Weiß. Weißer. ARLBERG

Vom weißen Gold in einem der schneesichersten Skigebiete der Alpen.

Titelfoto: © Christoph Schöch | Lech Zürs Tourismus

Gut kann ich mich noch dran erinnern: Mit der Riffelbahn II schwebten wir bei bestem Wetter hinauf, bis auf eine Höhe von 2650 Meter. Minute für Minute wurde dabei mein Grinsen breiter, bis wir schließlich voller Vorfreude aus den Sesseln stiegen. Unter unseren Skischuhen knarrte es. In unseren Augen blendete es. Und wir wussten: Haben wir erstmal den Arlberger Winterklettersteig hinter uns gebracht, dann wird es unter uns zuerst nur leise zischen, kurz danach aber in eindrucksvollen Wolken nach links und rechts hinwegstauben: Da war es also, das weiße Gold des Arlbergs.

© Lech Zürs Tourismus | Daniel Zangerl

Naturschnee? Na logisch!
Der Arlberger Winterklettersteig zieht spektakulär über die Vordere Rendelspitze, bis hin zur Mitterkarspitze. Im Winter ist hier oben, kurz unterhalb der 3000-Meter-Marke, natürlich immer mit Schnee zu rechnen, weswegen vor einer Begehung die Verhältnisse sowie die Lawinenlage genau überprüft werden sollten. Dann steht dem alpinen Naturschnee-Abenteuer aber nichts mehr im Wege. Mit den Skiern auf dem Rücken geht es zuerst den Grat entlang, dann über optimal geneigtes Powder-Gelände durchs gigantische Malfontal zurück in die Zivilisation. Auf dem ganzen Weg wird man keiner einzigen Beschneiungsgeräte begegnen. Warum auch? Am Arlberg fallen jährlich bis zu elf (!) Meter Schnee!

Elf Meter Schnee? Das ist in etwa so hoch wie ein viergeschossiges Gebäude! Ja, richtig, das sind beeindruckende Massen, die übrigens nicht nur im ruhigen Malfontal für die Erfüllung kühnster Winterträume sorgen, sondern auch überall sonst am Arlberg. Der Skigebiets-Zusammenschluss SKI ARLBERG besteht dabei aus drei Hauptgebieten: St. Anton, St. Christoph und Stuben, die am Arlbergpass auf Tiroler, beziehungsweise Vorarlberger Seite liegen. Etwas weiter nördlich findet man Lech, Oberlech und Zürs, drei Regionen, die das Verbindungsglied in den Norden darstellen, wo sich im Lechtal, fast schon an der Grenze zu Deutschland Warth und Schröcken befinden. Am Sonnenkopf im Klostertal sowie im unteren Lechtal bei Bach-Stockach, Stanzach, Elbigenalp und Holzgau finden sich weitere Skigebiete im SKI ARLBERG Zusammenschluss. Sie alle freuen sich Jahr für Jahr über gigantische Schneemengen. Aber wo kommen die eigentlich her?

© Lech Zürs Tourismus | Daniel Zangerl

Lage, Lage, Lage!
Lechtal, Klostertal und Stanzertal. Sie liegen eigentlich gerade nur einen Steinwurf hinter den südlichsten Ausläufern der Deutschen Allgäuer Alpen, liegen somit nicht einmal außergewöhnlich hoch. Dennoch aber gilt SKI ALRBERG als wahres Schneeloch! Ganz so einfach ist es allerdings nicht, denn auch wenn, oder gerade weil SKI ARLBERG einen der größten Gebietszusammenschlüsse der Alpen darstellt, muss differenziert werden. Die Unterregionen liegen oft von gigantischen Gebirgsketten getrennt in unterschiedlichen Tälern. Einige der Täler haben eine Nord-Süd-Ausrichtung, andere verlaufen von Ost nach West. Und selbst dann gibt es noch hohe Pässe, über welche zwar Straßen führen, die aber das Wetter ganz ordentlich durcheinanderbringen können. In St. Anton fällt so zum Beispiel nur etwas mehr als die Hälfte der Schneemassen, die im nahegelegenen Stuben niedergehen. Getrennt sind die beiden Ortschaften lediglich durch eine zehn Kilometer lange Straße. Die aber führt über den 1793 Meter hohen Arlbergpass, der die starke Schnee-Differenz erklärt. 

Den meisten Schnee bekommt demnach der Hochtannbergpass ab. Zwischen Warth und Schröcken fallen in einem Winter durchschnittlich 1.123 Zentimeter Neuschnee. Zum Vergleich: Im außerhalb von SKI ALRBERG gelegenen Dorf Damüls, welches sogar einmal als schneereichstes Dorf der Welt betitelt wurde, fallen lediglich 930 Zentimeter. Wen interessiert es da noch, dass der Hochtannbergpass diesen Titel zwar verpasst hat, aber nur, weil der Pass selbst mit größter Fantasie nicht einfach zu einem Dorf erklärt werden kann?

