Flach liegt das kupferfarbene Gras unter meinen Füßen. Unzählige Tautropfen lassen es prächtig aufleuchten, immer dann, wenn sich die Sonne einmal mehr durch die Wolkendecke kämpft. Meist kann ich dieses Schauspiel nur für wenige Minuten beobachten. Dann verschwindet alles wieder in einem monotonen Grau, das alle Farben, die großzügigen Grasmatten, jeden Ton und sogar die Wanderer auf diesem Weg verschluckt. Der Herbst ist eine raue Zeit, hier auf der Turracher Höhe. Dabei sind es die kleinen, die unscheinbaren und gut versteckten Geheimnisse, die gerade in dieser Jahreszeit den gesuchten Kontrast erzeugen. Das ist heute noch so, wie schon vor vielen hundert Jahren.
Zwischen Steiermark und Kärnten
Bis auf 1800 Meter führt mich die Passstraße hinauf. Unweit von hier, einige Kilometer im Westen, da laufen auf dem Königstuhl sogar noch die Grenzlinien des Salzburger Landes aufeinander. In diesem Dreiländereck werde ich die kommenden Tage verbringen. Auf wunderschönen Wanderwegen. In einem der größten geschlossenen Zirbenwälder Österreichs. Auf geschichtsträchtigen Routen. Und gemeinsam mit Susanne, der Almbutlerin hier oben.
Albutlerin? Richtig gehört! Die Albutler führen nicht nur sicher und lehrreich durch die Natur, sondern sind immer auch für eine Überraschung gut. Eine warme Tasse Tee beispielsweise, aus selbstgepflückten Kräutern! Eine leckere Stärkung, die mal eben aus dem Rucksack gezaubert wird! Bis hin zu ganz besonderen und individuellen Erlebnissen. Eine Sonnenaufgangstour wahrwerden lassen? Einmal die Konzentration beim Bogenschießen bündeln? Oder mit den Kids auf sagenhaften Wanderwegen der Region Verb. Die Almbutler sind wahre Premium-Guides und ermöglichen all das!
Susanne treffe ich erstmals an der Kornockbahn Talstation. Jetzt im Herbst ist Ruhe eingekehrt, die Bahn startet erst später in den Tagesbetrieb und über uns hängen, leider, dicke, graue Wolken. Susanne ist dennoch zuversichtlich. Nicht, weil sich im Tagesverlauf eine leichte Wetterbesserung ankündigt, sondern weil die heutige Wanderung eine ganz besonders schöne sein soll – bei jedem Wetter. Und so machen wir uns mit großen Schritten auf den Weg gen Osten. Einer eindrucksvollen, naturbelassenen und archaischen Wildnis entgegen.
Zwischen Österreich und Skandinavien
Anfangs erscheint die Unternehmung unscheinbar. Ein lichtes Fichtenwäldchen. Märchenhafte Almwiesen. Und der Wanderweg, wie er sich verspielt durch die Natur schlängelt. Ich brauche einige Minuten, um den Kontrast zu spüren. Stand ich eben noch vor einem luxuriösen Hotel, in dem es an nichts fehlt, so bahne ich mir nun einen Weg durch die sanfte Bergwelt, die Schritt für Schritt an Schönheit gewinnt. Wie aber die Wolkendecke einen Blick freigibt, bin ich endgültig überwältigt. Vor Susanne und mir öffnet sich eine bilderbuchartige Wanderszenerie: Endlose Nadelwälder. Über diesen goldene Grashänge, die bis auf die Gipfel und Bergkämme hinaufziehen. Keine schroffen, abweisenden Felstürme, sondern einladend und lieblich, 2300 Meter, manche sogar 2400 Meter hoch. So liegen sie vor uns, die Nockberge.
Mit den Farben des Herbstes erinnert uns diese Kulisse an die nordische Tundra. Preiselbeerenaschend genießen wir diesen Augenblick, dann hüllt uns wieder eine Wolke ein, raubt uns die Sicht, bietet aber auch einen Moment zum Träumen, zum Nachdenken und Loslassen. Wortlos gehen wir weiter.
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