi, Steaks & Burger sowie Sylter Austern. Gut für den Einkehrschwung während des Skifahrens ist auch die Balmalp-Hütte (balmalp.at). Ansonsten wartet Lech mit der größten Haubendichte pro Einwohner weltweit auf!

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