© Lech Zürs Tourismus | Daniel Zangerl

Schneespektakel und Winterträume
Der Winter ist nicht mehr das, was er mal war? Am Arlberg ist er das, sogar ziemlich deutlich! Immer wieder schafft es die Region in die Schlagzeilen, weil die enormen Schneemengen nicht nur wunderschön aussehen und die Herzen von Powder-Fans höher schlagen lassen, sondern auch, weil Straßen gesperrt, Lawinen gesprengt und Dächer freigeschaufelt werden müssen. 2012 fielen am Arlberg allein an einem Wochenende mehr als zwei Meter Schnee. Die Winter am Skiberg Galzig, südlich der berühmten Valluga, wird streng genommen sogar eher kälter als wärmer – SKI ARLBERG scheint vom Klimawandel unberührt zu sein. (Zumindest gilt das für den Winter. In den Sommermonaten ist in den letzten Jahren durchaus eine Steigung der Durchschnittstemperaturen verzeichnet worden, welche auch der Rückgang der Wintertemperaturen im Gesamtjahresdurchschnitt nicht mehr kompensieren kann.)

Schuld an dem ganzen Schneespektakel hat ein Wetterphänomen, dass mittlerweile schon Berühmtheit erlangte: Der Nordstau, der eigentlich relativ einfach erklärt werden kann. Luftmassen können von Norden ungehindert an die Alpen heranströmen. Kleinere, freistehende Gebirgsstöcke beispielsweise werden von diesen Luftmassen um- und nicht überströmt. Erst wenn diese Luft auf ein wirklich ernstzunehmendes Hindernis trifft, und die ost-west-ausgerichteten Nordketten der Alpen sind ein solches ernstzunehmendes Hindernis, müssen die Massen versuchen das Gebirge zu überströmen. Dabei steigen sie zwangsläufig in kältere Luftschichten auf, wo sie kondensieren und als Regen, beziehungsweise im Winter als Schnee herabrieseln. 

Damit lässt sich so einiges erklären. Die Nordalpen bekommen das volle Schneepaket vom Norden, weil es schlicht nicht über die Alpenhauptkamm passt. Südtirol verzeichnet dafür eine Rekordsumme an Sonnentagen – was ja auch nicht ganz übel ist.

Insgesamt spielen SKI ARLBERG gleich noch eine ganze Handvoll weiterer Begünstigungen in die Hände: Wind und seine Richtung. Kleinere topografische Besonderheiten. Oder die stärke der Strömung, sowie die Schichtung der Atmosphäre. (Wer sich übrigens genauer über diese Effekte, das Wetter und den Schnee informieren möchte, findet in dieser Ausgabe einen spannendes Interview mit dem „Wetterpapst“ Karl Gabl.) 

Das alles erklärt also, warum am Arlberg die Saison von Anfang Dezember bis Mitte April genossen werden kann. Fast!

© Lech Zürs Tourismus | Daniel Zangerl

„Frau Holles irdische Gehilfen“
So nennen die Arlberger ihre technischen Helferlein, und die haben es so richtig in sich! Sicher: Der Schnee am Arlberg kommt immer, aber manchmal schlägt eben auch der Winter Kapriolen. Der Winter aber muss planbar sein – das wünschen sich nicht nur Betreiber und Angestellte, sondern selbstverständlich auch die Gäste, die manchmal schon Monate vor dem ersten Schneefall den Winterurlaub buchen. In Warth Schröcken hat man aus diesem Grund eine der modernsten Schneeanlagen der gesamten Alpen installiert. So rieselt das Arlberger Gold zuverlässig – und dafür braucht es nichts weiter als klare Bergluft und Wasser aus dem Hochalpsee. Durch sogenannte Nukleatordüsen wird dieses Gemisch mithilfe von Druckluft in die kalte Bergwelt gepustet, wo sich erste Kristallkeime bilden. An ihnen setzen sich immer mehr Wassertröpfchen ab, die anfrieren und schließlich als Schneekristall zu Boden fallen. Dafür ist Feingefühl gefragt: Je besser man seine Maschine kennt, desto besser das Ergebnis. 

“Schneemachen ist eine Kunst, für die man viel Erfahrung und Teamarbeit braucht, damit die Qualität überall auf der Piste stimmt. Die Steuerung der gesamten Schneeanlage ist vom Computer aus möglich, allerdings gehen wir auch in der Nacht auf Kontrollfahrt mit dem Skidoo und müssen die Beschaffenheit des Bergs genau kennen, um die beste Qualität zu garantieren“ Fritz Schlierenzauer, der jeden Morgen den Schnee vermisst, weiß wovon er spricht. Schließlich beobachtet er schon seit mehr als 30 Jahren den Schnee am Arlberg so genau wie kaum jemand anderes. „Das sind wir dem Ruf des Skigebiets als Schneegarant einfach schuldig,“ ergänzen da seine Kollegen und dem kann Fritz Schlierenzauer nur zustimmen, obwohl er natürlich aus langjähriger Erfahrung weiß: Früher oder später kommt es immer. Das weiße Gold des Arlbergs.

Autor: Benni Sauer

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